Tirzepatid
Tirzepatid ist ein sogenanntes Twinkretin – ein dualer Agonist an den Rezeptoren der beiden Inkretine GLP-1 (Glucagon-Like Peptide 1) und GIP (Glucoseabhängiges Insulinotropes Peptid). Der Wirkstoff wird zur Behandlung des Typ-2-Diabetes und Adipositas eingesetzt.
Tirzepatid: Übersicht
Anwendung
Tirzepatid ist ergänzend zu Diät und Bewegung zur Behandlung von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ab 10 Jahren mit unzureichend eingestelltem Diabetes mellitus Typ 2 indiziert. Es wird bei Unverträglichkeit oder Kontraindikation gegen Metformin als Monotherapie oder in Kombination mit anderen Antidiabetika einschließlich Insulin angewendet.
Darüber hinaus ist Tirzepatid indiziert als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Diät und erhöhter körperlicher Aktivität zur Gewichtsregulierung, einschließlich Gewichtsabnahme und Gewichtserhaltung, bei Erwachsenen mit einem Ausgangs-BMI von:
- ≥ 30 kg/m2 (Adipositas) oder
- ≥ 27 kg/m2 bis < 30 kg/m2 (Übergewicht), bei denen mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung, wie z. B. Fehlregulation der glykämischen Kontrolle
(Prädiabetes oder Diabetes mellitus Typ 2), Hypertonie, Dyslipidämie, obstruktive Schlafapnoe oder Herz-Kreislauf-Erkrankung vorliegt.
Anwendungsart
Tirzepatid wird subkutan in den Bauch, Oberschenkel oder von einer anderen Person in die Rückseite des Oberarms injiziert. Die Dosis kann zu jeder Tageszeit unabhängig von den Mahlzeiten verabreicht werden. Es ist wichtig, die Injektionsstellen bei jeder Anwendung zu wechseln. Falls der Patient auch Insulin verwendet, sollte Tirzepatid an einer anderen Körperstelle injiziert werden.
Wirkmechanismus
Tirzepatid wirkt als hochselektiver Agonist an Rezeptoren der Inkretine GLP-1 (Glucagon-Like Peptide 1) und GIP (Glucoseabhängiges Insulinotropes Peptid). Der Wirkstoff erhöht auf die gleiche Weise wie GIP und GLP-1 glukoseabhängig die Insulinmenge, die die Bauchspeicheldrüse als Reaktion auf Nahrung freisetzt. Auf diese Weise verbessert der Wirkstoff die glykämische Kontrolle durch Senkung der Nüchtern- und postprandialen Glukosekonzentration bei Patienten mit Typ-2-Diabetes.
Des Weiteren erhöht Tirzepatid die Glukosesensitivität der Betazellen des Pankreas und verbessert die Insulinsensitivität. Zusätzlich senkt Tirzepatid glucoseabhängig die Nüchtern- und postprandiale Glucagon-Konzentration. Außerdem verzögert das Arzneimittel die Magenentleerung. Dieser Effekt nimmt jedoch mit der Zeit ab.
Pharmakokinetik
Tirzepatid ist ein Peptid, das aus 39 Aminosäuren besteht, an die eine C20-Fettdisäureeinheit geknüpft ist, die die Albuminbindung ermöglicht und die Halbwertszeit verlängert.
Resorption
- Die maximale Konzentration von Tirzepatid wird nach 8 bis 72 Stunden, der Steady-State nach vier Wochen einmal wöchentlicher Gabe erreicht.
- Die absolute Bioverfügbarkeit liegt bei etwa 80%.
Verteilung
- Tirzepatid wird aufgrund seiner Struktur stark (99%) an Plasmaalbumin gebunden.
- Das Verteilungsvolumen im Steady State liegt nach subkutaner Gabe bei etwa 10,3 L.
Metabolismus
- Der Abbau von Tirzepatid erfolgt durch proteolytische Spaltung der Peptidkette, Beta-Oxidation der C20-Fettdisäureeinheit und Amid-Hydrolyse.
