Sulpirid
Sulpirid ist ein atypisches Antipsychotikum, welches aufgrund der neuroleptischen Wirkung in geringer Dosierung gegen depressive Erkrankungen und Schwindelzuständen sowie in höherer Dosierung gegen Schizophrenie angewendet wird.
Sulpirid: Übersicht
Anwendung
Sulpirid ist indiziert für die Behandlung von:
- Akuten und chronischen Schizophrenien bei Erwachsenen und Kindern ab 6 Jahren
- Depressiven Erkrankungen bei erfolgloser Therapie mit anderen Antidepressiva
- Schwindelzuständen, z. B. Morbus Menière sowie peripheren Lage-, Dreh- und Schwankschwindeln
Anwendungsart
Sulpirid sollte je nach Dosierung dreimal täglich unzerkaut als Tablette oder als Lösung zum Einnehmen mit etwas Flüssigkeit eingenommen werden. Die Anwendung kann unabhängig von den Mahlzeiten erfolgen. Die letzte Tagesdosis sollte nicht nach 16.00 Uhr eingenommen werden, da bei späterer Einnahme Schlafprobleme auftreten können.
Bei akuten Krankheitszuständen kann Sulpirid durch Injektion in einen größeren Muskel verabreicht werden.
Wirkmechanismus
Sulpirid ist ein substituiertes Benzamid und wirkt als atypisches Antipsychotikum.
Psychosen werden durch die Aktivität der Neurotransmitter Dopamin und Serotonin ausgelöst. Eine Blockade der Rezeptoren dieser Transmitter im Gehirn unterdrückt die Entstehung der Psychosen.
Sulpirid blockiert als Dopaminantagonist den D2- und D3-Dopamin-Rezeptor, indem der Wirkstoff an ein inhibitorisches G-Protein bindet, sodass über die Öffnung von K+-Kanälen und die Schließung von Ca2+-Kanälen eine Hyperpolarisation und damit eine Verringerung der Transmitterfreisetzung erreicht wird. Insgesamt wird somit die Dopaminaktivität reduziert, was zu neuronaler Dämpfung, vor allem im Bereich des nigrostriatalen Systems, im Hypothalamus und in der Hypophyse führt.
Pharmakokinetik
Sulpirid weist eine lineare Pharmakokinetik auf.
Resorption
- Nach oraler Verabreichung wird Sulpirid aus dem Gastrointestinaltrakt resorbiert.
- Die Bioverfügbarkeit ist mit etwa 35% niedrig.
- Die Maximale Plasmakonzentration wird nach etwa 3-6 Stunden erreicht.
Verteilung
- Sulpirid weist eine moderat ausgeprägte Bindung an Plasmaproteine auf und kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden, was zentral für die antipsychotische Wirkung ist.
Metabolismus (Biotransformation)
- Sulpirid wird nur in geringem Maße in der Leber metabolisiert. Im Vergleich zu anderen Antipsychotika unterliegt Sulpirid einem geringeren metabolischem Abbau, was das Risiko von Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten durch metabolische Enzyme reduziert.
Elimination
- Die Elimination von Sulpirid erfolgt hauptsächlich über die Nieren, wobei der Wirkstoff unverändert im Urin ausgeschieden wird.
- Die Halbwertszeit beträgt etwa 7 Stunden.
Dosierung
Die Dosierung ist sehr vom Alter und Gewicht sowie der Art und Schwere des Krankheitsbildes abhängig:
- Bei der Behandlung von Schizophrenien liegt die orale Tagesdosis üblicherweise bei 400-800 mg Sulpirid. Nur bei besonderen psychiatrischen Indikationen kann die Dosis auf maximal 1600 mg pro Tag erhöht werden.
- Bei der Behandlung von depressiven Erkrankungen und Schwindelzuständen liegt die tägliche Dosis bei 150-300 mg.
Allgemeine Hinweise:
- Alle Behandlungen sollten einschleichend mit einer geringeren Dosis erfolgen.
- Akute Krankheitszustände können zu Beginn der Therapie über maximal neun Tage parenteral über die intramuskuläre Injektion mit zweimal täglich 100 mg Sulpirid behandelt werden.
- Bei akuten Schizophrenien kann die Dosis bis 1000 mg erhöht werden.
- Bei älteren Patienten wird die Tagesdosis halbiert. Kinder ab 6 Jahren erhalten je nach Körpergewicht eine reduzierte Dosis.
- Bei eingeschränkter Nierenfunktion sollte die Dosierung von Sulpirid reduziert werden, da die Ausscheidung hauptsächlich über die Niere erfolgt.
