Tiaprid

Tiaprid ist ein Antipsychotikum aus der Gruppe der Benzamide, welches nach einer erfolgten Neuroleptikatherapie zur Behandlung von Spätdyskinesien, vor allem im Bereich der Mund- und Gesichtsmuskulatur sowie in der Muskulatur der Extremitäten, eingesetzt wird.

Tiaprid

Anwendung

Tiaprid gehört zur Wirkstoffgruppe der Neuroleptika/Antipsychotika und ist ein Benzamid. Anwendung findet der Wirkstoff in der Behandlung von Neuroleptika-induzierten Spätdyskinesien, vorwiegend oro-bucco-lingualer Art.

Anwendungsart

Tiaprid sollte in Form von Tabletten mit ein wenig Flüssigkeit nach den Mahlzeiten eingenommen werden.

Wirkmechanismus

Tiaprid bindet selektiv an D2- und D3-Dopaminrezeptoren und zeigt eine antagonistische Wirkung auf diese Dopaminrezeptoren, ohne dabei sedierende Wirkungen, kognitive Beeinträchtigungen oder Katalepsie zu verursachen. Eine besonders ausgeprägte Aktivität zeigt Tiaprid an Dopaminrezeptoren, die zuvor durch Dopamin sensibilisiert wurden. Dies ist vermutlich der Mechanismus hinter den antidyskinetischen Wirkungen von Tiaprid.

Pharmakokinetik

Resorption

  • Tiaprid wird nach oraler Einnahme schnell aufgenommen.
  • Die maximale Plasmakonzentration wird bereits eine Stunde nach der Verabreichung erreicht.
  • Die absolute Bioverfügbarkeit beträgt etwa 76%.

Verteilung

  • Tiaprid weist eine geringe Bindung an Plasmaproteine auf.
  • Die Substanz überwindet die Blut-Hirn-Schranke.

Metabolismus (Biotransformation)

  • Neben der Hauptform des unveränderten Tiaprids im Körper gibt es zwei identifizierte Metaboliten: das N-Oxid von Tiaprid und ein N-monodesethyliertes Derivat.

Elimination

  • Tiaprid wird überwiegend über den Urin ausgeschieden.
  • Die hauptsächliche Ausscheidung erfolgt innerhalb der ersten 24 Stunden nach Einnahme.
  • Die Substanz wird größtenteils unverändert ausgeschieden
  • Die Eliminationshalbwertszeit von Tiaprid beträgt etwa 3 Stunden.

Dosierung

Standarddosierung für Erwachsene:

  • Empfohlene Dosis: 300 – 600 mg Tiaprid täglich
  • Einnahmeform: Verteilt auf etwa 3 Einzelgaben
  • Therapieerfolg: Der Therapieerfolg kann sich erst nach einer Behandlungsdauer von 4 bis 6 Wochen zeigen.
  • Dosierung bei Leberinsuffizienz: Da Tiaprid nur minimal in der Leber verstoffwechselt wird, ist keine Dosisreduktion bei Leberinsuffizienz erforderlich.
  • Anwendung bei Kindern und Jugendlichen: Tiaprid ist nicht zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen vorgesehen.

Dosierungsanpassungen bei Niereninsuffizienz:

  • Kreatinin-Clearance 50 – 80 ml/min: 75% der normalen Tagesdosis
  • Kreatinin-Clearance 10 – 50 ml/min: 50% der normalen Tagesdosis
  • Kreatinin-Clearance unter 10 ml/min: 25% der normalen Tagesdosis

Nebenwirkungen

Zu den häufigen Nebenwirkungen, die während einer Therapie mit Tiaprid auftreten können, zählen:

  • Hyperprolaktinämie
  • Benommenheit, Schlaflosigkeit und Sedierung
  • Schwindel, Kopfschmerzen und extrapyramidale Symptome ähnlich des Parkinson-Syndroms
  • Asthenie und Ermüdung

Gelegentliche Nebenwirkungen, die potenziell unter Tiaprid auftreten können, umfassen:

  • Verwirrung und Halluzinationen
  • Akathisien, Dystonien, Synkopen sowie Krampfanfälle
  • Hypotonie
  • Konstipation
  • Hautausschlag, einschließlich erythematösem und makulopapulösem Hautausschlag
  • Amenorrhö und Orgasmusstörungen
  • Gewichtszunahme

Es wurde selten beobachtet, dass bei einer Langzeitanwendung von Tiaprid, ähnlich wie bei anderen Neuroleptika, Spätdyskinesien auftreten können.

