Flunarizin
Flunarizin ist ein Calciumkanalblocker, der zur Prophylaxe der Migräne und zur symptomatischen Behandlung des vestibulären Schwindels eingesetzt wird. Durch seine Wirkung auf den Gleichgewichtssinn und die Regulation des zerebralen Blutflusses findet Flunarizin Anwendung bei Patienten, die auf andere medikamentöse Optionen nicht ausreichend ansprechen.
Flunarizin: Übersicht

Anwendung
Flunarizin wird zur Behandlung folgender neurologischer Erkrankungen eingesetzt:
- Zur symptomatischen Behandlung von fachärztlich abgeklärtem vestibulärem Schwindel infolge von anhaltenden Funktionsstörungen des Gleichgewichtsapparates (Vestibularapparates).
- Zur Prophylaxe bei diagnostisch abgeklärter, einfacher und klassischer Migräne bei Patienten mit häufigen und schweren Migräneanfällen, wenn die Behandlung mit Betablockern kontraindiziert ist oder keine ausreichende Wirkung gezeigt hat.
Anwendungsart
Flunarizin wird in Form von Hartkapseln oral eingenommen.
Wirkmechanismus
Flunarizin ist ein Calciumkanalblocker, der den transmembranösen Einstrom von Calciumionen hemmt, insbesondere in die glatte Gefäßmuskulatur. Dadurch kann es Vasokonstriktionen reduzieren, was für die Migräneprophylaxe von Bedeutung ist. Die genaue biochemische Wirkweise ist nicht abschließend geklärt, jedoch zeigen tierexperimentelle Studien einen spasmolytischen Effekt, der unter pathologischen Bedingungen klinisch relevant sein könnte.
Zusätzlich wurden antihistaminerge, antikonvulsive und antiarrhythmische Eigenschaften beobachtet, deren Bedeutung für den Menschen noch unklar ist. Auch zur Wirkung auf das vestibuläre System existieren verschiedene Hypothesen, die weiter erforscht werden müssen.
Pharmakokinetik
Die pharmakokinetischen Eigenschaften von Flunarizin sind wie folgt:
- Die maximale Plasmakonzentration wird 2–4 Stunden nach Einnahme erreicht.
- Das Verteilungsvolumen beträgt etwa 43 l/kg, was auf eine ausgeprägte Gewebeverteilung hinweist.
- Die Plasmaeiweißbindung liegt bei über 90 %, wodurch die Bioverfügbarkeit beeinflusst wird.
- Der Metabolismus erfolgt hauptsächlich in der Leber durch oxidative N-Dealkylierung.
- Die Ausscheidung erfolgt überwiegend biliär, die Plasmahalbwertszeit beträgt etwa 18 Tage.
Dosierung
Die Dosierung von Flunarizin richtet sich nach dem Behandlungsziel und der individuellen Verträglichkeit:
- Zur Migräneprophylaxe und bei vestibulärem Schwindel beträgt die empfohlene Anfangsdosis 10 mg (bzw. 5 mg bei über 65-Jährigen) einmal täglich am Abend.
- Für die Erhaltungstherapie kann die Dosis auf 5 mg täglich oder auf eine intermittierende Einnahme (5 Tage Einnahme, 2 Tage Pause) reduziert werden.
- Die maximale Behandlungsdauer sollte sechs Monate nicht überschreiten.
- Bei Kindern und Jugendlichen wird Flunarizin nicht empfohlen, da keine ausreichenden Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit vorliegen.
Nebenwirkungen
Bei der Anwendung von Flunarizin kann es u.a. zu folgenden Nebenwirkungen kommen:
- Sehr häufig (≥1/10): Gewichtszunahme.
- Häufig (≥1/100 bis <1/10): Müdigkeit, Somnolenz, Depression, Appetitsteigerung, Obstipation, Übelkeit, Myalgie, unregelmäßige Menstruation.
- Gelegentlich (≥1/1.000 bis <1/100): Parästhesien, Tremor, Angst, Apathie, Hyperhidrosis, Muskelzucken, Palpitationen.
- Selten oder nicht bekannt: Extrapyramidale Symptome (z. B. Parkinsonismus, Dyskinesien), Galaktorrhoe, Libidoverlust, zentrale seröse Chorioretinopathie (CSC).
Wechselwirkungen
Bei der gleichzeitigen Anwendung von Flunarizin mit folgenden Wirkstoffen können Wechselwirkungen auftreten:
- Sedativa und Alkohol können die sedierende Wirkung von Flunarizin verstärken.
