Nusinersen
Nusinersen ist ein Antisense-Oligonukleotid zur Behandlung der spinalen Muskelatrophie, das die Produktion des SMN-Proteins steigert. Es wird bei Patienten mit 5q-SMA eingesetzt, um motorische Funktionen zu verbessern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.
Nusinersen: Übersicht
Anwendung
Nusinersen wird angewendet bei:
- Spinaler Muskelatrophie (SMA-Typ 1 bis 4)
- Patienten mit genetisch bestätigter 5q-SMA
- Nachweis homozygoter Deletion, Mutation oder Verlustfunktion des SMN1-Gens
Ziel ist es eine Verlangsamung der Krankheitsprogression sowie eine Verbesserung der Bewegungsfähigkeit bei eingeschränkten motorischen Funktionen zu erreichen. Die Anwendung kann bereits bei Säuglingen und Kindern, wie bei Erwachsenen erfolgen.
Anwendungsart
Nusinersen wird intrathekal durch eine Lumbalpunktion direkt in den Liquorraum des Rückenmarks verabreicht. Die Behandlung umfasst eine Initialphase mit mehreren Dosen und eine anschließende Erhaltungsphase in regelmäßigen Zeitabständen.
Wirkmechanismus
Nusinersen ist ein Antisense-Oligonukleotid, das gezielt auf das SMN2-Gen wirkt, eine unvollständige Kopie des SMN1-Gens. Durch spezifische Bindung an eine Region der prä-mRNA des SMN2-Gens moduliert Nusinersen das RNA-Splicing, sodass Exon 7 effizient in die reife mRNA eingebaut wird.
Dies führt zu einer erhöhten Produktion von funktionellem SMN-Protein, das essenziell für die Überlebensfähigkeit und Funktion von Motoneuronen ist. Das SMN-Protein stabilisiert intrazelluläre Signalkaskaden, die mit der Erhaltung der motorischen Einheiten und der Synapsenfunktion in Verbindung stehen.
Der Wirkstoff reduziert somit den progressiven Verlust von Motoneuronen im Rückenmark und verbessert die neuromuskuläre Übertragung. Durch diese Wirkweise greift Nusinersen direkt in den Krankheitsmechanismus der 5q-SMA ein und verlangsamt die Degeneration motorischer Funktionen.
Pharmakokinetik
Resorption
- Wird direkt in den Liquorraum appliziert (intrathekal)
- Keine systemische Resorption, da die Wirkung lokal im ZNS erfolgt.
Verteilung
- Verteilung vorwiegend im ZNS, insbesondere im Rückenmark und Gehirn.
- Geringe Verteilung in peripheres Gewebe.
Elimination
- Abbau erfolgt langsam durch Exonukleasen im Liquor und Gewebe.
- Ausscheidung überwiegend durch Metabolisierung zu inaktiven Produkten, die in geringem Maße über die Nieren ausgeschieden werden.
Spezielle Hinweise zur Pharmakokinetik:
- Lange Verweildauer im ZNS: Hohe Stabilität im Liquor ermöglicht anhaltende Wirkung zwischen den Dosierungen.
- Minimale systemische Exposition: Kaum Konzentration in peripheren Organen, wodurch systemische Nebenwirkungen selten sind.
- Keine Abhängigkeit von hepatischen oder renalen Funktionen: Nusinersen ist auch bei Patienten mit Leber- oder Nierenfunktionsstörungen anwendbar.
Dosierung
Die Verarbreichung von Nusinersen erfolgt phasenweise:
Initialphase
Vier Dosen mit je 12 mg Nusinersen (5ml, 2,4 mg/ml) zur Aufsättigung:
- 1. Dosis: Tag 0
- 2. Dosis: Tag 14
- 3. Dosis: Tag 28
- 4. Dosis: Tag 63
Erhaltungsphase
- Alle 4 Monate erfolgt erneut eine Dosis von 12 mg Nusinersen:
- Beginn ab Tag 183 nach der ersten Dosis
- Verabreichung von 12 mg Nusinersen (5 ml, 2,4 mg/ml) pro Injektion
Allgemeine Hinweise zur Anwendung
- Applikation: Intrathekale Injektion mittels Lumbalpunktion
- Therapiedauer: Langfristige Behandlung erforderlich
- Patientenüberwachung: Vor jeder Injektion sollten klinische Untersuchungen auf Kontraindikationen erfolgen
Nebenwirkungen
Häufigsten Nebenwirkungen (≥ 10%) von Nusinersen:
- Übelkeit
- Erbrechen
- Kopfschmerzen
- Rückenschmerzen
- Postpunktioneller Kopfschmerz (typisch nach Lumbalpunktion)
Seltene Nebenwirkungen können sein:
- Thrombozytopenie
- Gerinnungsstörungen
- Meningitis
- Infektion der Punktionsstelle
- Krampfanfälle
- Sensibilitätsstörungen
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Nusinersen zu beachten:
- Andere intrathekale Medikamente: Die gleichzeitige Anwendung von anderen intrathekal verabreichten Arzneimitteln wurde nicht untersucht und sollte daher vermieden werden, es sei denn, der Nutzen überwiegt das Risiko.
