Insulin detemir

Insulin detemir wird zur Behandlung von Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2 verwendet. Es hilft als Basalinsulin bei der Kontrolle des Blutzuckerspiegels über einen längeren Zeitraum und wird oft in Kombination mit kurz wirkenden Insulinen eingesetzt.

Anwendung

Insulin detemir ist indiziert für die Behandlung des Diabetes mellitus bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ab dem Alter von 1 Jahr.

Anwendungsart

Allgemeine Anwendungshinweise

Insulin detemir ist ausschließlich für die subkutane Verabreichung vorgesehen und darf nicht intravenös oder intramuskulär appliziert werden, um schwerwiegende Hypoglykämien zu vermeiden. Die Verwendung in Insulininfusionspumpen ist ebenfalls nicht gestattet.

Injektionstechnik

Insulin detemir sollte mittels Injektion in das subkutane Fettgewebe der Bauchdecke, des Oberschenkels, Oberarms, des Schulterbereichs oder des Gesäßbereichs verabreicht werden. Es ist wichtig, die Injektionsstellen innerhalb des gewählten Bereichs regelmäßig zu wechseln, um das Risiko von Lipodystrophie und kutaner Amyloidose zu reduzieren. Die Wirkdauer von Insulin detemir kann variieren und hängt von Faktoren wie der Dosis, der Injektionsstelle, der Durchblutung, der Umgebungstemperatur und der körperlichen Aktivität ab.

Dosierung und Verabreichungszeitpunkt

Insulin detemir kann zu jeder Tageszeit injiziert werden, sollte jedoch täglich zur gleichen Zeit verabreicht werden, um eine gleichmäßige Wirkung zu gewährleisten. Bei Bedarf einer zweimal täglichen Dosierung zur optimalen Blutzuckerkontrolle kann die zweite Dosis am Abend oder vor dem Zubettgehen verabreicht werden.

Wirkmechanismus

Insulin detemir ist ein lang wirkendes Insulinanalogon, das durch die Modifikation der Aminosäuresequenz des humanen Insulins hergestellt wird. Die verlängerte Wirkung dieses Insulins resultiert aus der starken Selbstassoziation der Moleküle an der Injektionsstelle und der Bindung an Blutplasma-Albumin durch eine Fettsäure-Seitenkette. Diese Mechanismen ermöglichen eine langsamere und gleichmäßigere Freisetzung des Insulins, was zu einem stabilen und vorhersehbaren Wirkprofil führt.

Insulin detemir bindet an die Insulinrezeptoren in Muskel- und Fettzellen, wodurch die Glukoseaufnahme in die Zellen gefördert und die Glukoseproduktion in der Leber reduziert wird.

Insulin Glut 4

Pharmakokinetik

Resorption

  • Maximale Serumkonzentration: Erreicht innerhalb von sieben bis acht Stunden nach subkutaner Injektion.
  • Linearität: Die maximale Konzentration und der Resorptionsgrad zeigen eine lineare Beziehung zur verabreichten Dosis im therapeutischen Bereich.
  • Steady-State: Wird nach zwei bis drei Dosen erreicht, besonders wenn zweimal täglich verabreicht.
  • Bioverfügbarkeit: Etwa 60% bei subkutaner Injektion.
  • Intraindividuelle Variabilität: Geringer im Vergleich zu anderen Basalinsulinen.

Verteilung

  • Verteilungsvolumen: Ungefähr 0,1 l/kg, was auf eine vorwiegende Verteilung im Blutkreislauf hindeutet.
  • Proteinbindung: Es sind keine klinisch relevanten Wechselwirkungen zwischen Insulin detemir und anderen proteingebundenen Substanzen oder Fettsäuren bekannt.

Metabolismus (Biotransformation)

  • Metabolisierung: Der Abbau erfolgt ähnlich wie bei Humaninsulin; alle entstehenden Metaboliten sind inaktiv.

Elimination

  • Halbwertszeit: Die terminale Halbwertszeit liegt zwischen fünf und sieben Stunden, abhängig von der Dosis und bestimmt durch die Resorptionsrate aus dem subkutanen Gewebe.