Nebenwirkungen
Zu den häufigen Nebenwirkungen, die während einer Sulpirid-Therapie auftreten können, zählen:
- Zyklusstörungen bei Frauen
- Potenzstörungen bei Männern
- Verstopfung, Übelkeit und Erbrechen
- Kopfschmerzen
- Müdigkeit
- Tachykardie
- Exantheme der Haut
Seltenere Nebenwirkungen, die potenziell unter Sulpirid auftreten können, sind:
- Malignes neuroleptisches Syndrom
- Medikamentöses Parkinson-Syndrom
- Störungen des Bewegungsablaufes wie Kiefermuskelkrämpfe und Versteifung der Rückenmuskulatur
- Tremor
- Schlafstörungen
- Sehstörungen
- QT-Verlängerung
- Blutgerinnsel in den Venen
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Sulpirid zu beachten:
- Interaktion mit Levodopa: Sulpirid und Levodopa sollten nicht zusammen eingenommen werden, da sie einander in ihrer Wirkung aufheben können.
- Alkoholkonsum vermeiden: Die Reaktionen von Sulpirid mit Alkohol sind unvorhersehbar und sollten daher vermieden werden.
- Vorsicht bei Medikamenten, die das QT-Intervall beeinflussen: Die Kombination von Sulpirid mit Medikamenten, die das QT-Intervall verlängern oder die Erregungsleitung am Herzen beeinflussen können, wie bestimmte Betablocker, Calciumkanalblocker, Diuretika und einige Antiarrhythmika, ist nicht empfohlen.
- Einfluss auf blutdrucksenkende Medikamente: Sulpirid kann die Wirkung von Antihypertonika abschwächen, zu einem Blutdruckanstieg führen oder die blutdrucksenkende Wirkung verstärken und damit orthostatische Hypotension begünstigen.
- Verstärkung der sedierenden Wirkung: Die sedierende Wirkung von zentraldämpfenden Medikamenten wie Schlafmitteln, Beruhigungsmitteln und bestimmten Antihistaminika kann durch Sulpirid verstärkt werden.
- Verringerte Wirksamkeit dopaminerger Antiparkinsonmittel: Sulpirid kann die Wirkung von Ropinirol und anderen dopaminergen Antiparkinsonmitteln herabsetzen, weshalb eine gleichzeitige Anwendung vermieden werden sollte.
- Erhöhte Unruhe bei Kombination mit stimulierenden Mitteln: Die Kombination von Sulpirid mit Medikamenten, die das Zentralnervensystem stimulieren, kann Unruhe, Nervosität und Angst verstärken.
- Verminderte Absorption bei Einnahme mit Antazida: Die Aufnahme von Sulpirid kann durch aluminiumhaltige, magensäurebindende Medikamente vermindert werden. Sulpirid sollte daher mindestens zwei Stunden vor diesen Medikamenten eingenommen werden.
- Erhöhtes Risiko extrapyramidaler Nebenwirkungen mit Lithium: Die Kombination von Sulpirid mit Lithium kann das Risiko für extrapyramidale Nebenwirkungen erhöhen. Bei ersten Anzeichen von Neurotoxizität sollte die Anwendung beider Medikamente beendet werden.
Kontraindikationen
Die Anwendung von Sulpirid ist generell kontraindiziert bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff und anderen Benzamidderivaten
- Epilepsie
- Maniformen Psychosen
- Hirnorganischen Erkrankungen, z. B. organisches Psychosyndrom
- Morbus Parkinson
- Phäochromozytom
- Prolaktinabhängigen Tumoren, wie z. B. Hypophysen-Prolaktinom, sowie allen Mammatumoren
- Anwendung von Levodopa
- Akuten Alkohol-, Schlafmittel-, Analgetika- (Opiate) und Psychopharmaka-Intoxikationen
Schwangerschaft
Die Daten zur Sicherheit von Sulpirid in der Schwangerschaft sind begrenzt, und es gibt keine klaren Belege für seine Unbedenklichkeit. Der Wirkstoff kann die Plazenta passieren, weshalb die Anwendung bei Schwangeren oder Frauen im gebärfähigen Alter ohne Verhütung nur erfolgen soll, wenn der erwartete Nutzen das potenzielle Risiko überwiegt.
Stillzeit
Sulpirid sollte während der Stillzeit nicht eingenommen werden. Der Wirkstoff wird in die Muttermilch ausgeschieden und kann so beim Neugeborenen zu unerwünschten Wirkungen führen.
Verkehrstüchtigkeit
Die Fähigkeit zur sicheren Teilnahme am Straßenverkehr oder zur Bedienung von Maschinen kann eingeschränkt sein, da bei der Einnahme von Sulpirid das Reaktionsvermögen verändert ist. Deshalb sollte insbesondere in den ersten Tagen der Behandlung das Steuern von Fahrzeugen sowie andere risikobehaftete Aktivitäten vermieden werden.
Die endgültige Entscheidung über die Teilnahme an diesen Aktivitäten sollte individuell vom behandelnden Arzt getroffen werden, unter Berücksichtigung der persönlichen Reaktion des Patienten und der spezifischen Medikamentendosierung.
