Neostigminium-Kation

Neostigmin ist ein reversibler Cholinesterasehemmer, der peripher wirkt und insbesondere zur Antagonisierung nichtdepolarisierender Muskelrelaxantien sowie zur Behandlung der Myasthenia gravis eingesetzt wird. Die Substanz wirkt durch Hemmung der Acetylcholinesterase und verstärkt damit cholinerge Effekte an der neuromuskulären Endplatte.

Neostigmin

Anwendung

Neostigmin besitzt folgende Indikationen:

  • Antagonisierung der muskelrelaxierenden Wirkung nichtdepolarisierender Muskelrelaxantien nach operativen Eingriffen
  • Myasthenia Gravis

Anwendungsart

Zur Antagonisierung nichtdepolarisierender Muskelrelaxantien wird Neostigmin langsam intravenös injiziert. Bei der Behandlung der Myasthenia gravis erfolgt die Gabe subkutan oder intramuskulär. Die Anwendung kann bei guter Verträglichkeit langfristig erfolgen.

Wirkmechanismus

Neostigmin ist ein quartäres Ammoniumderivat, das die Acetylcholinesterase reversibel hemmt. Dies führt zu einem erhöhten Acetylcholinspiegel im synaptischen Spalt und somit zu einer Verstärkung der cholinergen Transmission an der neuromuskulären Endplatte. Die Substanz ist peripher wirksam, da sie aufgrund ihrer geringen Lipophilie nicht die Blut-Hirn-Schranke durchdringt.

Pharmakokinetik

Resorption:

  • Geringe orale Bioverfügbarkeit (1–2 %)
  • Subkutane und intramuskuläre Applikation führen zu systemischer Wirkung

Verteilung:

  • Rasche Verteilung im Extrazellulärraum nach parenteraler Gabe
  • Hohe Konzentrationen in Muskel- und Lebergewebe

Metabolisierung:

  • Metabolisierung hauptsächlich in der Leber
  • Metaboliten: u.a. Hydroxyphenyltrimethylammonium-Ionen

Elimination:

  • 80 % renale Elimination innerhalb von 24 Stunden
  • Eliminationshalbwertszeit: 24–80 Minuten
  • Verlängerte Elimination bei eingeschränkter Nierenfunktion

Besondere Hinweise:

  • Bei Kindern (2–12 Monate) verkürzte Eliminationshalbwertszeit

Dosierung

Die Dosierung von Neostigmin richtet sich nach Art der Untersuchung, dem klinischen Zustand und patientenspezifischen Faktoren:

  • Kinder ≥20 kg: 0,5–2 mg Neostigmin (1–4 ml), max. 5 mg (10 ml)
  • Kinder <20 kg: 50 µg/kg KG
  • Erwachsene (Myasthenia gravis): mehrfach täglich 0,5 mg (1 ml)
  • Empfohlene gleichzeitige Gabe von Atropinsulfat zur Reduktion muskarinischer Effekte: 0,5–1 mg i.v.

Nebenwirkungen

Sehr häufig treten kardiovaskuläre Effekte wie Bradykardie und Hypotonie bis hin zum Kreislaufkollaps auf. Bei postoperativer Anwendung kann es sehr häufig zu Bradykardien kommen, in seltenen Fällen auch zum Herzstillstand. Häufig sind gastrointestinale Beschwerden wie Koliken und Durchfall. Weitere Nebenwirkungen umfassen Bronchospasmus, vermehrten Speichelfluss, vermehrte Schweißsekretion sowie neuromuskuläre Symptome wie Faszikulationen, Muskelkrämpfe und -schwäche. Sehr selten können anaphylaktische Reaktionen auftreten.

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Neostigmin zu beachten:

  • Verstärkte Wirkung von Morphinderivaten und Barbituraten
  • Risiko cholinerger Krisen bei gleichzeitiger Gabe von Parasympathomimetika
  • Verlängerter Bradykardieeffekt bei vorheriger Beta-Blocker-Therapie

Kontraindikationen

Neostigmin darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegen Neostigmin oder Hilfsstoffe
  • Gleichzeitiger Gabe depolarisierender Muskelrelaxanzien
  • Iritis
  • Asthma bronchiale
  • Hyperthyreose
  • Obstruktionsileus sowie Stenosen oder Spasmen im Gastrointestinal-, Gallen- oder Urogenitaltrakt
  • Myotonie, Parkinsonismus
  • Postoperative Kreislaufkrisen oder Schockzustände

Schwangerschaft

Es ist nicht davon auszugehen, dass Neostigmin die Plazenta passiert oder in die Muttermilch übergeht. Die intravenöse Anwendung sollte während der Schwangerschaft vermieden werden, da eine Frühgeburt nicht ausgeschlossen werden kann. Neugeborene sollten nach maternaler Therapie auf Anzeichen einer Myasthenie überwacht werden.

Stillzeit

Ein Übergang in die Muttermilch ist nicht zu erwarten. Vorsicht ist dennoch geboten, insbesondere bei Neugeborenen und Säuglingen.

Verkehrstüchtigkeit

Neostigmin kann durch Beeinträchtigung des Scharf- und Nachtsehens die Fähigkeit zum Führen von Fahrzeugen und Bedienen von Maschinen erheblich einschränken. Zusätzlich kann Alkohol die Wirkung verstärken.

Anwendungshinweise

Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Neostigmin zu beachten:

  • Bradykardie und Hypotonie: Anwendung nur unter ärztlicher Kontrolle bei kardial vorbelasteten Patienten
  • Herzinsuffizienz: Vorsicht bei eingeschränkter kardialer Funktion
  • Frischer Myokardinfarkt: Anwendung nur nach ärztlicher Rücksprache
  • Natriumgehalt: Das Präparat gilt als nahezu natriumfrei

Alternativen

Als mögliche Alternativen zu Neostigmin kommen folgende Wirkstoffe infrage:

  • Pyridostigmin: Ebenfalls ein peripher wirksamer Cholinesterasehemmer mit längerer Wirkdauer, vorrangig bei chronischer Myasthenie
  • Edrophonium: Kurzwirksamer Cholinesterasehemmer, vor allem zu diagnostischen Zwecken
  • Sugammadex: Selektiver Relaxantien-Antagonist für Rocuronium und Vecuronium, kein Cholinesterasehemmer

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
223.29 g·mol-1
Mittlere Halbwertszeit:
ca. 1.3 H
Q0-Wert:
0.6
Autor:
Stand:
06.10.2025
Quelle:
  1. Fachinformation Neostigmin PANPHARMA, 0,5 mg/ml Injektionslösung, Stand: Mai 2021
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