Etranacogen dezaparvovec
Etranacogen dezaparvovec ist ein innovativer Gentherapieansatz zur Behandlung von Hämophilie B. Durch den Einsatz eines Adeno-assoziierten Virusvektors (AAV) wird ein funktionsfähiges Faktor IX-Gen in die Leberzellen des Patienten eingebracht. Dies ermöglicht eine kontinuierliche endogene Produktion von Faktor IX, wodurch Blutungsereignisse reduziert werden.
Etranacogen dezaparvovec: Übersicht
Anwendung
Etranacogen dezaparvovec (Hemgenix) ist indiziert zur Behandlung von schwerer und mittelschwerer Hämophilie B (angeborener Faktor-IX-Mangel) bei erwachsenen Patienten ohne Faktor-IX-Inhibitoren in ihrer Vorgeschichte.
Wirkmechanismus
Etranacogen dezaparvovec ist ein Gentherapeutikum, das den menschlichen Gerinnungsfaktor IX exprimiert. Das Therapeutikum basiert auf einem nicht-replizierenden, rekombinanten Vektor, der vom Adeno-assoziierten Virus Serotyp 5 (AAV5) abgeleitet ist. Dieser Vektor trägt eine kodon-optimierte cDNA der menschlichen Gerinnungsfaktor IX-Variante R338L, auch bekannt als FIX-Padua.
Um sicherzustellen, dass die Expression des Faktors hauptsächlich in der Leber stattfindet, wird die cDNA von einem leberspezifischen Promotor, dem LP1, gesteuert. Durch diese spezifische Konstruktion ermöglicht Etranacogen dezaparvovec eine zielgerichtete und effiziente Produktion von Gerinnungsfaktor IX in den Leberzellen des Patienten, was zur Behandlung von Hämophilie B beiträgt.

Dosierung
Hemgenix wird als Einzeldosis von 2 x 1013 gc/kg Körpergewicht intravenös verabreicht, was 2 ml/kg Körpergewicht entspricht. Vor der Applikation wird Hemgenix mit 0,9%iger Natriumchlorid-Injektionslösung verdünnt.
Wirkungseintritt und Überwachung
- Die Wirkung von Etranacogen-dezaparvovec tritt innerhalb mehrerer Wochen nach der Verabreichung ein.
- In den ersten Wochen nach der Infusion kann eine Unterstützung mit exogenem humanem Faktor IX erforderlich sein.
- Es wird empfohlen, die Faktor-IX-Aktivität regelmäßig zu überwachen, z.B. wöchentlich für 3 Monate.
- Bei der Überwachung sollte immer derselbe Assay und dieselben Reagenzien verwendet werden.
Besondere Hinweise
- Ältere Patienten: Keine Dosisanpassung erforderlich; begrenzte Daten für Patienten über 65 Jahre.
- Nierenfunktionsstörung: Keine Dosisanpassung; nicht bei schwerer Nierenfunktionsstörung getestet.
- Leberfunktionsstörung: Keine Dosisanpassung; nicht für Patienten mit schweren Lebererkrankungen empfohlen.
- Patienten mit HIV: Keine Dosisanpassung; begrenzte Daten für HIV-positive Patienten.
- Kinder und Jugendliche: Die Sicherheit und Wirksamkeit bei Personen unter 18 Jahren wurde nicht untersucht.
Nebenwirkungen
Die meisten beobachteten Nebenwirkungen während der klinischen Studien waren mild. Eine häufige Nebenwirkung von AAV-basierten Gentherapien, die auch bei Hemgenix auftrat, ist ein Anstieg der Leberenzyme, der auf beginnende Leberschäden hindeutet und mit Kortikosteroiden behandelt werden kann.
Andere übliche und vorübergehende Nebenwirkungen umfassen Kopfschmerzen und grippeähnliche Symptome.
Wechselwirkungen
Bei der Verabreichung von Etranacogen dezaparvovec sind verschiedene Wechselwirkungen zu berücksichtigen. Die folgenden Punkte bieten einen Überblick über die wichtigsten Aspekte:
- Vor der Verabreichung: Die aktuellen Medikamente des Patienten sollten überprüft werden, um mögliche Wechselwirkungen zu vermeiden.
- Nach der Verabreichung: Die Begleitmedikation sollte insbesondere im ersten Jahr überwacht werden. Bei Hinzufügung eines neuen Medikaments ist eine engmaschige Überwachung der ALT- und Faktor-IX-Aktivitätsspiegel ratsam.
- Hepatotoxische Substanzen: Die Anwendung von Etranacogen dezaparvovec bei Patienten, die hepatotoxische Medikamente oder Substanzen einnehmen, ist nicht ausreichend erforscht. Es besteht das Risiko, dass die Wirksamkeit von Etranacogen dezaparvovec beeinträchtigt wird und das Risiko für Leberreaktionen steigt.
