Piracetam

Piracetam ist ein Nootropikum zur symptomatischen Behandlung kognitiver Störungen bei Demenz, postkommotionellen Beschwerden und kortikalem Myoklonus. Bei Kindern kann es unterstützend bei Legasthenie eingesetzt werden, sofern keine anderen Ursachen vorliegen.

Piracetam

Anwendung

Piracetam wird in folgenden Anwendungsgebieten eingesetzt:

  • Zur symptomatischen Behandlung kognitiver Einschränkungen bei dementiellen Syndromen. 
  • Zur unterstützenden Behandlung von postkommotionellen Syndromen, insbesondere bei Beschwerden wie Schwindel und Kopfschmerzen nach einer Gehirnerschütterung.
  • Zur adjuvanten Therapie von Myoklonus-Syndromen kortikalen Ursprungs.
  • Zur unterstützenden Behandlung von Kindern mit Lese- und Rechtschreibstörungen (Legasthenie), vorausgesetzt, es liegen keine kognitiven Beeinträchtigungen oder ungünstigen psychosozialen Faktoren vor.

Anwendungsart

Piracetam sollte oral als Filmtablette vorzugsweise während oder unmittelbar nach den Mahlzeiten mit einem Glas Wasser eingenommen werden.

Bei parenteraler Anwendung erfolgt die Infusion mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 40 Tropfen pro Minute. Eine Dosis von 12 g Piracetam in 60 ml Lösung entspricht einer Infusionsdauer von etwa 30 bis 60 Minuten.

Zudem steht der Wirkstoff auch als Injektionslösung zur Verfügung. 

Wirkmechanismus

Der genaue Wirkmechanismus von Piracetam beim Menschen ist bislang nicht vollständig geklärt. Tierexperimentelle Studien deuten darauf hin, dass Piracetam verschiedene neurochemische und zelluläre Prozesse im Gehirn positiv beeinflusst:

  • Verbesserung des zellulären Energiestoffwechsels durch Stimulation des oxidativen Glukoseabbaus über den Pentosephosphatweg und durch eine Steigerung des ATP-Umsatzes
  • Erhöhung der cAMP-Konzentration in Nervenzellen sowie Stimulierung der Adenylatkinase
  • Aktivierung des Phospholipidstoffwechsels mit vermehrtem Einbau von Phosphat in Phosphatidylcholin und Phosphatidylinositol
  • Förderung der Proteinbiosynthese sowie Modulation mitochondrialer Enzymaktivität unter hypoxischen Bedingungen
  • Zunahme der m-Cholinorezeptordichte und verstärkter Dopaminumsatz bei älteren Tieren

Piracetam verbessert vermutlich die Erregungsleitung und Signalübertragung zwischen verschiedenen Gehirnregionen. In EEG-Untersuchungen wird eine Zunahme der Alpha-Wellen sowie eine Reduktion der Theta- und Delta-Wellen beobachtet – Hinweise auf eine Aktivierung zerebraler Funktionen. Beim Menschen kann dies zu einer Besserung beeinträchtigter Lern- und Gedächtnisleistungen führen.

Pharmakokinetik

Resorption

  • Piracetam wird nach oraler Einnahme rasch und vollständig aufgenommen.
  • Die maximale Plasmakonzentration (Cmax) wird etwa 30 Minuten nach der Einnahme erreicht.
  • Die systemische Bioverfügbarkeit beträgt 100 %.

Verteilung

  • Das Verteilungsvolumen beträgt etwa 0,6 l/kg.
  • Die Plasmaproteinbindung von Piracetam beträgt etwa 15 %.
  • Piracetam passiert die Plazentaschranke und ist im fetalen Plasma sowie im Fruchtwasser nachweisbar.
  • Es geht in die Muttermilch über.
  • Im Liquor cerebrospinalis liegt die Halbwertszeit bei etwa 7,7 Stunden.

Metabolismus

  • Piracetam wird im Körper nicht nennenswert metabolisiert.
  • Es konnten bisher keine Metabolite nachgewiesen werden.

Elimination

  • Die Plasmahalbwertszeit beträgt im Mittel etwa 5,2 Stunden.
  • Die Ausscheidung erfolgt nahezu vollständig unverändert über die Nieren.
  • Die Plasma-Clearance liegt bei rund 120 ml/min.
  • Bei eingeschränkter Nierenfunktion ist die Ausscheidung verzögert, daher ist eine Dosisanpassung erforderlich.
  • Etwa 50–60 % des Wirkstoffs sind dialysierbar.

Dosierung

Dementielle Syndrome bei Erwachsenen

  • 3-mal täglich 800 mg Piracetam (entspricht 2,4 g/Tag)
  • Bei Bedarf: 3-mal täglich 1.600 mg (entspricht 4,8 g/Tag)

Postkommotionelle Syndrome bei Erwachsenen

  • 3-mal täglich 800 mg Piracetam (entspricht 2,4 g/Tag)
  • Bei Bedarf: 3-mal täglich 1.600 mg (entspricht 4,8 g/Tag)

Myoklonus-Syndrome kortikalen Ursprungs bei Erwachsenen

  • Initial: 3-mal täglich 2.400 mg Piracetam (entspricht 7,2 g/Tag)
  • Alle 3 Tage: Erhöhung um 4.800 mg/Tag möglich
  • Maximale Tagesdosis: 24 g (30 Filmtabletten), verteilt auf 2–3 Einzelgaben

Lese-/Rechtschreibstörung bei Kindern ab 8 Jahren und Jugendlichen

  • 2-mal täglich 1.600 mg Piracetam (entspricht 3,2 g/Tag)

