Methenamin

Methenaminhippurat erlebt als Harnantiseptikum eine Renaissance in der Prophylaxe rezidivierender Harnwegsinfektionen. Der Wirkstoff setzt im sauren Urin Formaldehyd frei und wirkt so antibakteriell – ein altbewährtes Prinzip.

Methenamin

Anwendung

Indikationen

Methenaminhippurat (Cystohipp) wird angewendet zur prophylaktischen oder suppressiven Behandlung rezidivierender bakterieller Infektionen der Harnwege. Dazu gehören die Langzeitprophylaxe nach Erstbehandlung rezidivierender Infektionen mit geeigneten Chemotherapeutika, die Prävention rezidivierender Zystitis sowie die Prophylaxe bei Patienten mit Verweilkathetern.

Anwendungsart

Methenaminhippurat ist in Form von Tabletten zu 1 g erhältlich. Die Tabletten können halbiert oder zerkleinert werden, falls das Schlucken erschwert ist. Bei alkalischem Urin kann die gleichzeitige Gabe eines Säuerungsmittels erforderlich sein, um die Wirksamkeit sicherzustellen.

Wirkmechanismus

Methenaminhippurat ist ein Harnantiseptikum, dessen antibakterielle Wirkung auf der Freisetzung von Formaldehyd im Urin beruht. Nach oraler Einnahme wird Methenamin im sauren Urin hydrolysiert und setzt Formaldehyd frei. Formaldehyd denaturiert bakterielle Proteine und Nukleinsäuren und wirkt dadurch bakterizid. Methenaminhippurat ist wirksam gegen Escherichia coli, Enterokokken und Staphylokokken. Gegen ureasebildende Bakterien wie Pseudomonas und einige Proteus-Stämme ist die Wirksamkeit eingeschränkt, da diese den Urin-pH erhöhen. Die Hippursäure-Komponente trägt zusätzlich zur antibakteriellen Wirkung bei.

Pharmakokinetik

Resorption

  • Methenaminhippurat wird nach oraler Gabe rasch aus dem Gastrointestinaltrakt resorbiert.
  • Maximale Plasmaspiegel werden nach ein bis zwei Stunden erreicht.

Verteilung

  • Methenamin passiert die Plazenta und geht in die Muttermilch über.

Metabolismus

  • Die Freisetzung des aktiven Wirkstoffs erfolgt durch nicht-enzymatische Hydrolyse im sauren Urin zu Formaldehyd und Ammoniak.
  • Eine nennenswerte hepatische Metabolisierung findet nicht statt.

Elimination

  • Etwa 80 % der verabreichten Dosis werden renal ausgeschieden.
  • Die Ausscheidung erfolgt durch tubuläre Sekretion und glomeruläre Filtration.
  • Die Plasmahalbwertszeit beträgt etwa vier Stunden.

Besondere Hinweise

  • Die Wirksamkeit ist pH-abhängig: Ein saurer Urin (pH <6) ist Voraussetzung für die ausreichende Freisetzung von Formaldehyd.
  • Bei Patienten mit ureasebildenden Bakterien oder alkalischem Urin kann die Wirksamkeit vermindert sein.

Dosierung

  • Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren: 1 g zweimal täglich (morgens und abends).
  • Katheterpatienten: Bis zu 1 g dreimal täglich.
  • Kinder 6–12 Jahre: 0,5 g zweimal täglich.
  • Kinder unter 6 Jahren: Keine Daten vorhanden; Anwendung nicht empfohlen.
  • Ältere Patienten: Eine vorsichtige Dosierung wird empfohlen, in der Regel beginnend am unteren Ende des Dosierungsbereichs.
  • Dosisanpassung: Vor Beginn der Prophylaxe muss eine bestehende Infektion mit geeigneten Antibiotika eliminiert werden. Regelmäßige Urinkulturen zur Wirksamkeitskontrolle werden empfohlen.

Nebenwirkungen

  • Häufig: Übelkeit, Erbrechen.
  • Selten: Diarrhö, Abdominalschmerz, Hautausschlag, Pruritus, Dysurie, Blasenreizung, Hämaturie.
  • Bei hohen Dosierungen können Albuminurie, Hämaturie und Blasenreizungen auftreten.