- Gerinnungshemmende Therapie: Vorsicht bei Patienten, die Antikoagulanzien oder Medikamente zur Hemmung der Thrombozytenaggregation einnehmen, da dies das Blutungsrisiko nach der Lumbalpunktion erhöhen kann.
- Nierenfunktionsstörungen: Da Nusinersen teilweise über die Nieren ausgeschieden wird, sollten potenzielle Wechselwirkungen mit nephrotoxischen Substanzen berücksichtigt werden, auch wenn keine direkten Wechselwirkungen dokumentiert sind.
- Immunsuppressiva: Eine potenzielle Wechselwirkung mit immunsuppressiven Therapien ist denkbar, insbesondere bei Patienten mit einem geschwächten Immunsystem.
Kontraindikationen
Nusinersen darf nicht angewendet werden bei:
- Bekannter Allergie oder Überempfindlichkeit gegenüber Nusinersen oder einem der Hilfsstoffe.
- Schwere Gerinnungsstörungen
- Akuten Infektionen (insbesondere im Bereich des zentralen Nervensystems, oder generalisierte Infektionen)
- Anatomischen Anomalien der Wirbelsäule, die die Durchführung einer Lumbalpunktion verhindern oder erschweren.
- Erkrankungen mit erhöhtem intrakraniellem Druck (z. B. Hydrozephalus, ohne entsprechende Entlastung)
Schwangerschaft
Die Anwendung von Nusinersen während der Schwangerschaft wird nicht empfohlen, da keine ausreichenden Daten zur Sicherheit für das ungeborene Kind vorliegen.
Stillzeit
Es ist nicht bekannt, ob Nusinersen in die Muttermilch übergeht. Die Anwendung in der Stillzeit sollte vermieden werden.
Verkehrstüchtigkeit
Nusinersen hat keinen direkten Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit oder die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen.
Anwendungshinweise
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Nusinersen zu beachten:
- Intrathekale Verabreichung: Die Injektion darf ausschließlich von erfahrenem Fachpersonal unter aseptischen Bedingungen erfolgen, um Infektionsrisiken zu minimieren.
- Thrombozytopenie und Gerinnungsstörungen: Vorsicht bei Patienten mit bekannten Blutgerinnungsproblemen, da das Risiko für Blutungen nach der Lumbalpunktion erhöht ist.
- Infektionen: Vor der Behandlung müssen aktive Infektionen ausgeschlossen und behandelt werden, insbesondere im Bereich des zentralen Nervensystems.
- Flüssigkeitsüberwachung: Bei Anzeichen von erhöhtem intrakraniellem Druck oder Liquorflussstörungen ist besondere Vorsicht geboten.
- Langzeitüberwachung: Regelmäßige Kontrollen sind erforderlich, um mögliche Nebenwirkungen wie Nierenfunktionsstörungen oder Gerinnungsprobleme frühzeitig zu erkennen.
- Überempfindlichkeit: Patienten sollten auf Anzeichen allergischer Reaktionen, wie Hautausschlag oder anaphylaktische Reaktionen, überwacht werden.
- Kinder und Säuglinge: Sicherheit und Wirksamkeit bei Neugeborenen unter zwei Wochen wurden nicht untersucht; Anwendung nur bei klarer Indikation.
Alternativen
Alternativen oder unterstützende Therapien zu Nusinersen:
- Risdiplam: Orale Therapie, die ebenfalls das Splicing von SMN2 verbessert und die SMN-Proteinproduktion steigert.
- Onasemnogen-Abeparvovec (Zolgensma): Einmalige Gentherapie, die ein funktionsfähiges SMN1-Gen über ein virales Vektorsystem liefert.
- Physiotherapie und supportive Maßnahmen: Zur Unterstützung der motorischen Funktionen und der Lebensqualität bei SMA-Patienten.
Alle genannten Therapien zielen darauf ab, die SMN-Proteinproduktion zu erhöhen oder die Symptome der spinalen Muskelatrophie zu lindern. Die Wahl der Therapie hängt von der Schwere der Erkrankung, dem Alter des Patienten und der individuellen Situation ab.
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