Tranexamsäure

Tranexamsäure ist ein Antifibrinolytikum, das sich von der Aminosäure Lysin ableitet. Der Wirkstoff greift gezielt in die Fibrinolyse ein und spielt bei der Behandlung verschiedenster Blutungssituationen eine zentrale Rolle.

Tranexamsäure

Anwendung

Die Anwendungsgebiete von Tranexamsäure umfassen je nach Darreichungsform:

Filmtabletten

  • Hypermenorrhoe: Behandlung starker Monatsblutungen.
  • Lokale Hyperfibrinolyse: Behandlung und Vorbeugung von Blutungen, z. B. rezidivierendes Nasenbluten und nach Augentrauma.
  • Operative Eingriffe: Prophylaxe und Behandlung von Blutungen nach Operationen.
  • Hereditäres Angioödem: Vorbeugung von Ödemen.
  • Nach Rücksprache mit einem Spezialisten, z. B. bei von Willebrand-Jürgens-Syndrom oder Hämophilie A, sowie zur Weiterbehandlung hyperfibrinolytisch bedingter Blutungen bei schwerstkranken Patienten.

Injektionslösung

  • Blutungen: Prophylaxe und Behandlung bei lokaler oder generalisierter Hyperfibrinolyse, einschließlich Menorrhagie, gastrointestinale und Harnwegsblutungen, Operationen und Blutungen unter fibrinolytischer Therapie.

Anwendungsart

Orale Anwendung

  • Filmtabletten werden unzerkaut mit ausreichend Flüssigkeit (z. B. einem Glas Wasser) eingenommen.

Intravenöse Anwendung

  • Die Anwendung ist ausschließlich als langsame intravenöse Injektion oder Infusion mit einer maximalen Geschwindigkeit von 1 ml pro Minute zulässig.
  • Wichtiger Hinweis: Die parenterale Gabe von Tranexamsäure sollte ausschließlich intravenös erfolgen. Eine intrathekale oder epidurale Applikation ist kontraindiziert.
  • Zur Vermeidung schwerwiegender Medikationsfehler sollten Spritzen mit Tranexamsäure deutlich gekennzeichnet werden.

Wirkmechanismus

Tranexamsäure bindet mit hoher Affinität reversibel an die Lysinbindungsstellen des Plasminogens und blockiert dessen Anlagerung an Fibrin sowie die Aktivierung zu Plasmin. Durch diese antifibrinolytische Wirkung stabilisiert Tranexamsäure bestehende Fibringerinnsel und reduziert übermäßige Blutverluste.

Pharmakokinetik

Resorption

Oral:

  • Bioverfügbarkeit bei einer Dosierung von 0,5–2,0 g ca. 30–35 %, unabhängig von Nahrungsaufnahme.
  • Cmax dosisabhängig (z. B. ca. 5 µg/ml nach 0,5 g; ca. 15 µg/ml nach 2 g).
  • Therapeutische Plasmaspiegel halten nach einmaliger oraler Gabe von 2 g Tranexamsäure bis zu 6 Stunden an.

Intravenös:

  • Maximale Plasmakonzentrationen werden sofort nach Infusion/Injektion erreicht.
  • Nach Gabe von 10 mg Tranexamsäure pro kg KG treten nach 1, 3 bzw. 5 Stunden Plasmakonzentrationen von 18, 10 bzw. 5 mg/l auf.

Verteilung

  • Geringe Plasmaproteinbindung (ca. 3 %), hauptsächlich an Plasminogen.
  • Verteilungsvolumen: etwa 9–12 l.
  • Gute Verteilung im extrazellulären Raum.
  • Tranexamsäure ist plazentagängig und passiert die Blut-Hirn-Schranke.

Metabolismus

  • Tranexamsäure wird kaum metabolisiert; der Hauptanteil ver bleibt unverändert im Kreislauf.