- Wechselwirkungen mit Kortikosteroiden: Medikamente, die die Plasmakonzentration von Kortikosteroiden beeinflussen (z. B. Wirkstoffe, die Cytochrom-P450 3A4 induzieren oder inhibieren), können die Wirksamkeit des Kortikosteroid-Behandlungsschemas beeinträchtigen.
- Impfungen: Vor der Verabreichung von Etranacogen dezaparvovec sollte der Impfstatus des Patienten überprüft werden. Während einer immunmodulatorischen Therapie sollten keine Lebendimpfstoffe verabreicht werden.
Kontraindikationen
Etranacogen dezaparvovec darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen sonstigen Bestandteil des Gentherapeutikums
- Aktiven Infektionen, sowohl akute wie unkontrollierte chronische
- Patienten mit bekannter fortgeschrittener Leberfibrose oder -zirrhose
Anwendungshinweise
- Bestimmung neutralisierender Anti-AAV5-Antikörper vor Therapiebeginn
- Titer über 1:678 Anti-AAV5-Antikörper können Therapiewirksamkeit verringern
- Begrenzte Daten bei Patienten mit Titer über 1:678
- Leberfunktionstests und bildgebende Verfahren vor Therapiebeginn; Lebertests im selben Labor durchführen
- Engmaschige Überwachung auf Infusionsreaktionen während und nach der Infusion
- Empfohlene Infusionsgeschwindigkeit einhalten
- Bei Infusionsreaktion Infusion verlangsamen oder stoppen, ggf. Kortikosteroid oder Antihistaminikum
- Auf mögliche Hepatotoxizität nach Behandlung überwachen
- Vorübergehende Erhöhungen der Lebertransaminasen möglich
- Lebertransaminasen engmaschig überwachen, Kortikosteroidbehandlung bei Anstieg erwägen
- Sicherheit bei schwerer Leberfunktionsstörung, Zirrhose, schwerer Leberfibrose oder Hepatitis B und C nicht untersucht
- Faktor-IX-Aktivität: niedrigere Werte mit chromogenem Substratassay
- Leberfunktion und Faktor IX in den ersten 3 Monaten überwachen
- Überwachung von ALT, AST und Kreatinphosphokinase nach Verabreichung
- Behandlung mit Kortikosteroiden bei erhöhten ALT-Werten
- Information über die Notwendigkeit von Verhütungsmaßnahmen
- Mit Hemgenix behandelte Patienten dürfen kein Blut, Organe, Gewebe und Zellen für Transplantationen spenden
- Noch unbekannt, ob Hemgenix-Therapie wiederholt werden kann und wie es andere Gentherapien beeinflussen könnte
- Malignitätsrisiko infolge einer Vektorintegration: Vektorintegration in das Humangenom beobachtet, aber klinische Relevanz und Malignitätsrisiko sind unbekannt
Alternativen
Bei der Behandlung von Hämophilie B stehen verschiedene therapeutische Ansätze zur Verfügung. Hier sind die wichtigsten Alternativen und ihre charakteristischen Unterschiede:
Rekombinante Faktor IX-Produkte (Alphanine®, Alprolix®, BeneFIX®, Idelvion®)
- Sie ersetzen den fehlenden oder defekten Gerinnungsfaktor IX bei Hämophilie B-Patienten.
- Im Gegensatz zu Gentherapien, die eine einmalige oder langfristige Lösung anstreben, erfordern diese Therapien regelmäßige Infusionen.
Für Patienten mit Hämophilie A gibt es ebenfalls einen gentherapeutischen Ansatz namens Valoctocogen Roxaparvovec. Dieses Präparat zielt darauf ab, die Produktion des fehlenden Faktor VIII zu stimulieren, um Blutungsereignisse bei Hämophilie A-Patienten zu verhindern.
- EMA: Fachinformation Hemgenix
- Heo, Young-A. "Etranacogene dezaparvovec: First approval." Drugs 83.4 (2023): 347-352.
- Thornburg, Courtney D. "Etranacogene dezaparvovec for hemophilia B gene therapy." Therapeutic Advances in Rare Disease 2 (2021): 26330040211058896.
- Shah, Jinesh, et al. "Comprehensive analysis and prediction of long-term durability of factor IX activity following etranacogene dezaparvovec gene therapy in the treatment of hemophilia B." Current Medical Research and Opinion 39.2 (2023): 227-237.
Abbildung
Dr. Isabelle Viktoria Maucher; Adapted from “AAV Vector Infection”, by BioRender.com (2023)










