Galantamin
Galantamin ist ein reversibler Inhibitor der Acetylcholinesterase, der die Konzentration von Acetylcholin im Gehirn erhöht. Es verbessert Gedächtnis und Kognition bei Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz.
Galantamin: Übersicht

Anwendung
Galantamin ist indiziert zur symptomatischen Behandlung leichter bis mittelschwerer Demenz vom Alzheimer-Typ.
Wirkmechanismus
Galantamin hemmt das Enzym Acetylcholinesterase, wodurch der Abbau von Acetylcholin im Gehirn verlangsamt und dessen Verfügbarkeit erhöht wird. Dies verbessert die Übertragung von Nervensignalen und kann kognitive Funktionen bei Alzheimer-Patienten unterstützen. Zusätzlich moduliert Galantamin nikotinische Acetylcholinrezeptoren, was die neuronale Kommunikation weiter verstärkt und potenziell die Gedächtnisleistung verbessert.

Pharmakokinetik
Resorption
- Hohe Bioverfügbarkeit von etwa 88,5 %.
- Maximale Plasmakonzentration nach ca. 4,4 Stunden.
- Bei Retardform geringere Spitzenspiegel.
- Nahrung beeinflusst die Gesamtverfügbarkeit nicht wesentlich.
Verteilung
- Großes Verteilungsvolumen von etwa 175 l.
- Geringe Plasmaproteinbindung (ca. 18 %).
Metabolismus
- Überwiegend hepatischer Metabolismus über CYP2D6 und CYP3A4.
- Ein Großteil der Dosis wird metabolisiert. Metaboliten ohne klinisch relevante Bedeutung.
Elimination
- Halbwertszeit etwa 8–10 Stunden.
- Überwiegend renale Ausscheidung.
Besondere Hinweise
- Erhöhte Plasmaspiegel bei älteren Patienten bzw. bei Alzheimer-Erkrankung.
- Dosisproportionale Pharmakokinetik im Bereich von 8 mg bis 24 mg.
Dosierung
Dosierung für Galantamin bei Erwachsenen und älteren Patienten:
Anfangsdosis: 8 mg/Tag für 4 Wochen.
Erhaltungsdosis:
- Beginn mit 16 mg/Tag nach der Anfangsdosis, aufrechtzuerhalten für mindestens 4 Wochen.
- Erhöhung auf 24 mg/Tag kann nach sorgfältiger Beurteilung des therapeutischen Nutzens und der Verträglichkeit in Betracht gezogen werden.
- Reduktion auf 16 mg/Tag, wenn 24 mg/Tag nicht vertragen werden oder keine erhöhte Ansprechrate zeigen.
Behandlungsabbruch:
- Kein Rebound-Effekt nach abruptem Absetzen.
Wechsel der Darreichungsform:
- Gleiche Gesamttagesdosis beibehalten, Wechsel von Tabletten/Lösung zu retardierten Hartkapseln am Morgen nach der letzten Abenddosis.
Nierenfunktionsstörung:
- Keine Dosisanpassung bei Kreatinin-Clearance ≥ 9 ml/min.
- Nicht anwenden bei Kreatinin-Clearance < 9 ml/min.
Leberfunktionsstörung:
- Bei mäßiger Beeinträchtigung (Child-Pugh-Score 7 – 9): Start mit 8 mg jeden zweiten Tag für 1 Woche, dann täglich 8 mg für 4 Wochen. Maximal 16 mg/Tag.
- Bei schwerer Beeinträchtigung (Child-Pugh-Score > 9): Nicht anwenden.
- Keine Anpassung bei leichter Beeinträchtigung.
Begleitmedikation:
- Dosisreduktion bei Behandlung mit starken CYP 2D6- oder 3A4-Inhibitoren.
Nebenwirkungen
Die Nebenwirkungen von Galantamin können vielfältig sein und hängen oft von der individuellen Reaktion des Patienten auf das Medikament ab. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:
- Gastrointestinale Beschwerden: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Magenschmerzen sind häufig, besonders zu Beginn der Therapie.
- Zentralnervöse Störungen: Schwindel, Kopfschmerzen und Müdigkeit können auftreten.
- Herz-Kreislauf-Reaktionen: Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) und Blutdruckschwankungen sind möglich.
- Allgemeine Reaktionen: Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust können vorkommen.
- Psychiatrische Symptome: Schlafstörungen, Depressionen und Halluzinationen sind seltener, aber ernstzunehmende Nebenwirkungen. Gelegentlich können Albträume auftreten.
- Muskelkrämpfe: Diese können als Folge der erhöhten cholinergen Aktivität auftreten.
Wechselwirkungen
- Vermeidung gleichzeitiger Anwendung mit anderen Cholinomimetika: Dazu gehören Medikamente wie Ambenonium, Donepezil, Neostigmin, Pyridostigmin, Rivastigmin oder systemisch angewendetes Pilocarpin.
- Mögliche Antagonisierung von Anticholinergika: Galantamin kann die Wirkung von anticholinergen Medikamenten wie Atropin abschwächen. Ein plötzliches Absetzen dieser Medikamente kann die Wirkung von Galantamin verstärken.
- Vorsicht bei Medikamenten, die die Herzfrequenz senken: Dazu zählen Digoxin, Betablocker, bestimmte Calciumkanal-Blocker und Amiodaron. Bei diesen Kombinationen sollte eventuell ein EKG in Betracht gezogen werden.
- Vorsicht bei Medikamenten, die Torsades de pointes auslösen können: Hier ist besondere Vorsicht geboten und eventuell ein EKG sinnvoll.
- Verstärkung der Wirkung von Muskelrelaxanzien: Während einer Narkose kann Galantamin die Wirkung von Muskelrelaxanzien vom Succinylcholintyp verstärken, besonders bei einem Pseudocholinesterasemangel.