Ebenfalls selten kann unter der Anwendung von Tiaprid ein malignes neuroleptisches Syndrom auftreten. Diese potenziell lebensbedrohliche Komplikation ist in den entsprechenden Sicherheitshinweisen detailliert beschrieben.

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Tiaprid zu beachten:

  • Levodopa: Die gleichzeitige Anwendung von Levodopa und Tiaprid ist zu vermeiden, da beide Medikamente gegensätzliche Wirkungen haben und sich in ihrer Effektivität beeinträchtigen.
  • Medikamente, die Torsade de Pointes auslösen können: Dazu zählen bestimmte Antiarrhythmika (Klasse Ia und III), einige Neuroleptika, Antiparasitika wie Halofantrin und weitere spezifische Medikamente wie Erythromycin i.v. Diese Kombinationen können das Risiko für ventrikuläre Arrhythmien, insbesondere Torsade de Pointes, erhöhen. Die Kombination mit diesen Medikamenten wird nicht empfohlen. Eine Überwachung des QT-Intervalls und der Herzfunktion ist notwendig, falls eine gleichzeitige Anwendung unvermeidlich ist.
  • Alkohol: Der sedierende Effekt von Tiaprid wird durch Alkohol verstärkt, was die Verkehrstüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen beeinträchtigen kann. Der Konsum von Alkohol sollte daher vermieden werden.
  • Dopaminerge Agonisten: Bei Parkinson-Patienten kann die gleichzeitige Anwendung von Tiaprid und dopaminergen Agonisten (außer Levodopa) zu antagonistischen Effekten führen, die psychotische Symptome verschlimmern können. Eine Anpassung der Medikation oder das schrittweise Absetzen der dopaminergen Agonisten kann erforderlich sein.
  • Medikamente, die eine Bradykardie induzieren können: Dies umfasst Antiarrhythmika der Klasse Ia, Betablocker und einige Kalziumkanalblocker, die zu einem erhöhten Risiko für ventrikuläre Arrhythmien führen können. Klinische und elektrokardiografische Überwachung ist erforderlich.
  • Betablocker bei Herzversagen: Eine Kombination mit bestimmten Betablockern kann das Risiko einer Torsade de Pointes erhöhen. Eine regelmäßige Überwachung durch EKG ist ratsam.
  • Kalium-senkende Arzneimittel: Die Kombination kann das Risiko für ventrikuläre Arrhythmien erhöhen, was eine vorherige Korrektur einer Hypokaliämie und eine kontinuierliche Überwachung erfordert.
  • Antihypertensiva: Die gleichzeitige Verabreichung kann zu verstärkter orthostatischer Hypotonie führen, daher sollte eine Dosisanpassung oder verstärkte Überwachung in Betracht gezogen werden.
  • ZNS-Sedativa: Die kombinierte Anwendung mit sedierenden Medikamenten wie Opioiden, Barbituraten, Benzodiazepinen und anderen kann die zentrale dämpfende Wirkung verstärken, was die Verkehrstüchtigkeit weiter beeinträchtigen kann.

Kontraindikationen

Die Anwendung von Tiaprid ist kontraindiziert bei:

  • Überempfindlichkeit oder Allergie gegen den Wirkstoff
  • Prolaktin-abhängigen Tumoren (z. B. hypophysäres Prolaktinom und Brustkrebs)
  • Phäochromozytom
  • Gleichzeitiger Behandlung mit Levodopa
  • Gleichzeitiger Behandlung mit Dopamin-Agonisten, außer bei Parkinson-Patienten in begründeten Ausnahmefällen

Schwangerschaft

Während der Schwangerschaft sowie bei Frauen im gebärfähigen Alter, die keine wirksame Verhütungsmethode anwenden, sollte von dem Einsatz von Tiaprid abgesehen werden.

