Tirofiban
Tirofiban ist ein Glykoprotein-IIb/IIIa-Rezeptor-Antagonist, der die Blutgerinnung hemmt und in der Behandlung von akuten koronaren Syndromen und bei Patienten, die sich einer perkutanen Koronarintervention unterziehen, angewendet wird.
Tirofiban: Übersicht

Anwendung
Tirofiban ist ein Medikament zur Vorbeugung eines drohenden Herzinfarkts bei erwachsenen Patienten mit akutem Koronarsyndrom ohne ST-Streckenhebung. Dies gilt insbesondere, wenn die letzte Brustschmerzepisode innerhalb der letzten 12 Stunden aufgetreten ist und es Anzeichen von EKG-Veränderungen und/oder erhöhten Herz-Enzymen gibt.
Darüber hinaus wird Tirofiban zur Reduktion von schweren kardiovaskulären Ereignissen bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt angewendet, bei denen eine primäre perkutane Koronarintervention geplant ist.
Tirofiban sollte zusammen mit Acetylsalicylsäure (ASS) und unfraktioniertem Heparin verwendet werden.
Wirkmechanismus
Tirofiban ist ein Antagonist des Glykoprotein-IIb/IIIa-Rezeptors, einer Schlüsselkomponente im Prozess der Thrombozytenaggregation. Durch Bindung an diesen Rezeptor blockiert Tirofiban die Bindung von Fibrinogen an Thrombozyten, was den letzten Schritt in der Blutgerinnungskaskade darstellt. Dadurch wird die Bildung von Blutgerinnseln verhindert, die zu Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen können.

Dosierung
Die Dosierung von Tirofiban variiert je nach Behandlungsplan und Patientenzustand. Bei Patienten mit nicht-ST-Strecken-Hebungs-Akutem Koronarsyndrom (NSTE-ACS), die nicht unmittelbar eine Angiographie erhalten, wird Tirofiban zunächst mit einer Infusionsrate von 0,4 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Minute für 30 Minuten verabreicht, danach wird die Infusionsrate auf 0,1 Mikrogramm pro Kilogramm pro Minute reduziert.
Bei Patienten mit NSTE-ACS, die innerhalb der ersten vier Stunden nach der Diagnose eine perkutane Koronarintervention (PCI) erhalten sollen, oder bei Patienten mit akutem Herzinfarkt, bei denen eine PCI vorgesehen ist, sollte Tirofiban als Anfangsdosis von 25 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht über drei Minuten verabreicht werden, gefolgt von einer kontinuierlichen Infusion mit einer Rate von 0,15 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Minute für 12 bis 24, und bis zu 48 Stunden.
Tirofiban wird gemeinsam mit unfraktioniertem Heparin und, wenn nicht kontraindiziert, oralen Thrombozytenaggregationshemmern einschließlich ASS angewendet. Bei der Anwendung von unfraktioniertem Heparin wird die Dosis angepasst anhand der aktivierten partiellen Thromboplastinzeit (aPTT), welche etwa das Zweifache des Normalwerts betragen sollte.
Bei schwerer Niereninsuffizienz (Kreatinin-Clearance < 30 ml/min) soll die Dosierung von 50 Mikrogramm/mlInfusionslösung um 50% reduziert werden.
Nebenwirkungen
Die häufigste Nebenwirkung bei der Behandlung mit Tirofiban, insbesondere wenn es zusammen mit Heparin, Acetylsalicylsäure und anderen oralen Thrombozytenaggregationshemmern verwendet wird, sind Blutungen. Diese Blutungen betreffen meistens die Schleimhäute oder sind leichte Blutungen an der Stelle, wo der Katheter eingeführt wurde.
Kontraindikationen
Tirofiban darf nicht angewendet werden bei Patienten, die überempfindlich gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile sind oder die bei einer früheren Anwendung eines GPIIb/IIIa-
Rezeptorantagonisten eine Thrombozytopenie entwickelt haben.