Wechselwirkungen

Bei der Anwendung von Methenaminhippurat sind folgende Wechselwirkungen zu beachten:

  • Alkalisierende Arzneimittel und Antazida: Erhöhen den Urin-pH und vermindern dadurch die antibakterielle Wirkung von Methenaminhippurat. Eine gleichzeitige Anwendung sollte vermieden werden
  • Sulfonamide: Bei gleichzeitiger Anwendung besteht ein erhöhtes Risiko für die Bildung unlöslicher Ausfällungen im Urin. Die gleichzeitige Gabe sollte vermieden werden.
  • Labordiagnostische Untersuchungen: Methenaminhippurat kann die Bestimmung von Östriol, Katecholaminen, Vanillinmandelsäure und 5-Hydroxyindolessigsäure im Urin beeinflussen.

Kontraindikationen

Methenaminhippurat darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegen Methenaminhippurat oder einen der sonstigen Bestandteile
  • Formaldehyd-Intoleranz
  • schwerer Niereninsuffizienz oder Nierenversagen
  • schwerer Leberinsuffizienz
  • schwerer Dehydratation
  • metabolischer Azidose
  • Niereninfektionen
  • Gicht
  • gleichzeitiger Anwendung von Sulfonamiden

Schwangerschaft

Begrenzte Daten aus 300–1.000 dokumentierten Schwangerschaften zeigen keine Hinweise auf Fehlbildungen. Als Vorsichtsmaßnahme sollte Methenaminhippurat während der Schwangerschaft vermieden werden.

Stillzeit

Methenaminhippurat geht in die Muttermilch über. Bei therapeutischen Dosierungen werden keine Auswirkungen auf gestillte Neugeborene oder Säuglinge erwartet. Es wird empfohlen, das Stillen für vier Stunden nach der Einnahme zu pausieren, um die Exposition des Säuglings zu verringern.

Verkehrstüchtigkeit

Methenaminhippurat hat keinen oder einen zu vernachlässigenden Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen.

Anwendungshinweise

Bei der Anwendung von Methenaminhippurat sind folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen zu beachten:

  • Bestehende Infektionen: Die Prophylaxe mit Methenaminhippurat darf erst nach vollständiger Elimination einer bestehenden Infektion durch geeignete Chemotherapeutika begonnen werden.
  • Urin-pH-Kontrolle: Die Wirksamkeit ist an einen sauren Urin-pH (<6) gebunden. Bei Patienten mit alkalischem Urin kann die zusätzliche Gabe von Säuerungsmitteln erforderlich sein.
  • Regelmäßige Kontrollen: Regelmäßige Urinkulturen werden zur Überwachung der Wirksamkeit empfohlen.
  • Nierenfunktion: Bei schwerer Niereninsuffizienz oder Nierenversagen ist die Anwendung kontraindiziert, da eine ausreichende renale Ausscheidung für die Wirksamkeit und Verträglichkeit erforderlich ist.
  • Leberfunktion: Unter Langzeitanwendung können Serumtransaminasen erhöht sein; periodische Kontrollen der Leberfunktion werden empfohlen.
  • Hohe Dosierungen: Hohe Dosen von Methenamin (8 g täglich über drei bis vier Wochen) können Blasenreizungen, schmerzhafte und häufige Miktion, Albuminurie und grobe Hämaturie verursachen.

Alternativen

Als mögliche Alternativen zu Methenaminhippurat kommen folgende Wirkstoffe in Frage:

  • Nitrofurantoin als antibiotisches Harnantiseptikum zur Langzeitprophylaxe rezidivierender Harnwegsinfektionen.
  • Trimethoprim als niedrigdosierte antibiotische Langzeitprophylaxe bei rezidivierenden unkomplizierten Harnwegsinfektionen.
  • Fosfomycin als intermittierende antibiotische Prophylaxe bei rezidivierenden Zystitiden.
  • Pivmecillinam als Amidinopenicillin zur Behandlung akuter unkomplizierter Zystitiden.

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
140.19 g·mol-1
Autor:
Stand:
11.08.2026
Quelle:

Fachinformation Cystohipp® 1 g Tabletten, Dr. Pfleger Arzneimittel GmbH, Stand: 2024; Summary of Product Characteristics Methenamine Hippurate 1 g Tablets (emc), Stand: 2024; FDA-Label HIPREX (Methenamine Hippurate Tablets USP), Stand: 2017.

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