Rozanolixizumab
Rozanolixizumab ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper, der selektiv an den neonatalen Fc-Rezeptor (FcRn) bindet, um die Serumkonzentration von pathogenen IgG-Autoantikörpern zu reduzieren. Er wird in der Behandlung der generalisierten Myasthenia gravis eingesetzt.
Rozanolixizumab: Übersicht
Anwendung
Rozanolixizumab (Rystiggo) wird als Zusatzbehandlung zur Standardtherapie bei erwachsenen Patienten mit generalisierter Myasthenia gravis angewendet, die positiv auf Antikörper gegen Acetylcholinrezeptor (AChR)- oder muskelspezifische Tyrosinkinase (MuSK) getestet wurden.
Anwendungsart
Rozanolixizumab ist für die subkutane Verabreichung vorgesehen. Es wird empfohlen, das Medikament vorzugsweise in den unteren rechten oder linken Teil des Bauches, unterhalb des Bauchnabels, zu injizieren, wobei Bereiche mit empfindlicher, entzündeter oder verhärteter Haut zu vermeiden sind. Rozanolixizumab wird mit einer Infusionspumpe mit einer konstanten Flussrate von bis zu 20 ml/h verabreicht.
Wirkmechanismus
Rozanolixizumab ist ein rekombinanter, humanisierter monoklonaler Antikörper der IgG4-Subklasse, der gegen den neonatalen Fc-Rezeptor (FcRn) gerichtet ist. Der neonatale Fc-Rezeptor spielt eine zentrale Rolle in der Regulation der Halbwertszeit und des Recyclingprozesses von IgG-Antikörpern im menschlichen Körper. Unter physiologischen Bedingungen schützt FcRn IgG-Antikörper vor lysosomalem Abbau, indem er sie bindet und zurück an die Zelloberfläche transportiert, wo sie wieder in die Zirkulation freigesetzt werden.
Durch die Bindung an FcRn blockiert Rozanolixizumab diesen Recyclingprozess, was zu einer erhöhten lysosomalen Degradation von IgG führt, einschließlich der pathogenen Autoantikörper, die mit Myasthenia gravis assoziiert sind. Folglich kommt es zu einer Verringerung der Serumkonzentrationen dieser Autoantikörper, was die autoimmunen Angriffe auf die neuromuskulären Verbindungen reduziert und die Symptome der Erkrankung lindert.

Dosierung
Die Dosierung von Rozanolixizumab ist auf das Körpergewicht des Patienten abgestimmt und erfordert eine genaue Überwachung durch medizinisches Fachpersonal mit Erfahrung in der Behandlung neuromuskulärer oder neuroinflammatorischer Erkrankungen.
Ein Behandlungszyklus umfasst eine Dosis pro Woche über einen Zeitraum von sechs Wochen.
Körpergewicht ≥ 35 bis < 50 kg
- Wöchentliche Dosis: 280 mg
- Volumen: 2 ml
- Durchstechflaschen: 1
Körpergewicht ≥ 50 bis < 70 kg
- Wöchentliche Dosis: 420 mg
- Volumen: 3 ml
- Durchstechflaschen: 2
Körpergewicht ≥ 70 bis < 100 kg
- Wöchentliche Dosis: 560 mg
- Volumen: 4 ml
- Durchstechflaschen: 2
Körpergewicht ≥ 100 kg
- Wöchentliche Dosis: 840 mg
- Volumen: 6 ml
- Durchstechflaschen: 3
Jede Durchstechflasche enthält ein Übervolumen für das Vorfüllen der Infusionsleitung. Nachfolgende Behandlungszyklen sollen entsprechend der klinischen Beurteilung verabreicht werden, mit behandlungsfreien Intervallen, die individuell variieren können.
Bei Verpassen einer geplanten Infusion kann Rozanolixizumab bis zu vier Tage nach dem geplanten Zeitpunkt verabreicht werden, woraufhin das ursprüngliche Dosierungsschema fortgesetzt wird.
Nebenwirkungen
Sehr häufig (kann mehr als 1 von 10 Personen betreffen):
- Kopfschmerzen (einschließlich Migräne)
- Durchfall
- Fieber
Häufig (kann bis zu 1 von 10 Personen betreffen):
- Plötzliche Schwellung unter der Haut in Bereichen wie Gesicht, Hals, Armen, und Beinen (Angioödem)
- Gelenkschmerz (Arthralgie)
- Hautausschlag, manchmal mit roten Knötchen (papulöser Ausschlag)
- Reaktion an der Injektionsstelle wie z.B. Ausschlag an der Injektionsstelle, Hautrötung (Erythem), Entzündung, Beschwerden, und Schmerzen an der Infusionsstelle.