- Topiramat erhöht die Flunarizin-Exposition um bis zu 16 %.
- Antiepileptika wie Carbamazepin, Valproat und Phenytoin können die Flunarizin-Plasmaspiegel senken.
Kontraindikationen
Flunarizin darf nicht angewendet werden bei Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen:
- Morbus Parkinson und anderen extrapyramidalen Störungen, da Flunarizin diese Symptome verstärken kann.
- Depressionen oder einer Vorgeschichte rezidivierender depressiver Episoden, da die Substanz depressive Verstimmungen begünstigen kann.
- Überempfindlichkeit gegenüber Flunarizin oder einem der sonstigen Bestandteile des Arzneimittels.
- Schwerer Leberinsuffizienz, da der Wirkstoff primär hepatisch metabolisiert wird.
- Schwangerschaft und Stillzeit, da keine ausreichenden Sicherheitsdaten vorliegen.
Schwangerschaft
Bisher liegen keine Erfahrungswerte zur Anwendung von Flunarizin in der Schwangerschaft vor. Studien an Tieren zeigten keine Hinweise auf schädliche Auswirkungen auf die Schwangerschaft, die embryonale oder fetale Entwicklung, die Geburt oder die postnatale Entwicklung. Dennoch wird aus Vorsichtsgründen von einer Anwendung in der Schwangerschaft abgeraten.
Stillzeit
Ob Flunarizin in die Muttermilch übergeht, ist beim Menschen nicht bekannt. Tierstudien deuten jedoch darauf hin, dass ein Übergang des Wirkstoffs in die Milch möglich ist. Daher sollte die Entscheidung, ob das Stillen unterbrochen oder die Behandlung mit Flunarizin fortgesetzt wird, individuell getroffen werden, wobei sowohl der Nutzen des Stillens für das Kind als auch der therapeutische Vorteil für die Mutter sorgfältig abgewogen werden sollten.
Verkehrstüchtigkeit
Zu Beginn der Behandlung kann Flunarizin zu Schläfrigkeit und verminderter Reaktionsfähigkeit führen. Daher sollten Patienten:
- Besondere Vorsicht beim Autofahren und Bedienen von Maschinen walten lassen.
- Alkoholkonsum während der Behandlung meiden, da dieser die sedierende Wirkung verstärken kann.
Anwendungshinweise
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Flunarizin zu beachten:
- Extrapyramidale und depressive Symptome: Flunarizin kann Bewegungsstörungen und depressive Verstimmungen verursachen. Besonders ältere Patienten sind anfällig für Symptome von Parkinsonismus, weshalb die Anwendung in dieser Patientengruppe mit besonderer Vorsicht erfolgen sollte.
- Regelmäßige ärztliche Kontrollen: Patienten sollten in regelmäßigen Abständen untersucht werden, um frühzeitig Anzeichen für extrapyramidale Störungen oder depressive Symptome zu erkennen und die Behandlung gegebenenfalls abzubrechen.
- Dosisbegrenzung: Die empfohlene Tagesdosis sollte nicht überschritten werden, da höhere Dosierungen das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen können.
- Zunehmende Müdigkeit: In seltenen Fällen kann es zu einer anhaltenden Zunahme von Müdigkeit kommen. Wenn dieser Effekt auftritt, sollte die Behandlung mit Flunarizin beendet werden.
- Unverträglichkeit von Inhaltsstoffen: Patienten mit einer seltenen erblichen Galactose-Intoleranz, völligem Lactasemangel oder einer Glucose-Galactose-Malabsorption dürfen Flunarizin nicht einnehmen.
Alternativen
Es gibt verschiedene Alternativen zu Flunarizin, abhängig vom Behandlungsziel:
- Migräneprophylaxe: Alternativen umfassen Betablocker (z. B. Metoprolol, Propranolol), Antikonvulsiva (z. B. Topiramat, Valproinsäure) sowie trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin).
- Vestibulärer Schwindel: In der Behandlung kommen Antihistaminika (z. B. Dimenhydrinat, Meclozin), Betahistin zur Verbesserung der Innenohrdurchblutung sowie zentral wirkende Vestibulosuppressiva wie Diazepam infrage. Letztere sollten jedoch nur kurzfristig angewendet werden.
Wirkstoff-Informationen
Fachinformation Flunarizin acis®, Stand August 2021.










