Ritlecitinib
Ritlecitinib ist ein selektiver JAK3-Inhibitor, der zur Behandlung von schwerer Alopecia areata bei Erwachsenen und Jugendlichen ab einem Alter von zwölf Jahren eingesetzt wird.
Ritlecitinib: Übersicht

Anwendung
Ritlecitinib (Litfulo) ist ein immunsupprimierendes Arzneimittel zur Behandlung von schwerer Alopecia areata bei Erwachsenen und Jugendlichen ab einem Alter von zwölf Jahren.
Alopecia areata ist eine Autoimmunerkrankung, bei der es zu vorübergehendem, nicht vernarbendem Haarverlust kommt. Meist ist die Kopfhaut fleckenförmig betroffen, aber auch andere Befallsmuster sind möglich. Als wesentlicher pathophysiologischer Mechanismus wird der Verlust des Immunprivilegs der Haarfollikel vermutet. Insgesamt ist die Pathogenese jedoch komplex und die Prädisposition für die Erkrankung wird polygen vererbt.
Anwendungsart
Bei Litfulo handelt es sich um Kapseln, die im Ganzen geschluckt werden. Das heißt, sie sollen nicht gekaut, zerdrückt oder geteilt werden.
Wirkmechanismus
Ritlecitinib hemmt die Januskinase (JAK) 3 und die in hepatozellulären Karzinomen exprimierte Tyrosinkinase (TEC) irreversibel und selektiv durch Blockade der Adenosintriphosphat (ATP)-Bindungsstelle. Dadurch wird die Signaltransduktion von Zytokinen gestört und die zytolytische Aktivität von natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) und CD8+-T-Zellen vermindert.
Die JAK3- und TEC-vermittelten Signalwege spielen eine wichtige Rolle in der Pathophysiologie der Alopecia areata.
Nebenwirkungen
Zu den wichtigsten unerwünschten Arzneimittelwirkungen von Ritlecitinib gehören:
- (schwerwiegende) Infektionen, insb. der oberen Atemwege
- Reaktivierung von latenten Infektionen wie z. B. Herpes zoster oder einer Virushepatitis
- Diarrhö
- Akne, Urtikaria
- Follikulitis
- Thrombozytopenie, Lymphozytopenie
Wechselwirkungen
Ritlecitinib wird über eine Vielzahl von Enzymen bzw. Enzymfamilien metabolisiert, wobei kein einzelner Stoffwechselweg mehr als 25% beträgt. Insofern wird die systemische Exposition von Ritlecitinib wahrscheinlich nicht klinisch relevant durch andere Arzneimittel beeinflusst, die nur einen einzelnen Biotransformationsmechanismus hemmen.
Ritlecitinib ist jedoch selbst ein mäßig starker Inhibitor der CYP3A-Enzyme, einer Unterfamilie des Cytochrom-P450-Enzymsystems. Somit kann es bei gleichzeitiger Anwendung von Ritlecitinib zu einer erhöhten systemischen Exposition von CYP3A-Substraten wie Midazolam kommen. Auch bei Substraten von CYP1A2 wie Koffein und Substraten von OCT1 (organic cation transporter 1) wie Sumatriptan ist bei gleichzeitiger Anwendung von Ritlecitinib aufgrund der hemmenden Wirkung auf diese Enzyme bzw. Transporter Vorsicht geboten.
Kontraindikationen
Ritlecitinib darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
- Aktiven, schwerwiegenden Infektionen, insb. Tuberkulose
- Schweren Leberfunktionsstörungen
- Schwangerschaft und Stillzeit
Anwendungshinweise
Tuberkulose und andere Infektionen
Aufgrund der immunsuppressiven Wirkung sollten alle Patienten vor Beginn der Behandlung mit Litfulo auf Tuberkulose untersucht werden. Bei Patienten mit aktiver Tuberkulose darf Litfulo nicht angewendet werden. Bei Vorliegen einer latenten Tuberkulose sollte vor der Anwendung von Litfulo eine Therapie gegen Tuberkulose eingeleitet werden. Falls keine Tuberkulose nachgewiesen wird, aber das Risiko für eine Tuberkulose dennoch hoch ist, sollte vor der Anwendung von Litfulo eine Therapie gegen Tuberkulose erwogen werden.
Alle mit Litfulo behandelten Patienten sollten engmaschig auf Hinweise für Infektionen überwacht werden. Bei Auftreten einer schwerwiegenden oder opportunistischen Infektion sollte die Anwendung von Litfulo beendet werden und eine angemessene antimikrobielle Therapie eingeleitet werden.
Maligne Erkrankungen und Thrombembolien
Bei einem anderen Januskinase-Inhibitor, Tofacitinib, wurde ein erhöhtes Risiko für maligne Erkrankungen und Thrombembolien beobachtet. Es ist aber bislang noch unbekannt, ob dieser Zusammenhang auch für selektive JAK3-Hemmer wie Ritlecitinib gilt. Daher sollten Nutzen und Risiko einer Therapie mit Ritlecitinib besonders streng abgewogen werden bei Patienten mit einer malignen Erkrankung oder einem erhöhten Risiko für Thrombembolien.
Alternativen
Die Therapie der Alopecia areata sollte stadienadaptiert erfolgen. Bei gering ausgeprägten Formen sollte aufgrund der hohen Spontanremissionsrate die Möglichkeit des Abwartens mit dem Patienten besprochen werden. Bei Kindern kann eine Therapie mit Zink evaluiert werden. Bei der Alopecia areata kann ferner eine Behandlung mittels lokaler und ggf. systemischer Kortikosteroide erfolgen. Die Wirksamkeit von topischen Steroiden konnte vor allem bei sehr starken Steroiden mit Okklusionsbehandlung gezeigt werden. Die wirksamste Therapiemethode ist eine topische Immuntherapie mittels Diphenylcyclopropen oder Quadratsäure-Dibutylester. Durch diese Medikamente wird eine allergische Dermatitis induziert, mit der Hoffnung des Wiederwachstums der Haare nach drei bis sechs Monaten.
Ferner gibt es die Möglichkeit z.B. eine Psoralen-UV A-Therapie durchzuführen.
- European Medicines Agency (EMA): Fachinformation Litfulo
- Pratt et al. (2017): Alopecia areata. Nature Reviews Disease Primers, DOI: 10.1038/nrdp.2017.11
- King et al. (2023): Efficacy and safety of ritlecitinib in adults and adolescents with alopecia areata: a randomised, double-blind, multicentre, phase 2b–3 trial. The Lancet, DOI: 10.1016/S0140-6736(23)00222-2