Spezielle Populationen

Ältere Patienten (≥ 65 Jahre):

  • Es wurden kein klinisch relevanter Unterschied in der Pharmakokinetik von Insulin detemir zwischen älteren und jüngeren Patienten festgestellt.

Beeinträchtigung der Nieren- und Leberfunktion:

  • Es wurden keine signifikanten Unterschiede in der Pharmakokinetik von Insulin detemir zwischen Patienten mit Nieren- oder Leberfunktionsstörungen und gesunden Probanden.
  • Aufgrund der begrenzten Daten wird eine sorgfältige Überwachung der Plasmaglucosekonzentration bei Patienten mit eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion empfohlen.

Geschlecht:

  • Es wurden keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Pharmakokinetik festgestellt, die klinisch relevant wären.

Kinder und Jugendliche:

  • Es wurden keine klinisch relevanten Unterschiede in den pharmakokinetischen Eigenschaften zwischen Kleinkindern (1 bis 5 Jahre), Kindern (6 bis 12 Jahre), Jugendlichen (13 bis 17 Jahre) und Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes festgestellt.

Dosierung

Allgemeine Informationen

  • Basiseinheit: Ein Fertigpen mit 3 ml Injektionslösung enthält 300 Einheiten Insulin detemir.
  • Einheit: 1 Einheit Insulin Detemir entspricht 1 Internationalen Einheit Humaninsulin.

Anwendungshinweise

Anfangsdosis

  • Erwachsene: Beginn mit 10 Einheiten oder 0,1 - 0,2 Einheiten/kg Körpergewicht einmal täglich.
  • Bei Kombination mit GLP-1-Rezeptor-Agonisten: Empfohlene Dosisreduktion um 20%.

Dosisanpassung für Erwachsene

Typ 1 und Typ 2 Diabetes: Anpassung basierend auf der durchschnittlichen, vor dem Frühstück gemessenen Plasmaglucose:

  • 10,0 mmol/l (180 mg/dl): +8 Einheiten
  • 9,1 - 10,0 mmol/l (163 - 180 mg/dl): +6 Einheiten
  • 8,1 - 9,0 mmol/l (145 - 162 mg/dl): +4 Einheiten
  • 7,1 - 8,0 mmol/l (127 - 144 mg/dl): +2 Einheiten
  • 6,1 - 7,0 mmol/l (109 - 126 mg/dl): +2 Einheiten
  • 4,1 - 6,0 mmol/l (73 - 108 mg/dl): Keine Änderung
  • 3,1 - 4,0 mmol/l (56 - 72 mg/dl): -2 Einheiten
  • <3,1 mmol/l (<56 mg/dl): -4 Einheiten

Besondere Patientengruppen

  • Kinder und Jugendliche: Ab 1 Jahr anwendbar; Dosisanpassung individuell nach intensivierter Blutzuckerüberwachung. Nicht empfohlen für Kinder unter 1 Jahr.
  • Ältere Patienten (>65 Jahre): Intensivierte Überwachung und ggf. Dosisanpassung erforderlich.
  • Nieren- oder Leberfunktionsstörungen: Möglicherweise verringerter Insulinbedarf; intensivierte Überwachung und ggf. Dosisanpassung empfohlen.

Besonderheiten bei der Dosisanpassung

  • Bei intensivierter körperlicher Aktivität, Änderung der Ernährungsgewohnheiten oder während Begleiterkrankungen kann eine Dosisanpassung erforderlich sein.
  • Es wird eine intensivierte Überwachung des Blutzuckers während der Umstellung von anderen Insulinpräparaten und in den ersten Wochen danach empfohlen.

Überdosierung

Bei der Überdosierung von Insulin detemir kann es stufenweise zu Hypoglykämien kommen, deren Schweregrad je nach Überschuss der Dosis im Vergleich zum individuellen Bedarf des Patienten variiert. Bei leichten Hypoglykämien kann die Einnahme von Glucose oder zuckerhaltigen Lebensmitteln Abhilfe schaffen. Es ist empfehlenswert, dass Diabetiker stets zuckerhaltige Lebensmittel griffbereit haben.