Elimination
- Die einmal wöchentliche Gabe von Tirzepatid wird durch eine lange Halbwertszeit von etwa 5 Tagen und einer scheinbaren mittleren Clearance von 0,06 L/h ermöglicht.
- Die Elimination erfolgt in Form der Metaboliten über Urin und Fäzes. Intaktes Tirzepatid wird weder im Urin noch in den Fäzes nachgewiesen.
Dosierung
Die Anfangsdosis von Tirzepatid beträgt 2,5 mg einmal wöchentlich. Nach 4 Wochen sollte die Dosis auf 5 mg einmal wöchentlich erhöht werden. Bei Bedarf kann die Dosis in 2,5-mg-Schritten weiter erhöht werden, nachdem eine Behandlung mindestens 4 Wochen mit der jeweils aktuellen Dosis erfolgt ist.
Erwachsene
- Die empfohlene Erhaltungsdosis beträgt 5 mg, 10 mg oder 15 mg.
- Die Höchstdosis beträgt 15 mg einmal wöchentlich.
Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren (Behandlung von Typ-2-Diabetes mellitus)
- Die empfohlene Erhaltungsdosis beträgt 5 mg oder 10 mg.
- Die Höchstdosis beträgt 10 mg einmal wöchentlich.
Dosisanpassung
Bei Kombination mit Metformin oder einem SGLT-2-Hemmer kann deren jeweilige Dosis beibehalten werden. Wird Tirzepatid parallel zu Insulin oder einem Sulfonylharnstoff angewendet, kann eine schrittweise Dosisreduktion von Insulin oder dem Sulfonylharnstoff nötig sein, um das Hypoglykämierisiko zu verringern.
Nebenwirkungen
Die folgenden Nebenwirkungen könnten bei der Behandlung mit Tirzepatid auftreten:
Sehr häufig (≥ 1/10)
- Gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Diarrhö, Erbrechen, Bauchschmerzen und Obstipation
- Verminderter Appetit
- Hypoglykämie bei Anwendung in Kombination mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen
- Fatigue
Häufig (≥ 1/100, < 1/10)
- Weitere gastrointestinale Beschwerden wie Dyspepsie, Blähungen, Aufstoßen, Flatulenz und gastroösophageale Refluxkrankheit
- Überempfindlichkeitsreaktionen, Reaktionen an der Injektionsstelle
- Schwindel, Hypotonie, erhöhte Herzfrequenz
- Haarausfall
- Erhöhte Laborwerte wie Lipase-, Amylase- und Calcitoninwerte
- Hypoglykämie bei Anwendung mit Metformin und SGLT2-Hemmern
Gelegentlich (≥ 1/1.000, < 1/100)
- Gallenblasenerkrankungen wie Cholelithiasis und Cholezystitis
- Akute Pankreatitis
- Verzögerte Magenentleerung
- Schmerzen an der Injektionsstelle
- Geschmacksstörungen, Empfindungsstörungen der Haut/Nerven
- Hypoglykämie bei Anwendung mit Metformin
- Gewichtsverlust
Selten (≥ 1/10.000, < 1/1.000)
- Anaphylaxie, Angioödem
Das Nebenwirkungsprofil ist mit GLP-1-Rezeptoragonisten vergleichbar.
Wechselwirkungen
Bei der Anwendung von Tirzepatid ist zu beachten, dass es insbesondere zu Beginn der Behandlung die Magenentleerung verzögert. Das kann bei gleichzeitiger Anwendung von oralen Arzneimitteln mit geringer therapeutischer Breite (z.B. Warfarin, Digoxin) oder solchen, bei denen ein schneller Wirkeintritt wichtig ist, eine Dosisanpassung erfordern.
Kontraindikationen
Tirzepatid darf bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile nicht angewendet werden.