Besondere Patientengruppen

  • Bei älteren Patienten: regelmäßige Kontrolle der Kreatinin-Clearance erforderlich
  • Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion: Dosisreduktion je nach Kreatinin-Clearance (CLcr) erforderlich
  • Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion: keine Dosisanpassung erforderlich 

Nebenwirkungen

Zu den häufig berichteten Nebenwirkungen unter Piracetam zählen:

  • Nervosität und Aggressivität
  • Schlafstörungen
  • Hyperkinesie
  • Gewichtszunahme

Weitere Nebenwirkungen, die potenziell unter Piracetam auftreten können, umfassen: 

  • Hämorrhagische Erkrankungen
  • Allergische Reaktionen
  • Depression
  • Angst, Verwirrtheitszustände und Halluzinationen
  • Somnolenz
  • Ataxie
  • Kopfschmerzen
  • Blutdrucksenkung oder -steigerung
  • Diarrhö, Übelkeit oder Erbrechen 
  • Dermatitis, Urtikaria sowie Quincke-Ödeme
  • Asthenie 
  • Libidozunahme 
  • Schweißausbrüche

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Piracetam zu beachten:

  • Geringes Interaktionspotenzial: Da Piracetam zu etwa 90 % unverändert renal ausgeschieden wird, sind pharmakokinetische Wechselwirkungen unwahrscheinlich.
  • Kein relevanter Einfluss auf Cytochrom-P450-Enzyme: Piracetam hemmt in vitro bei therapeutischen Konzentrationen keine relevanten CYP-Isoenzyme. Geringe Hemmung von CYP 2A6 und 3A4/5 wurde nur bei sehr hohen Konzentrationen beobachtet.
  • Schilddrüsenhormone: Bei gleichzeitiger Gabe von T3 und T4 wurden Reizbarkeit, Verwirrtheit und Schlafstörungen berichtet.
  • Acenocoumarol: In Studien zeigte Piracetam bei gleichzeitiger Anwendung keinen Einfluss auf den INR-Wert. Es wurden jedoch Effekte auf die Thrombozytenaggregation und andere hämostatische Parameter beobachtet.
  • Antiepileptika: Piracetam in hoher Dosierung (20 g täglich) beeinflusst nicht die Serumspiegel gängiger Antiepileptika wie Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital oder Valproat.
  • ZNS-Stimulanzien und Neuroleptika: Eine mögliche Verstärkung der zentralnervösen Wirkung kann nicht ausgeschlossen werden.
  • Alkohol: Alkoholkonsum beeinflusst weder die Piracetam-Plasmaspiegel noch den Blutalkoholgehalt.

Kontraindikationen

Die Anwendung von Piracetam ist kontraindiziert bei:

  • Überempfindlichkeit oder Allergie gegen den Wirkstoff
  • Patienten mit zerebralen Blutungen
  • Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz
  • Patienten mit Chorea Huntington

Schwangerschaft

Teratogene oder embryotoxische Eigenschaften von Piracetam können nicht sicher ausgeschlossen werden. Daher sollte der Wirkstoff während der Schwangerschaft nur angewendet werden, wenn der Nutzen größer ist als die Risiken, sofern der klinische Zustand der Schwangeren eine Therapie mit Piracetam rechtfertigt.

Stillzeit

Piracetam tritt in die Muttermilch über. Während der Behandlung sollte entweder auf das Stillen verzichtet oder die Therapie unterbrochen werden. Die Entscheidung ist abhängig vom gesundheitlichen Nutzen für Mutter und Kind und erfordert eine sorgfältige Abwägung.

Verkehrstüchtigkeit

Piracetam kann Nebenwirkungen verursachen, die das Reaktionsvermögen beeinträchtigen. Daher ist beim Führen von Fahrzeugen oder Bedienen von Maschinen Vorsicht geboten, bis die individuelle Reaktion auf den Wirkstoff bekannt ist.

Anwendungshinweise

Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Piracetam zu beachten:

  • Anwendung bei psychomotorischer Unruhe: nur unter besonderer Vorsicht
  • Risiko von Blutungen durch Einfluss auf die Plättchenaggregation: Vorsicht bei Blutungsneigung, Magenulzera, größeren chirurgischen Eingriffen, hämorrhagischen zerebrovaskulären Ereignissen und gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern
  • Bei eingeschränkter Nierenfunktion: genaue Überwachung der Nierenwerte erforderlich, da Piracetam renal eliminiert wird
  • Bei älteren Patienten unter Langzeittherapie: regelmäßige Kontrolle der Kreatinin-Clearance zur Dosisanpassung notwendig
  • Behandlung bei Myoklonie nicht abrupt beenden, um Rückfälle oder Krampfanfälle zu vermeiden
  • Bei gleichzeitiger Antikonvulsivatherapie: Fortführung auch bei subjektiver Besserung durch Piracetam sicherstellen

Alternativen

Je nach Indikationsgebiet und patientenindividuellen Gegebenheiten kommen weitere Nootropika als Alternative in Frage: 

  • Pyritinol
  • Purin-Derivate
  • Nicergolin
     

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
142.16 g·mol-1
Mittlere Halbwertszeit:
ca. 5.5 H
Q0-Wert:
0.02
Autor:
Stand:
14.10.2025
Quelle:
  1. Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer
  2. Scholz et al., Taschenbuch der Arzneibehandlung, 2005, Springer
  3. Fachinformationen des Piracetam-Herstellers ratiopharm GmbH (Piracetam-ratiopharm 800 mg Filmtabletten) 
  4. Fachinformationen des Piracetam-Herstellers neuraxpharm (Piracetam-neuraxpharm Infusionslösung
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