Stillzeit

Da Tiaprid potenziell in die Muttermilch übergehen und damit ein Risiko für den Säugling nicht ausgeschlossen werden kann, sollte Tiaprid nur nach genauer Abwägung während der Stillzeit angewendet werden.

Verkehrstüchtigkeit

Tiaprid kann aufgrund der sedierenden Eigenschaften die Fähigkeit, aktiv am Straßenverkehr teilzunehmen oder Maschinen zu bedienen, beeinträchtigen. Diese Wirkung wird besonders durch die gleichzeitige Einnahme von Alkohol und zentral dämpfenden Medikamenten verstärkt.

Anwendungshinweise

Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Tiaprid zu beachten:

  • Epilepsie in der Vorgeschichte: Bei Patienten mit bekannter Epilepsie in der Anamnese kann Tiaprid die Schwelle für epileptische Anfälle senken. Diese Patienten sollten engmaschig überwacht werden.
  • Morbus Parkinson: Tiaprid sollte bei Morbus Parkinson nur in Ausnahmefällen verwendet werden, da es sonst zu einer Verschlechterung der Symptome führen kann.
  • Schwere kardiovaskuläre Erkrankungen: Bei Patienten mit ernsthaften Herz-Kreislauf-Problemen ist Vorsicht geboten, insbesondere wegen des Risikos einer Hypotonie.
  • Ältere Patienten: Bei älteren Menschen kann Tiaprid aufgrund erhöhter Empfindlichkeit verstärkt zu Sedierung und Hypotonie führen. Eine sorgfältige Dosierung und Überwachung sind erforderlich.
  • Niereninsuffizienz: Bei Niereninsuffizienz muss die Dosis von Tiaprid angepasst werden, um das Risiko eines Komas zu vermeiden.
  • QT-Intervall Verlängerung: Tiaprid kann das QT-Intervall verlängern, was das Risiko für schwerwiegende ventrikuläre Arrhythmien wie Torsade de Pointes erhöhen kann. Faktoren, die dieses Risiko erhöhen, sollten vor und während der Behandlung überwacht werden.
  • Malignes neuroleptisches Syndrom: Diese schwere Reaktion kann während der Behandlung mit Tiaprid auftreten und tödlich enden. Bei hohem Fieber und Muskelsteifheit sollte Tiaprid sofort abgesetzt und medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.
  • Schlaganfallrisiko: Bei Patienten mit einem erhöhten Risiko für zerebrovaskuläre Ereignisse sollte Tiaprid mit Vorsicht angewendet werden.
  • Erhöhte Mortalität bei älteren Patienten mit Demenz: Ältere Menschen mit Demenz, die Antipsychotika erhalten, haben ein erhöhtes Risiko für Tod. Tiaprid sollte bei diesen Patienten mit besonderer Vorsicht eingesetzt werden.
  • Venöse Thromboembolie (VTE): Antipsychotika, einschließlich Tiaprid, können das Risiko für VTE erhöhen. Risikofaktoren sollten identifiziert und präventive Maßnahmen getroffen werden.
  • Hämatologische Veränderungen: Bei Auftreten von Infektionen oder Fieber sollte eine hämatologische Untersuchung durchgeführt werden, um hämatologische Störungen auszuschließen.
  • Anwendung bei Kindern und Jugendlichen: Tiaprid ist für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen nicht zugelassen.

Alternativen

Je nach Indikationsgebiet und patientenindividuellen Gegebenheiten kommen weitere Neuroleptika als Alternative in Frage:

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
328.43 g·mol-1
Mittlere Halbwertszeit:
ca. 5.0 H
Q0-Wert:
0.25
Kindstoff(e):
Autor:
Stand:
17.05.2024
Quelle:
  1. Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer
  2. Scholz et al., Taschenbuch der Arzneibehandlung, 2005, Springer
  3. Fachinformationen des Tiaprid-Herstellers Aliud Pharma  (Tiaprid AL 100 mg/ 200 mg Tabletten)
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