Schwangerschaft
Frauen im gebärfähigen Alter sollten während der Behandlung mit Tirzepatid verhüten. Es liegen keine bzw. begrenzte Daten zu den Auswirkungen von Tirzepatid in der Schwangerschaft vor. Im Tierversuch trat Reproduktionstoxizität auf. Die Anwendung von Tirzepatid wird daher während der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die keine Kontrazeptiva anwenden, nicht empfohlen. Wenn eine Patientin schwanger werden möchte oder schwanger wird, sollte Tirzepatid abgesetzt werden. Aufgrund der langen Halbwertszeit sollte Tirzepatid mindestens 1 Monat vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden.
Stillzeit
Nach einmaliger Gabe einer 5 mg Dosis wurde festgestellt, dass die Konzentration von Tirzepatid in der Muttermilch nicht nachweisbar bis sehr niedrig war. Da Tirzepatid eine Aminosäuresequenz ist, wird erwartet, dass jede geringe in der Muttermilch vorkommende Menge abgebaut und nicht oral als wirksames Medikament vom gestillten Säugling aufgenommen wird. Es ist nicht bekannt, ob die durch Tirzepatid verursachte verringerte Nahrungsaufnahme der Mutter die Zusammensetzung oder den Nährstoffgehalt der Muttermilch beeinflusst. Daher könnte Tirzepatid für die Anwendung während der Stillzeit in Betracht gezogen werden.
Verkehrstüchtigkeit
Tirzepatid hat keinen bzw. einen zu vernachlässigenden Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen. Allerdings muss beachtet werden, dass das Risiko für Hypoglykämien bei der gleichzeitigen Anwendung von Tirzepatid und einem Sulfonylharnstoff oder Insulin erhöht sein kann. Patienten sollten auf dieses Risiko hingewiesen werden und Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um eine Hypoglykämie beim Autofahren und beim Bedienen von Maschinen zu vermeiden.
Anwendungshinweise
Die folgenden Anwendungshinweise sind bei der Behandlung mit Tirzepatid zu beachten.
- Akute Pankreatitis: Bei Patienten mit Pankreatitis in der Anamnese vorsichtig anwenden. Bei Verdacht auf Pankreatitis Tirzepatid absetzen.
- Erhöhtes Hypoglykämierisiko: Bei Kombination mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen kann das Hypoglykämierisiko erhöht sein; gegebenenfalls Dosisreduktion dieser Arzneimittel erwägen.
- Gastrointestinale Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen und Diarrhö können zu Dehydratation und einer Verschlechterung der Nierenfunktion führen. Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten, insbesondere bei älteren Patienten.
- Schwere gastrointestinale Erkrankungen: Bei Patienten mit schweren gastrointestinalen Erkrankungen, einschließlich schwerer Gastroparese, nur mit Vorsicht anwenden.
- Diabetische Retinopathie: Eine rasche Verbesserung der Blutzuckerkontrolle kann eine vorübergehende Verschlechterung der Retinopathie verursachen; engmaschige Überwachung empfohlen.
- Vollnarkose oder tiefe Sedierung: Aufgrund der verzögerten Magenentleerung erhöhtes Risiko verbliebener Mageninhalte beachten.
Alternativen
Tirzepatid stellt bislang den einzigen Wirkstoff in der Klasse der dualen GLP-1/GIP-Rezeptoragonisten dar. Zur Behandlung eines Typ-2-Diabetes stehen als Alternative die üblichen Antidiabetika, wie GLP-1-Rezeptoragonisten oder SGLT-2-Inhibitoren zur Verfügung.
Weitere Informationen sind der jeweiligen Fachinformation zu entnehmen.
- EMA, Fachinformation Mounjaro
- EMA, EPAR Mounjaro
- EMA, Meeting highlights from the Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) 6-9 November 2023, 10.11.2023
- Lilly, Pressemitteilung: Erster GIP/GLP-1-Rezeptor-Agonist zur Therapie des Typ-2-Diabetes, 23.11.2023
- AWMF, Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes, Stand 03/2021
- Lilly Deutschland GmbH: Mounjaro® Injektionslösung in einem Fertigpen. Fachinformation. Stand: Juni 2026.
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