- Geringes Potenzial für pharmakokinetische Wechselwirkungen: Da Galantamin über mehrere Wege abgebaut und renal ausgeschieden wird, sind klinisch relevante Wechselwirkungen unwahrscheinlich, können aber in Einzelfällen auftreten.
- Verlangsamte Resorption bei Einnahme mit Nahrung: Die Resorptionsrate von Galantamin kann durch Nahrungsaufnahme verlangsamt werden, ohne das Ausmaß der Resorption zu beeinflussen. Es wird empfohlen, Galantamin mit den Mahlzeiten einzunehmen, um Nebenwirkungen zu minimieren.
- Interaktionen mit Medikamenten, die die Metabolisierung beeinflussen: Starke CYP2D6-Inhibitoren (wie Paroxetin oder Fluoxetin) oder CYP3A4-Inhibitoren (wie Ketoconazol oder Ritonavir) können die Bioverfügbarkeit von Galantamin erhöhen und die Häufigkeit von Nebenwirkungen steigern. In solchen Fällen kann eine Dosisanpassung notwendig sein.
- Keine Wechselwirkung mit Memantin: Memantin, ein NMDA-Rezeptor-Antagonist, beeinflusst die Pharmakokinetik von Galantamin nicht.
- Kein Einfluss auf die Kinetik von Digoxin und Warfarin: Therapeutische Dosen von Galantamin haben keinen Einfluss auf die Pharmakokinetik dieser Medikamente, obwohl pharmakodynamische Interaktionen möglich sind.
Kontraindikationen
Galantamin darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
- Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung (Child-Pugh-Score größer als 9)
- Patienten mit einer Kreatinin-Clearance von weniger als 9 ml/min
- Patienten, die gleichzeitig eine klinisch relevante Leber- und Nierenfunktionsstörung aufweisen
Schwangerschaft
Für Galantamin liegen keine ausreichenden Daten zur Anwendung bei Schwangeren vor. Tierexperimentelle Studien haben eine Reproduktionstoxizität gezeigt. Die Anwendung sollte daher nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen.
Stillzeit
Es ist nicht bekannt, ob Galantamin in die Muttermilch übergeht. Es wurden keine Studien an stillenden Frauen durchgeführt. Daher sollte während der Behandlung nicht gestillt werden.
Verkehrstüchtigkeit
Galantamin hat einen geringen bis mäßigen Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit. Insbesondere zu Beginn der Behandlung können Schwindel und Schläfrigkeit auftreten. Dadurch kann die Fähigkeit zum Führen von Fahrzeugen oder Bedienen von Maschinen beeinträchtigt sein.
Anwendungshinweise
- Indikation: Galantamin ist für leichte bis mittelschwere Alzheimer-Demenz vorgesehen. Es gibt keine Belege für einen Nutzen bei anderen Demenzformen oder Gedächtnisstörungen.
- Studien und Mortalitätsrate: In Studien bei Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung zeigte Galantamin keinen Nutzen hinsichtlich kognitiver Verschlechterung oder Progression zur Demenz. Gleichzeitig wurde eine signifikant erhöhte Mortalitätsrate im Vergleich zu Placebo beobachtet, häufig mit vaskulären Ursachen.
- Diagnose und Überwachung: Die Diagnose sollte von einem erfahrenen Arzt gestellt werden, und die Behandlung sollte nur beginnen, wenn eine regelmäßige Medikamenteneinnahme gewährleistet ist.
- Hautreaktionen: Schwere Hautreaktionen wurden berichtet. Bei Hautausschlag sollte die Behandlung abgebrochen werden.
- Gewichtsüberwachung: Alzheimer-Patienten können unter Galantamin an Gewicht verlieren, daher sollte das Gewicht regelmäßig kontrolliert werden.
- Vorsicht bei Herzerkrankungen: Galantamin kann vagotone Effekte auf die Herzfrequenz haben (z. B. Bradykardie, AV-Block). Vorsicht ist geboten bei kardiovaskulären Erkrankungen sowie bei gleichzeitiger Anwendung von Arzneimitteln, die die Herzfrequenz senken oder das QT-Intervall beeinflussen. Es wurden QT-Verlängerungen und Torsade de pointes berichtet.
- Gastrointestinale Vorsicht: Bei Risiko für Magengeschwüre oder nach gastrointestinalen Operationen ist Vorsicht geboten. Die Anwendung wird bei gastrointestinaler Obstruktion oder in der Rekonvaleszenz nach gastrointestinalen Operationen nicht empfohlen.
- Nervensystem: Krampfanfälle wurden gemeldet, können aber auch Teil der Alzheimer-Erkrankung sein. Bei Parkinsonsymptomen ist Vorsicht geboten. Gelegentlich wurden auch zerebrovaskuläre Ereignisse beobachtet.
- Atemwegserkrankungen: Bei schwerem Asthma, obstruktiven Lungenerkrankungen oder akuten pulmonalen Infektionen sollte Galantamin vorsichtig eingesetzt werden.
- Nieren- und Harnwegserkrankungen: Die Anwendung wird bei Obstruktion der ableitenden Harnwege oder in der Rekonvaleszenz nach Blasenoperation nicht empfohlen.
- Chirurgische Eingriffe: Aufgrund cholinomimetischer Effekte kann Galantamin unter Narkose die Wirkung von Muskelrelaxanzien vom Succinylcholin-Typ verstärken und erfordert daher Vorsicht bei Operationen.
Alternativen
Alternativen zu Donepezil, die zur Behandlung der Symptome von Alzheimer-Demenz eingesetzt werden können, umfassen:
Wirkstoff-Informationen
Fachinformation Galantamin Heumann, Stand: 07/2024.
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