Wechselwirkungen
Obwohl keine spezifischen Studien zu Wechselwirkungen durchgeführt wurden, ist bekannt, dass Rozanolixizumab in den Recycling-Mechanismus von Immunglobulin G (IgG) eingreift. Dies kann die Serumkonzentrationen von IgG-basierten Medikamenten, wie monoklonalen Antikörpern und intravenösem Immunglobulin, sowie Fc-Peptid-Fusionsproteinen verringern, wenn diese gleichzeitig oder innerhalb von 2 Wochen nach der Anwendung von Rozanolixizumab verwendet werden.
Es wird daher empfohlen, solche Behandlungen erst 2 Wochen nach der letzten Anwendung von Rozanolixizumab zu beginnen und bei gleichzeitiger Anwendung eine möglicherweise reduzierte Wirksamkeit dieser Arzneimittel zu berücksichtigen.
Die Verwendung von intravenösen oder subkutan verabreichten Immunglobulinen, PLEX/Plasmapherese oder Immunadsorption kann die zirkulierenden Konzentrationen von Rozanolixizumab verringern, was zu einer Beeinträchtigung der Wirksamkeit von Rystiggo führen könnte.
Das Ansprechen auf Impfungen während der Behandlung mit Rystiggo wurde nicht untersucht. Da Rozanolixizumab eine Reduktion der IgG-Spiegel bewirkt, könnte dies die Wirksamkeit von Impfungen beeinflussen. Insbesondere wird die Impfung mit attenuierten Lebendimpfstoffen oder Lebendimpfstoffen während der Behandlung mit Rystiggo nicht empfohlen, da eine ausreichende Immunantwort möglicherweise nicht gewährleistet ist.
Kontraindikationen
Rozanolixizumab darf nicht angewendet werden, wenn eine Überempfindlichkeit gegen Rozanolixizumab oder einen der sonstigen Bestandteile des Medikaments besteht.
Anwendungshinweise
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Rozanolixizumab zu beachten:
- Rückverfolgbarkeit: Zur Verbesserung der Rückverfolgbarkeit biologischer Arzneimittel müssen die Bezeichnung des Arzneimittels und die Chargenbezeichnung des verwendeten Arzneimittels eindeutig dokumentiert werden.
- Myasthene Krise: Rozanolixizumab wurde nicht bei Patienten mit drohender oder manifester myasthener Krise untersucht. Es ist wichtig, die Reihenfolge und mögliche Wechselwirkungen der Einleitung von Therapien für MG-Krisen und von Rozanolixizumab sorgfältig zu erwägen.
- Aseptische Meningitis: Es gab Berichte über aseptische Meningitis nach Behandlung mit einer höheren Dosierung von Rozanolixizumab, die nach dem Absetzen der Behandlung ohne bleibende Schäden überstanden wurde. Bei Anzeichen von aseptischer Meningitis muss entsprechend dem Versorgungsstandard diagnostiziert und behandelt werden.
- Infektionen: Rozanolixizumab kann zu einer vorübergehenden Reduktion der IgG-Spiegel führen, was das Infektionsrisiko erhöhen kann. Bei Patienten mit signifikanten aktiven Infektionen soll die Behandlung mit Rozanolixizumab nicht begonnen werden, bis die Infektion abgeklungen oder angemessen behandelt wurde. Während der Behandlung sollten Anzeichen und Symptome von Infektionen überwacht und gegebenenfalls die Behandlung ausgesetzt werden.
- Überempfindlichkeit: Infusionsreaktionen wie Ausschlag oder Angioödem können auftreten. Patienten müssen während der Behandlung und bis 15 Minuten nach der Anwendung auf Überempfindlichkeitsreaktionen überwacht werden. Bei Auftreten solcher Reaktionen ist die Infusion abzubrechen und geeignete Maßnahmen einzuleiten.
- Impfung: Die Sicherheit und das Ansprechen auf Impfungen während der Behandlung mit Rozanolixizumab wurden nicht untersucht. Die Verwendung von Lebendimpfstoffen während der Behandlung wird nicht empfohlen. Andere Impfungen sollten gemäß den Impfrichtlinien und zeitlich abgestimmt auf die Behandlungszyklen verabreicht werden.
- Immunogenität: Einige Patienten entwickelten Antikörper gegen den Wirkstoff oder neutralisierende Antikörper, was die Gesamtplasmaexposition von Rozanolixizumab beeinflussen kann. Die Immunogenität schien jedoch keinen erkennbaren Einfluss auf die Wirksamkeit und Sicherheit zu haben.
- Sonstiger Bestandteil: Rystiggo enthält Prolin. Bei Patienten mit Hyperprolinämie sollte Rystiggo nur angewendet werden, wenn keine alternative Behandlung verfügbar ist.
- Fachinformation Rystiggo
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Hoy, Sheridan M. "Rozanolixizumab: first approval." Drugs 83.14 (2023): 1341-1347.
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Bril, Vera, et al. "Efficacy and safety of rozanolixizumab in moderate to severe generalized myasthenia gravis: a phase 2 randomized control trial." Neurology 96.6 (2021): e853-e865.










