Pivmecillinam
Pivmecillinam ist ein orales Prodrug des ß-Lactam-Antibiotikums Mecillinam und sein Wirkmechanismus beruht auf der Störung der Zellwandbiosynthese. Es wird hauptsächlich zur Behandlung unkomplizierter Harnwegsinfektionen eingesetzt.
Pivmecillinam: Übersicht

Anwendung
Pivmecillinam wird hauptsächlich bei Erwachsenen zur Behandlung einer akuten unkomplizierten Zystitis durch Mecillinam-empfindliche Erreger angewendet.
Anwendungsart
Die Einnahme erfolgt per oral als Filmtablette und sollte mit mindestens einem halben Glas Flüssigkeit eingenommen werden. Die Behandlungsdauer beträgt in der Regel drei Tage.
Wirkmechanismus
Pivmecillinam wird nach oraler Einnahme durch unspezifische Esterasen im Blut und Gewebe zum aktiven Mecillinam hydrolysiert, das vor allem gegen gramnegative Bakterien wirkt. Der Wirkmechanismus beruht auf der spezifischen Bindung an das Penicillin-bindende Protein 2 (PBP-2) in der bakteriellen Zellwand.
Durch die Hemmung von PBP-2 wird die Synthese von Peptidoglykanen in der Zellwand gestört. Diese Hemmung löst eine Signalkaskade aus, bei der die Zellwandbiosynthese gestoppt wird, was die Integrität der Zellwand beeinträchtigt und osmotische Instabilität verursacht. Die resultierenden morphologischen Veränderungen führen zu einer fehlerhaften Zellteilung und dem Absterben des Bakteriums.
Mecillinam ist resistent gegen viele durch Enterobakterien erzeugte Beta-Laktamasen und zeigt geringe Kreuzresistenzen mit anderen Beta-Laktam-Antibiotika.
Pharmakokinetik
Resorption
- Pivmecillinam wird nach oraler Gabe zu Mecillinam hydrolysiert.
- Maximale Blutspiegelwerte (ca. 3 μg/ml) 1 bis 1,5 Stunden nach Einnahme
- Bioverfügbarkeit: ca. 60–70%; kein Einfluss durch Nahrungsaufnahme
Verteilung
- Mecillinam erreicht niedrige Konzentrationen in Fötus, Muttermilch und Fruchtwasser
- Proteinbindung: 5–10% im Serum
Elimination
- Halbwertszeit: ca. 1 Stunde
- Hauptsächlich renale Ausscheidung (ca. 60–70% unverändert im Urin)
- Schnell eliminiert: Urinkonzentrationen über 200 mg/l nach 6 Stunden
- Bei Nierenfunktionsstörungen: Reduzierte Ausscheidung um 75%
Spezielle Hinweise zur Pharmakokinetik und therapierelevante Schlussfolgerungen:
- Nierenfunktionsstörungen: Bei Patienten mit schwerer Niereninsuffizienz ist die Elimination deutlich verlangsamt. Hier ist eine Dosisanpassung erforderlich, um toxische Konzentrationen zu vermeiden.
- Lineare Kinetik: Mecillinam zeigt eine lineare Kinetik, sodass die Dosis proportional zur Plasmakonzentration ist, was eine einfache Dosisanpassung ermöglicht.
- Keine Akkumulation: Mehrfache tägliche Gabe führt nicht zu relevanter Akkumulation, was Pivmecillinam auch bei häufiger Einnahme sicher macht.
Dosierung
Eine Dosisempfehlung für Pivmecillinam:
Erwachsene
- 400 mg, dreimal täglich
- Behandlungsdauer: 3 Tage
Kinder und Jugendliche (unter 18 Jahren)
- Anwendung nicht empfohlen (Wirksamkeit und Sicherheit nicht erwiesen)
Nebenwirkungen
Häufigste Nebenwirkungen (≥ 10%) von Pivmecillinam:
- Durchfall
- Übelkeit
- Vulvovaginale Pilzinfektion
Generell mögliche Nebenwirkungen bei β-Lactam-Antibiotika:
- Leichter reversibler Anstieg von Aspartat-Aminotransferase (ASAT), Alanin-Amino-
transferase (ALAT), alkalischer Phosphatase und Bilirubin - Neutropenie
- Eosinophilie
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen mit anderen Wirkstoffen sind bei der Anwendung von Pivmecillinam zu beachten:
- Probenecid: Die gleichzeitige Verabreichung reduziert die Ausscheidung von Mecillinam und erhöht dessen Blutspiegel.
