Tetrazepam

Tetrazepam ist ein zentral wirksames Benzodiazepin zur Behandlung schmerzbedingter Muskelverspannungen und spastischer Syndrome. Aufgrund potenzieller Risiken – insbesondere Hautreaktionen und Abhängigkeit – sind alternative Wirkstoffe einzusetzen.

Tetrazepam

Anwendung

Tetrazepam wird angewendet bei:

  • Schmerzreflektorischen Muskelverspannungen, insbesondere infolge von Erkrankungen der Wirbelsäule und der achsennahen Gelenke.
  • Spastischen Syndromen mit pathologisch gesteigertem Muskeltonus unterschiedlicher Ursache.

Anwendungsart

Tetrazepam wird üblicherweise oral in Tablettenform eingenommen. Je nach Symptomatik kann Tetrazepam morgens, mittags oder abends verabreicht werden.

Zur Vermeidung von Absetzerscheinungen ist eine ausschleichende Reduktion der Dosis zwingend erforderlich. Die Behandlung mit Tetrazepam sollte so kurz wie möglich erfolgen (ca. 1 Woche).

Wirkmechanismus

Tetrazepam ist ein 1,4-Benzodiazepin, das seine Wirkung durch Bindung an den Benzodiazepin-Modulationsort des GABAA-Rezeptors im zentralen Nervensystem entfaltet. Durch diese Bindung wird die Affinität des GABAA-Rezeptors für den Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure (GABA) erhöht.

Dadurch verstärkt Tetrazepam den Einstrom von Chloridionen in die Nervenzellen, was zu einer Hyperpolarisation der Zellmembran und damit zu einer verminderten neuronalen Erregbarkeit führt. Die Folge ist eine Verstärkung der präsynaptischen Hemmung, insbesondere an spinalen und supraspinalen Interneuronen.

Auf diese Weise kommt es zu einer dosisabhängigen muskelrelaxierenden, anxiolytischen, antikonvulsiven und leicht sedierenden Wirkung, wobei die muskelrelaxierenden Effekte im Vordergrund stehen. Tetrazepam wirkt zentral und beeinflusst nicht die neuromuskuläre Reizübertragung wie periphere Muskelrelaxanzien.

Pharmakokinetik

Resorption

  • Nach oraler Gabe rasche und vollständige Resorption.
  • Maximale Plasmakonzentration nach ca. 1,5–2 Stunden erreicht.

Verteilung

  • Großes Verteilungsvolumen (ca. 225 l)
  • Plasmaproteinbindung etwa 70 %
  • Steady-State-Konzentration nach ca. 3 Tagen bei mehrfacher Gabe

Elimination

  • Vorwiegend hepatischer Abbau zu aktiven Metaboliten (u. a. Nortetrazepam, 3-Hydroxytetrazepam)
  • Ausscheidung fast ausschließlich renal, überwiegend als Glukuronide der hydroxylierten Metaboliten, sehr geringe Mengen werden unverändert ausgeschieden.
  • Eliminationshalbwertszeit circa 13–44,5 Stunden (daher schrittweises Absetzen empfohlen)
  • Bei älteren Patienten ist die Eliminationshalbwertszeit verlängert

Dosierung

Dosierungsempfehlungen von Tetrazepam:

Erwachsene

  • Anfangsdosis: 50 mg/d 
  • Bei unzureichender Wirkung: tägliche Steigerung um 25 mg bis zur gewünschten Wirkung.
  • Übliche Tagesdosis: 50–200 mg
  • In schweren Fällen (z. B. bei spastischen Syndromen): bis zu 400 mg täglich

Ältere Patienten

  • Reduzierte Anfangsdosis empfohlen (z. B. die Hälfte der Erwachsenendosis)

Patienten mit eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion

  • Reduzierte Dosierung notwendig auf Grund verlangsamter Elimination

Kinder ab 1 Jahr

  • Tagesdosis: 4 mg pro Kilogramm Körpergewicht, verteilt auf drei Einzeldosen

Nebenwirkungen

Am häufigsten (≥10 %) berichtete Nebenwirkungen von Tetrazepam:

  • Müdigkeit
  • Benommenheit
  • Koordinationsstörungen (Ataxie)
  • Artikulationsstörungen
  • Schwindelgefühl

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Tetrazepam zu beachten:

  • Alkohol: Die sedierende Wirkung von Tetrazepam wird durch Alkohol erheblich verstärkt; Alkoholkonsum sollte während der Behandlung vermieden werden.
  • Zentral dämpfende Medikamente: Die gleichzeitige Anwendung mit anderen sedierenden Arzneimitteln (z. B. Schlafmittel, Schmerzmittel, Antitussiva, Neuroleptika, Antidepressiva, sedierende Antihistaminika) kann die dämpfende Wirkung verstärken.
  • Andere Benzodiazepine: Kombinationen mit anderen Benzodiazepinen erhöhen das Risiko von Abhängigkeit und Entzugssymptomen.
  • Muskelrelaxanzien und Narkosemittel: Die Wirkung von Muskelrelaxanzien und bestimmten Narkosemitteln kann verstärkt werden, was besonders bei älteren Patienten zu beachten ist.
  • Clozapin: Erhöhtes Risiko für Atem- und Kreislaufstillstand bei gleichzeitiger Anwendung.
  • Protonenpumpenhemmer und H2-Blocker (z. B. Omeprazol, Cimetidin): Verstärkte und verlängerte Wirkung von Tetrazepam möglich.
  • Dauertherapien mit anderen Medikamenten: Bei gleichzeitiger Dauertherapie mit Medikamenten wie Betablockern, Antikoagulanzien, Antihypertonika, Antidiabetika oder Herzglykosiden sind Wechselwirkungen möglich und erfordern besondere ärztliche Aufmerksamkeit.