Da eine Hemmung der Thrombozytenaggregation das Blutungsrisiko erhöht, ist Tirofiban kontraindiziert bei Patienten mit:
- anamnestisch bekanntem Schlaganfall innerhalb der letzten 30 Tage oder jeglichem anamnestisch bekanntem hämorrhagischen Schlaganfall
- anamnestisch bekannter intrakranieller Erkrankung (z. B. Neoplasma, arteriovenöse Malformation, Aneurysma)
- aktiver oder kürzlich (innerhalb der letzten 30 Tage vor der Behandlung) zurückliegender klinisch relevanter Blu-tung (z. B. gastrointestinaler Blutung)
- maligner Hypertonie
- relevantem Trauma oder größerem operativen Eingriff innerhalb der letzten 6 Wochen
- Thrombozytopenie (Thrombozytenzahl unter 100.000/mm3 )
- Störungen der Plättchenfunktion
- Gerinnungsstörungen (z. B. Prothrombinzeit > 1,3fache der Norm oder INR > 1,5)
- schwerer Leberinsuffizienz
Schwangerschaft
Die Erfahrungen mit der Anwendung von Tirofiban bei schwangeren Frauen sind sehr begrenzt oder gar nicht vorhanden. Daher wird die Verwendung von Tirofiban während der Schwangerschaft nicht empfohlen, es sei denn, es ist unbedingt notwendig.
Stillzeit
Es ist nicht klar, ob Tirofiban in die Muttermilch übergeht. Tierstudien weisen darauf hin, dass dies der Fall sein könnte, weshalb ein Risiko für das Neugeborene nicht ausgeschlossen werden kann. Es muss also entschieden werden, ob das Stillen unterbrochen oder die Behandlung mit Tirofiban vermieden werden sollte. Dabei sollten sowohl die Vorteile des Stillens für das Kind als auch die Vorteile der Behandlung für die Mutter berücksichtigt werden.
Verkehrstüchtigkeit
Es gibt keine Informationen darüber, ob Tirofiban das Autofahren oder die Bedienung von Maschinen beeinträchtigt.
Anwendungshinweise
- Die Anwendung von Tirofiban ohne unfraktioniertem Heparin wird nicht empfohlen.
- Es gibt nur begrenzte Erfahrung bei der Anwendung von Tirofiban in Kombination mit Enoxaparin, wobei ein erhöhtes Risiko für schwere Blutungen nicht ausgeschlossen werden kann.
- Die Wirksamkeit und Sicherheit von Tirofiban in Kombination mit anderen niedermolekularen Heparinen wurde nicht untersucht.
- Tirofiban wird bei Patienten mit bestimmten Krankheiten oder Zuständen, bei denen ein erhöhtes Blutungsrisiko vermutet wird, nicht empfohlen. Dazu gehören unter anderem Traumata, größere Operationen, aktive peptische Ulzera, unkontrollierter Bluthochdruck, aktive oder bekannte Vaskulitis, Verdacht auf Aortendissektion und okkultes Blut im Stuhl oder Hämaturie.
- Tirofiban sollte bei Patienten, bei denen eine Thrombolysetherapie indiziert ist, nicht angewendet werden, da es keine Erfahrungen mit dieser Kombination gibt.
- Die Infusion von Tirofiban sollte sofort abgebrochen werden, wenn eine thrombolytische Therapie erforderlich wird oder wenn der Patient dringend eine Bypass-Operation oder eine intraaortale Ballonpumpe benötigt.
Alternativen
Tirofiban gehört zur Klasse der Glykoprotein-IIb/IIIa-Inhibitoren. Alternative Medikamente in dieser Klasse, die bei akuten koronaren Syndromen eingesetzt werden können, sind:
- Eptifibatid: Ein anderer Glykoprotein-IIb/IIIa-Inhibitor, der ähnlich wie Tirofiban zur Verhinderung von Blutgerinnseln in Koronararterien verwendet wird.
- Abciximab: Ein weiterer Glykoprotein-IIb/IIIa-Inhibitor, der zur Vorbeugung von Blutgerinnseln während bestimmter Koronarintervention eingesetzt wird.
Darüber hinaus können andere Thrombozytenaggregationshemmer wie Clopidogrel, Prasugrel oder Ticagrelor, die zur P2Y12-Inhibitor-Klasse gehören, als Teil der Behandlung von akuten koronaren Syndromen eingesetzt werden.
Außerdem können Antikoagulanzien wie Heparin oder direkte orale Antikoagulanzien (DOAKs) wie Rivaroxaban und Apixaban in bestimmten Situationen verwendet werden.
Wirkstoff-Informationen
- Fachinformation Tirofiban Hexal
- Valgimigli, Marco, et al. "Tirofiban as adjunctive therapy for acute coronary syndromes and percutaneous coronary intervention: a meta-analysis of randomized trials." European heart journal 31.1 (2010): 35-49.
- Siebler, Mario, et al. "Safety of Tirofiban in acute Ischemic Stroke: the SaTIS trial." Stroke 42.9 (2011): 2388-2392.