Anwendungshinweise
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Sulpirid zu beachten:
- Malignes neuroleptisches Syndrom: Diese seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Reaktion kann unter Sulpirid-Behandlung auftreten. Symptome umfassen Fieber, Muskelsteifheit, und Veränderungen der Herzfunktion. Bei ersten Anzeichen sollte Sulpirid sofort unter ärztlicher Aufsicht abgesetzt werden.
- Schizophrene Psychosen: Bei Patienten mit Symptomen wie Erregung oder Aggressivität kann Sulpirid zusammen mit einem Sedativum eingesetzt werden.
- Akute Porphyrien: Sulpirid sollte bei dieser Stoffwechselerkrankung nicht verwendet werden.
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Besondere Vorsicht ist geboten bei Patienten mit Blutdruckproblemen oder Vorschäden am Herz-Kreislauf-System.
- QT-Intervall-Verlängerung: Sulpirid kann das QT-Intervall im EKG verlängern, was das Risiko für schwere Herzrhythmusstörungen erhöht. Vor Beginn einer Sulpirid-Behandlung sollten Faktoren, die dieses Risiko erhöhen könnten, ausgeschlossen werden.
- Erhöhte Mortalität bei Demenz: Bei älteren Menschen mit Demenzerkrankungen kann die Behandlung mit Antipsychotika das Mortalitätsrisiko leicht erhöhen.
- Zerebrovaskuläre Ereignisse: Bei dementen Patienten, die mit Antipsychotika behandelt werden, besteht ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle und andere Gefäßereignisse im Gehirn.
- Thromboembolie-Risiko: Es gibt ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel unter Antipsychotika-Behandlung, daher sollten Risikofaktoren für venöse Thromboembolien beachtet und Präventivmaßnahmen ergriffen werden.
- Hyperprolaktinämie: Die Behandlung mit Sulpirid kann zu erhöhten Prolaktinspiegeln führen, was bei Patienten mit Brustkrebsrisiko berücksichtigt werden sollte.
- Anticholinerge Wirkung: Vorsicht ist geboten bei Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen wie Glaukom oder Prostatavergrößerung.
- Störungen der Monatsblutung: Bei jüngeren Frauen sollte auf mögliche Störungen der Menstruation geachtet werden.
- Hyperglykämie/Diabetes mellitus: Patienten mit Diabetes oder einem Risiko für Diabetes sollten regelmäßig ihren Blutzuckerspiegel überwachen.
- Krampfanfälle: Sulpirid kann die Schwelle für das Auftreten von Krampfanfällen senken. Patienten mit Epilepsie sollten sorgfältig überwacht werden.
- Leukopenie, Neutropenie, Agranulozytose: Blutbildveränderungen können auftreten und erfordern eine sorgfältige Überwachung.
- Nieren- und Leberfunktion: Bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion ist Vorsicht geboten, und die Dosierung muss eventuell angepasst werden.
- Anwendung bei Kindern und Jugendlichen: Die Anwendung bei Kindern unter 6 Jahren ist nicht zugelassen, und bei Kindern über 6 Jahren sowie Jugendlichen sollte Sulpirid nur nach sorgfältiger Abwägung eingesetzt werden.
- Ältere Patienten: Bei älteren Patienten sollten die spezifischen Risiken und Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden.
Alternativen
Je nach Indikationsgebiet und patientenindividuellen Gegebenheiten kommen weitere Antipsychotika als Alternative in Frage:
- Phenothiazine (Chlorpromazin, Fluphenazin, Levomepromazin, Perazin, Perphenazin, Promazin, Prothipendyl, Thioridazin)
- Thioxantheme (Chlorprothixen, Zuclopenthixol)
- Butyrophenone (Benperidol, Bromperidol, Droperidol, Haloperidol, Melperon, Pipamperon)
- Diphenylbutylpiperidine (Fluspirilen, Pimozid, Benzamide)
Wirkstoff-Informationen
- Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer
- Fachinformationen ausgewählter Sulpirid-Hersteller (z. B Sulpirid STADA 50 mg Tabletten)
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Bekanntmachung über die Registrierung und Zulassung von Arzneimitteln, 30. November 2011
- Watanabe, K, Sawano, T, Terada K et al. (2002): Studies on Intestinal Absorption of Sulpiride (1): Carrier-Mediated Uptake of Sulpiride in the Human Intestinal Cell Line Caco-2; DOI: https://doi.org/10.1248/bpb.25.885
- Caley, C, Weber, S (1995): Sulpiride: an antipsychotic with selective dopaminergic antagonist properties; DOI: 10.1177/106002809502900210
- Wiesel, F, Alfredsson, Ehrnebo, M et al. (1980): The pharmacokinetics of intravenous and oral sulpiride in healthy human subjects; DOI: 10.1007/BF00558453
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