Schwere Hypoglykämien, die zu Bewusstlosigkeit führen, erfordern dringendere Maßnahmen: Diese umfassen die Verabreichung von Glucagon (0,5 bis 1 mg) durch eine geübte Person mittels Injektion oder die intravenöse Gabe von Glucose durch medizinisches Fachpersonal. Reagiert der Patient nicht binnen 10 bis 15 Minuten auf Glucagon, muss Glucose intravenös verabreicht werden. Nachdem der Patient das Bewusstsein wiedererlangt, ist es ratsam, ihm Kohlenhydrate zu geben, um das Risiko eines Rückfalls zu minimieren.

Nebenwirkungen

Zu den häufigen Nebenwirkungen, die während einer Therapie mit Insulin detemir auftreten können, zählen:

  • Hypoglykämie
  • Reaktion an der Injektionsstelle

Wechselwirkungen

Durch die Beeinflussung des Glucosestoffwechsels von einigen Arzneimitteln sind folgende Wechselwirkungen bei der Anwendung von Insulin detemir zu beachten:

Substanzen, die den Insulinbedarf senken können

Substanzen, die den Insulinbedarf erhöhen können

Besondere Hinweise

  • ß-Blocker können die Symptome einer Hypoglykämie verschleiern.
  • Octreotid/Lanreotid kann den Insulinbedarf sowohl senken als auch erhöhen.
  • Alkohol kann die blutzuckersenkende Wirkung von Insulin verstärken oder verringern.

Kontraindikationen

Die Anwendung von Insulin detemir ist generell kontraindiziert bei: 

  • Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff

Schwangerschaft

Insulin detemir kann während der Schwangerschaft verwendet werden, wobei der Nutzen gegen mögliche Risiken abgewogen werden muss. Schwangere Frauen mit Diabetes sollten engmaschig überwacht werden, da sich der Insulinbedarf während der Schwangerschaft ändert. Eine klinische Studie und zusätzliche Marktdaten zeigen keine signifikanten negativen Auswirkungen von Insulin detemir auf Schwangerschaftsergebnisse, einschließlich Geburtsfehlern oder neonataler Toxizität. Tierstudien bestätigen ebenfalls keine reproduktionstoxischen Effekte.

Stillzeit

Es gibt keine Belege dafür, dass Insulin detemir in die Muttermilch übergeht. Selbst wenn es übergehen würde, würde es voraussichtlich keinen metabolischen Effekt auf das gestillte Kind haben. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Insulin detemir im menschlichen Magen-Darm-Trakt zu Aminosäuren abgebaut wird. Stillende Frauen, die Insulin detemir verwenden, müssen möglicherweise ihre Insulindosis und Ernährung anpassen, um eine optimale Blutzuckerkontrolle sicherzustellen.

Verkehrstüchtigkeit

Hypoglykämie kann die Konzentration und Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen, was besonders riskant ist beim Fahren oder Bedienen von Maschinen. Patienten sollten Maßnahmen ergreifen, um Hypoglykämien in solchen Situationen zu vermeiden. Insbesondere Patienten, die häufig unter Hypoglykämien leiden oder die typischen Warnsymptome nicht wahrnehmen, sollten sorgfältig überlegen, ob sie ein Fahrzeug führen sollten. Dies ist entscheidend, um sowohl ihre Sicherheit als auch die Sicherheit anderer zu gewährleisten.

Anwendungshinweise

Bei der Anwendung von Insulin detemir sind folgende Warnhinweise zu beachten:

Zeitzonenwechsel

  • Reisende, die Zeitgrenzen überschreiten, müssen mit ihrem Arzt über Anpassungen der Insulinverabreichung und Mahlzeiten sprechen.

Hyperglykämie

  • Unzureichende Dosierung oder Therapieunterbrechungen, besonders bei Typ-1-Diabetes, können zu Hyperglykämie und diabetischer Ketoazidose führen, die lebensbedrohlich sein kann. 
  • Symptome umfassen erhöhten Durst, Übelkeit, Müdigkeit und Acetongeruch der Atmung.