- Methotrexat: Die Ausscheidung von Methotrexat kann durch Penicilline wie Pivmecillinam vermindert werden, was zu höheren Methotrexatspiegeln führen kann.
- Valproinsäure und Valproat: Die gleichzeitige Anwendung von Valproinsäure, Valproat oder anderen Arzneimitteln, die Pivalinsäure freisetzen, sollte vermieden werden, da sie das Risiko eines Carnitinmangels erhöhen.
- Bakteriostatische Antibiotika (z. B. Erythromycin, Tetracycline): Die bakterizide Wirkung von Mecillinam kann durch diese Arzneimittel beeinträchtigt werden, da die Zellteilungsrate der Bakterien reduziert ist und somit der bakterizide Effekte während der Zellteilung seltener zu tragen kommen kann.
Kontraindikationen
Pivmecillinam darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile
- Überempfindlichkeit gegenüber Penicillinen oder Cephalosporinen
- Bedingungen, die den Durchgang durch die Speiseröhre beeinträchtigen.
- Genetischen Stoffwechselstörungen, die zu schwerem Carnitinmangel führen, wie Carnitin-Transporter-Defekte, Methylmalonazidurie oder Propionazidämie.
Schwangerschaft
Erfahrungen mit über 1.000 Schwangerschaften zeigen kein erhöhtes Fehlbildungs- oder Toxizitätsrisiko, daher kann Pivmecillinam bei Bedarf während der Schwangerschaft eingenommen werden. Vorsicht ist geboten, da es bei Neugeborenen-Screenings zu falsch positiven Tests auf Isovalerianazidämie kommen kann.
Stillzeit
Mecillinam geht in die Muttermilch über, doch bei therapeutischen Dosen sind keine negativen Effekte auf gestillte Kinder zu erwarten, sodass die Anwendung in der Stillzeit möglich ist.
Verkehrstüchtigkeit
Pivmecillinam hat keinen Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit oder das Bedienen von Maschinen.
Anwendungshinweise
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Pivmecillinam zu beachten:
- Schwere Hautreaktionen (SCAR): Es wurden Fälle von lebensbedrohlichen Hautreaktionen wie DRESS-Syndrom, Stevens-Johnson-Syndrom (SJS) und toxische epidermale Nekrolyse (TEN) berichtet. Patienten sollten über die Anzeichen informiert und engmaschig überwacht werden. Bei Anzeichen sofortige Beendigung der Therapie und geeignete Maßnahmen einleiten.
- Pseudomembranöse Kolitis: Eine durch Clostridium difficile verursachte pseudomembranöse Kolitis kann auftreten. Bei Durchfall nach Einnahme ist diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen und entsprechende Maßnahmen sind notwendig.
- Porphyrie: Das Medikament sollte nicht von Patienten mit Porphyrie eingenommen werden, da Pivmecillinam akute Porphyrie-Attacken auslösen kann.
- Valproinsäure und Pivalinsäure: Die gleichzeitige Anwendung von Valproinsäure oder anderen Medikamenten, die Pivalinsäure freisetzen, erhöht das Risiko eines Carnitinmangels und sollte vermieden werden.
- Langzeitgebrauch: Aufgrund der Gefahr eines Carnitinmangels sollten die Tabletten nur mit Vorsicht für langfristige oder häufig wiederholte Behandlungen eingesetzt werden. Symptome eines Mangels sind Muskelschmerzen, Müdigkeit und Verwirrung.
- Neugeborenen-Screening: Pivmecillinam kann beim Neugeborenen-Screening zu falsch positiven Testergebnissen auf Isovalerianazidämie führen. Es wird empfohlen, ein Zweitverfahren zur Bestätigung des Ergebnisses durchzuführen.
- Ösophageale Ulzeration: Um das Risiko einer ösophagealen Ulzeration zu reduzieren, sollten die Tabletten mit mindestens einem halben Glas Wasser eingenommen werden.
Alternativen
Mögliche therapeutische Alternativen zu Pivmecillinam:
- Amoxicillin/Clavulansäure
- Cephalexin
- Ciprofloxacin (in speziellen Fällen)
- Fosfomycin
- Nitrofurantoin
- Trimethoprim
Diese Antibiotika werden häufig zur Behandlung von Harnwegsinfektionen eingesetzt. Sie wirken gegen ähnliche Erreger, jedoch mit unterschiedlichen Wirkmechanismen und Resistenzeigenschaften.
Wirkstoff-Informationen
Fachinformation X-SYSTO® 400 mg Filmtabletten (2024). Karo Pharma. Rote Liste Service GmbH, Frankfurt