Kontraindikationen

Tetrazepam darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegen Tetrazepam, andere Benzodiazepine oder einen der sonstigen Bestandteile.
  • Myasthenia gravis
  • Spinale/zerebellare Ataxie (relativ)
  • Dekompensierter respiratorischer Insuffizienz
  • Schlafapnoe-Syndrom
  • Kindern unter 1 Jahr

Schwangerschaft

In der Schwangerschaft darf Tetrazepam nur bei zwingender Indikation und sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden, da es Hinweise auf mögliche Ateminsuffizienz, „floppy infant syndrome“ und Entzugssymptome beim Neugeborenen gibt.

Stillzeit

Tetrazepam geht in die Muttermilch über und sollte während der Stillzeit nicht eingenommen werden; bei notwendiger Behandlung muss abgestillt oder das Stillen für mindestens 48 Stunden unterbrochen werden.

Verkehrstüchtigkeit

Tetrazepam kann auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch das Reaktionsvermögen, die Aufmerksamkeit und die Verkehrstüchtigkeit erheblich beeinträchtigen. Dies gilt insbesondere in Kombination mit Alkohol oder anderen zentral dämpfenden Arzneimitteln, weshalb auf das Führen von Fahrzeugen und das Bedienen gefährlicher Maschinen während der gesamten Behandlung verzichtet werden sollte.

Anwendungshinweise

Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Tetrazepam zu beachten:

  • Myasthenia gravis und Ataxien: Bei Patienten mit Myasthenia gravis oder spinalen/zerebellaren Ataxien ist Tetrazepam kontraindiziert bzw. nur mit besonderer Vorsicht anzuwenden, da es die Symptome verstärken kann.
  • Atemwegserkrankungen: Bei Patienten mit Atemschwäche kann Tetrazepam zu Atemdepression führen; eine Anwendung ist nur unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung zulässig.
  • Leber- und Nierenfunktionsstörungen: Eine Dosisreduktion ist erforderlich, da die Ausscheidung verzögert sein kann und das Risiko einer Enzephalopathie besteht.
  • Abhängigkeitsrisiko: Bei längerer Anwendung besteht die Gefahr der psychischen und physischen Abhängigkeit, auch im therapeutischen Dosisbereich – insbesondere bei Patienten mit Abhängigkeitsanamnese.
  • Toleranzentwicklung: Die Wirkung von Tetrazepam kann bei wiederholter Einnahme über wenige Wochen nachlassen.
  • Absetzsymptome: Plötzliche Therapieunterbrechung kann zu Entzugserscheinungen führen (z. B. Angst, Unruhe, Schlaflosigkeit, Krampfanfälle); die Dosis muss daher langsam reduziert werden.
  • Amnesie: Vor allem bei höheren Dosen kann es zu anterograden Amnesien kommen, insbesondere bei nächtlicher Einnahme mit kurzer Schlafdauer.
  • Paradoxe Reaktionen: Unruhe, Reizbarkeit oder Aggressionen können insbesondere bei Kindern und älteren Patienten auftreten – in diesen Fällen Therapie sofort beenden.
  • Depressionen: Bei Patienten mit Depression können Symptome unter Tetrazepam verstärkt oder erstmals manifest werden.
  • Hautreaktionen: Tetrazepam kann sehr selten schwerwiegende Hautreaktionen wie Stevens-Johnson-Syndrom, toxische epidermale Nekrolyse (Lyell-Syndrom), Erythema multiforme und DRESS-Syndrom auslösen. Diese Reaktionen können unvorhersehbar auftreten, auch nach längerer, komplikationsloser Anwendung. Bei ersten Anzeichen wie Hautausschlag, Schleimhautveränderungen oder Fieber ist die Behandlung umgehend abzubrechen.
  • Weitergabe und Verschreibung: Das Medikament darf nicht an Dritte weitergegeben werden; ärztliche Verordnung und Kontrolle sind zwingend erforderlich.

Alternativen

Mögliche therapeutische Alternativen zu Tetrazepam:

Alle genannten Wirkstoffe besitzen muskelrelaxierende Eigenschaften und werden zur Behandlung von schmerzhaften Muskelverspannungen oder spastischen Zuständen eingesetzt. Im Gegensatz zu Tetrazepam bestehen bei vielen dieser Alternativen geringere Risiken für Abhängigkeit und schwere Hautreaktionen.

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
288.78 g·mol-1
Autor:
Stand:
01.07.2025
Quelle:
  1. Fachinformation Myolastan 50mg Filmtablette (2008). Sanofi-Aventis GmbH. Wien (Aufgerufen am 29.04.2025).
  2.  Fachinformation Tetrazepam-ratiopharm 50mg Filmtablette (2012). Ratiopharm GmbH. Ulm (Aufgerufen am 29.04.2025).
  3. Bulletin zur Arzneimittelsicherheit (2013). Paul-Ehrlich-Institut. BfArM. 
  4. S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der epidermalen Nekrolysen (2024). AWMF online. Register-Nr.: 013-103.
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