Hypoglykämie

  • Kann durch Auslassen von Mahlzeiten oder intensive körperliche Aktivität verursacht werden. Eine Überdosierung von Insulin detemir erhöht dieses Risiko. 
  • Bei Anzeichen einer Hypoglykämie sollte die geplante Insulingabe ausgelassen und der Blutzucker stabilisiert werden, bevor eine Dosisanpassung in Betracht gezogen wird.

Warnsymptome bei Hypoglykämie

  • Bei langjährigen Diabetes-Patienten oder nach Verbesserung der Blutzuckereinstellung durch intensivierte Insulintherapie können Warnsymptome einer Hypoglykämie schwächer werden oder sich verändern.

Begleiterkrankungen

  • Zustände wie Infektionen, Fieber oder Erkrankungen der Nieren, Leber oder endokrinen Drüsen können den Insulinbedarf verändern und Anpassungen der Dosierung notwendig machen.

Umstellung von anderen Insulinpräparaten

  • Patienten, die von einem anderen Insulintyp oder einer anderen Marke umgestellt werden, benötigen eine sorgfältige medizinische Überwachung.
  • Bei einem Wechsel zu einem anderen Insulinprodukt können sich die Warnsymptome einer Hypoglykämie anders darstellen.
  • Dosisanpassungen können sofort oder innerhalb der ersten Wochen bis Monate nach der Umstellung nötig sein.

Reaktionen an der Injektionsstelle

  • Mögliche Reaktionen umfassen Schmerzen, Rötungen, Entzündungen, Blutergüsse, Schwellungen und Juckreiz.
  • Regelmäßiger Wechsel der Injektionsstelle innerhalb eines Bereichs kann helfen, diese Reaktionen zu minimieren.
  • Schwere Reaktionen können das Absetzen von Insulin detemir erforderlich machen.

Erkrankungen der Haut und des Unterhautzellgewebes

  • Regelmäßiges Wechseln der Injektionsstelle ist erforderlich, um Lipodystrophie und kutane Amyloidose zu verhindern.
  • Hypoglykämie kann auftreten, wenn von einem betroffenen Bereich zu einem nicht betroffenen gewechselt wird. Eine Überwachung des Blutzuckers und eventuell eine Dosisanpassung sind dann notwendig.

Hypalbuminämie

  • Bei Patienten mit schwerer Hypalbuminämie ist eine sorgfältige Überwachung notwendig, da nur begrenzte Daten vorhanden sind.

Kombination mit Pioglitazon

  • Bei der Kombination von Insulin detemir mit Pioglitazon, insbesondere bei Patienten mit Risikofaktoren für Herzinsuffizienz, gibt es Berichte über Herzinsuffizienz.
  • Patienten sollten auf Anzeichen von Herzinsuffizienz, Gewichtszunahme und Ödeme überwacht werden. Bei Verschlechterung der kardialen Symptome sollte Pioglitazon abgesetzt werden.

Vermeidung von Medikationsfehlern

  • Patienten sollten angewiesen werden, vor jeder Injektion das Insulinetikett zu überprüfen, um Verwechslungen mit anderen Insulinen zu vermeiden.

Alternativen

Alternative lang wirkende Insuline umfassen das NPH-Verzögerungsinsulin (neutrales Protamininsulin Hagedorn), sowie Insulin glargin und Insulin degludec. Die Wahl des Insulinpräparats sollte auf individueller Basis unter Berücksichtigung der spezifischen Bedürfnisse des Patienten, seines Lebensstils und seiner Präferenzen erfolgen.

Autor:
Stand:
13.08.2024
Quelle:
  1. Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer
  2. Fachinformationen ausgewählter Insulin detemir Hersteller (z. B. Levemir FlexPen 100 Einheiten/ml Injektionslösung in einem Fertigpen, kohlpharma)

Abbildung

Adapted from “Insulin Pathway”, by BioRender.com

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