Johanniskraut

Johanniskraut ist ein pflanzliches Antidepressivum, das über die Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin sowie adaptive Rezeptorveränderungen wirkt. Es findet Anwendung bei leichten depressiven Episoden.

Anwendung

Johanniskraut wird angewendet bei:

  • leichten depressiven Episoden und
  • vorübergehenden depressiven Verstimmungen.

Vor allem im Zusammenhang mit Anpassungsstörungen, leichten Stimmungsschwankungen und saisonalen depressiven Verstimmungen. Grundsätzlich sollte nur eine milde Symptomatik vorliegen, um eine Selbstmedikation zu rechtfertigen.

Anwendungsart

Die übliche Darreichungsform von Johanniskraut als Filmtablette oder Hartkapsel wird unzerkaut mit ausreichend Flüssigkeit zu oder nach einer Mahlzeit eingenommen.

Eine kontinuierliche Anwendung über mindestens zwei bis vier Wochen wird für den Wirkeintritt empfohlen.

Wirkmechanismus

Der antidepressive Wirkmechanismus von Johanniskraut ergibt sich aus einem komplexen Zusammenspiel bioaktiver Inhaltsstoffe, insbesondere Hyperforin, Hypericin und Flavonoiden. Zentral ist die Hemmung der präsynaptischen Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin.

Hyperforin induziert über den Pregnan-X-Rezeptor (PXR) CYP-Enzyme und p-Glykoprotein,, was auch pharmakokinetische Interaktionen erklärt. Zusätzlich kommt es zu einer Downregulation β-adrenerger Rezeptoren und einer Modulation der HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse), wodurch die Stressantwort gedämpft wird.

Tierexperimentelle Daten zeigen eine Beeinflussung serotonerger und GABAerger Signalwege sowie eine Normalisierung der ACTH- und Cortisolfreisetzung. Die Gesamtwirkung wird somit multimodal über neurotransmitterbezogene, neurohormonelle und neuroimmunologische Signalpfade vermittelt.

Pharmakokinetik

Resorption

  • Hypericin, Pseudohypericin und Hyperforin erreichen Tmax in ca. 2,7 bis 7,9 Stunden (900 mg Einzeldosis Trockenextrakt)
  • Bioverfügbarkeit ist variabel und hängt von der Extraktart sowie individuellen Unterschieden in der Enzymaktivität ab

Verteilung

  • Hyperforin und bestimmte Flavonoide überwinden die Blut-Hirn-Schranke
  • Verteilungsvolumen von Hypericin beträgt ca. 162 Liter
  • Akkumulation bei therapeutischer Dosierung nach 14 Tagen nicht nachgewiesen

Elimination

  • Halbwertszeiten (t1/2) schwanken innerhalb der verschiedenen Präparate
  • Hypericin t1/2 ca. 24-36 Stunden
  • Pseudohypericin t1/2 ca. 18-24 Stunden
  • Hyperforin t1/2 ca. 17-40 Stunden, teilweise 63 Stunden
  • Ausscheidung erfolgt vorwiegend über die Leber, eine nennenswerte renale Exkretion liegt nicht vor

Dosierung

Empfohlene Dosierung von Johanniskraut-Trockenextrakt:

Standarddosierung

  • Gesamtdosis: 600-900 mg/Tag
  • 1-2 Gaben täglich
  • Erwachsene und Jugendliche über 12 Jahre

Anfangsdosis (optional), Wirksamkeit ggf. vermindert

  • Gesamtdosis: unter 600 mg/Tag
  • 1 Gabe täglich
  • ggf. empfindliche Patienten

Dauer der Anwendung mindestens 2 bis 4 Wochen bis zum Wirkeintritt. 4 bis 6 Wochen regelmäßige Einnahme, danach sollten Verlaufskontrollen durchgeführt werden. Bei ausbleibender Verbesserung der Symptomatik soll eine ärztliche Neubeurteilung stattfinden.

Nebenwirkungen

Mögliche Nebenwirkungen von Johanniskraut-Trockenextrakt (meist selten, Häufigkeit oft unbekannt):

  • Photosensibilisierung
  • Allergische Hautreaktionen
  • Gastrointestinale Beschwerden (z. B. Übelkeit, Diarrhö)
  • Müdigkeit
  • Unruhe

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Johanniskraut zu beachten:

  • Abschwächung der Wirkung anderer Medikamente: Johanniskraut kann Leberenzyme (v. a. CYP3A4, CYP2C9, CYP2C19) und Transportproteine wie  p-Glykoprotein induzieren. Dadurch werden viele Arzneistoffe schneller abgebaut, was ihre Wirkung deutlich verringern kann.
  • Beeinträchtigung der Empfängnisverhütung: Die Wirkung hormoneller Kontrazeptiva kann abgeschwächt sein – es besteht das Risiko von Zwischenblutungen und ungewollter Schwangerschaft. Eine zusätzliche Verhütung wird empfohlen.
  • Verminderte Wirksamkeit folgender Medikamente: Immunsuppressiva (z. B. Ciclosporin, Tacrolimus), HIV-Medikamente (z. B. Indinavir, Nevirapin), Zytostatika (z. B. Imatinib, Irinotecan), Blutgerinnungshemmer (z. B. Warfarin, Phenprocoumon), Herzmittel und andere: Digoxin, Verapamil, Simvastatin, Methadon, Theophyllin
  • Verstärkung serotonerger Wirkungen: In Kombination mit anderen Antidepressiva (z. B. SSRI wie Sertralin oder Paroxetin) oder Migränemitteln (z. B. Triptane) kann es zu einem Serotoninsyndrom kommen.
  • Erhöhte Lichtempfindlichkeit: Bei gleichzeitiger Einnahme mit anderen photosensibilisierenden Substanzen (z. B. Tetrazykline) kann sich das Risiko für Hautreaktionen durch Sonnenlicht erhöhen.
  • Wechselwirkungen im OP-Kontext: Ein Absetzen von Johanniskraut ist ggf. erforderlich (mind. 1 Woche vorher).

Kontraindikationen

Johanniskraut darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegen Johanniskraut oder einen der sonstigen Bestandteile
  • Bekannter Lichtüberempfindlichkeit der Haut
  • Gleichzeitiger Einnahme folgender Arzneistoffe, da Wirkverlust oder toxische Effekte möglich sind: Immunsuppressiva (z. B. Ciclosporin, Tacrolimus, Sirolimus, Everolimus), HIV-Therapeutika (z. B. Indinavir, Nevirapin, Fosamprenavir, Efavirenz, Abacavir), Zytostatika (z. B. Irinotecan, Imatinib), Antikoagulanzien vom Cumarin-Typ (z. B. Warfarin, Phenprocoumon), Hormonelle Kontrazeptiva
  • Schwere depressive Episoden
  • Schwangerschaft und Stillzeit 
  • Kinder unter 12 bzw. 18 Jahren (je nach Präparat/Dosis)
  • Patienten mit Galactose-Intoleranz, Lactasemangel oder Glucose-Galactose-Malabsorption, sofern Lactose enthalten ist
  • Soja- oder Erdnussallergie, wenn das Präparat Sojabohnenmehl enthält (z. B. Jarsin) (anaphylaktische Reaktion möglich)

Schwangerschaft

Anwendung nicht empfohlen aufgrund mangelnder Datenlage.

Stillzeit

Anwendung nicht empfohlen, es ist nicht bekannt ob Inhaltsstoffe in die Muttermilch übergehen.

Verkehrstüchtigkeit

Besonders zu Beginn der Behandlung sollte beim Führen von Fahrzeugen oder Bedienen von Maschinen Vorsicht gelten.

Anwendungshinweise

Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Johanniskraut zu beachten:

  • Lichtempfindlichkeit der Haut: Bei intensiver Sonnenbestrahlung kann es v. a. bei hellhäutigen Personen zu sonnenbrandähnlichen Reaktionen kommen.
  • Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln: Johanniskraut kann Enzyme und Transportproteine aktivieren und dadurch die Wirkung vieler Medikamente abschwächen oder verstärken.
  • Verlust der Empfängnissicherheit: Die Wirkung hormoneller Verhütungsmittel kann herabgesetzt sein – zusätzliche Verhütungsmaßnahmen sind empfohlen.
  • Gefahr eines Serotoninsyndroms: Die Kombination mit anderen serotonergen Substanzen (z. B. SSRI, Triptanen) kann zu einer gefährlichen Überstimulation des Nervensystems führen – Kombinationen sollten nur mit Vorsicht und unter Kontrolle erfolgen.
  • Vorsicht vor operativen Eingriffen: Johanniskraut kann die Wirkung von Narkosemitteln beeinflussen.
  • Nicht für Kinder geeignet: Die Anwendung bei Kindern unter 12 bzw. 18 Jahren (je nach Präparat) wird nicht empfohlen, da keine ausreichenden Sicherheitsdaten vorliegen.
  • Unverträglichkeiten gegenüber Hilfsstoffen: Einige Präparate enthalten Lactose oder Soja – bei bekannten Unverträglichkeiten oder Allergien sind diese Präparate kontraindiziert.

Alternativen

Alternativen zu Johanniskraut bei leichten depressiven Episoden:

  • Baldrian
  • Lavendelöl
  • Passionsblume
  • Rosenwurz (Rhodiola rosea)
  • Safranextrakt
  • Omega-3-Fettsäuren

Diese Alternativen wirken stimmungsstabilisierend, anxiolytisch oder adaptogen, meist mit moderater Evidenz bei leichten depressiven Verstimmungen. Sie gelten als gut verträglich und kommen insbesondere bei Patienten mit dem Wunsch nach nicht-medikamentöser oder pflanzlicher Behandlung infrage.

Wirkstoff-Informationen

Vaterstoff:
Autor:
Stand:
11.09.2025
Quelle:
  1. Fachinformation Laif® 900 Balance (2022). Bayer Vital GmbH. Leverkusen
  2. Fachinformation Johanniskraut MADAUS Hartkapseln (2022). Viatris Healthcare GmbH. Troisdorf
  3. Fachinformation Jarsin® 450 mg (2024). Cassella-med GmbH & Co. KG. Köln
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1 Präparate mit Johanniskraut