Elimination

  • Elimination überwiegend renal. Die renale Clearance entspricht der Plasma-Clearance (110 bis 116 ml/min).
  • Ca. 90–95 % werden innerhalb der ersten 12 bis 24 Stunden unverändert renal ausgeschieden.
  • Eliminationshalbwertszeit: etwa 3 Stunden.
  • Bei Niereninsuffizienz werden erhöhte Plasmaspiegel erreicht und es besteht ein Akkumulationsrisiko.

Dosierung

Spezifische Indikationen einer oralen Anwendung

Hypermenorrhoe:

  • 1 g dreimal täglich
  • Maximal 4 g/Tag
  • Behandlungsdauer: max. 4 Tage, Beginn mit Einsetzen der Blutung

Nasenbluten bei Morbus Osler:

  • 500 mg – 1 g dreimal täglich
  • Dauer: 10 Tage bis 3 Monate

Verhinderung einer Rezidivblutung bei traumatischem Hyphaema:

  • 1 g dreimal täglich

Nach Prostatektomie:

  • 500 mg bis 1 g dreimal täglich
  • Initial ggf. höhere Dosen (bis 2 g dreimal täglich)
  • Dauer: bis zu 7 Tage

Blutungen nach Konisation der Zervix:

  • 1–1,5 g dreimal täglich
  • Dauer: 12–14 Tage

Blutungen bei malignen Erkrankungen:

  • 1 g drei- bis viermal täglich (≈ 50 mg/kg KG/Tag)
  • Dauer: entsprechend klinischem Bedarf

Zystische Fibrose:

  • 500 mg bis 1 g dreimal täglich

Blutungen bei Hämophilie A oder von-Willebrand-Syndrom:

  • 10–15 mg/kg KG alle 8–12 Stunden (oral, ergänzend zur Standardtherapie)
  • Bei Menorrhagie bei von-Willebrand-Jürgens-Erkrankung: 1 g drei- bis viermal täglich

Hereditäres Angioödem:

  • Akuter Anfall: bis 1,5 g dreimal täglich
  • Langzeitprophylaxe: bis 50 mg/kg KG/Tag

Standarddosierung einer intravenösen Anwendung

Lokale Fibrinolyse:

  • 0,5–1 g zwei- bis dreimal täglich i.v.
  • Gabe als langsame Injektion oder Infusion

Generalisierte Fibrinolyse:

  • 1 g alle 6–8 Stunden i.v.
  • Alternativ: 15 mg/kg KG pro Gabe
  • Ebenfalls langsame i.v.-Applikation

Dosisanpassung

Eingeschränkte Nierenfunktion:

  • Serumkreatinin 120–249 µmol/l bzw. 1,35 bis 2,82 mg/dl: 10 mg/kg i.v. bzw. 15 mg/kg KG p.o. alle 12 Stunden
  • Serumkreatinin 250–500 µmol/l bzw. 2,82 bis 5,65 mg/dl: 10 mg/kg i.v. bzw. 15 mg/kg KG p.o. alle 24 Stunden
  • Serumkreatinin >500 µmol/l bzw. >5,65 mg/dl: 5 mg/kg KG i. v. bzw. 7,5 mg/kg KG p.o. alle 24 Stunden oder 10 mg/kg KG p. o. alle 48 Stunden

Leberfunktionsstörung:

  • Keine Dosisanpassung erforderlich

Kinder und Jugendliche (≥1 Jahr):

  • max. 25 mg/kg p.o. pro Dosis
  • max. 20 mg/kg KG i.v. pro Tag
  • Begrenzte Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit

Ältere Patienten:

  • Keine Dosisanpassung notwendig, außer bei eingeschränkter Nierenfunktion

Nebenwirkungen

Zu den Nebenwirkungen, die während einer Therapie mit Tranexamsäure auftreten können, zählen:

  • Diarrhö (Häufig)
  • Erbrechen (Häufig)
  • Übelkeit (Häufig)
  • allergische Dermatitis (Gelegentlich)
  • Überempfindlichkeitsreaktionen einschließlich Anaphylaxie (Häufigkeit nicht bekannt)
  • Krampfanfälle, insbesondere bei inkorrekter Anwendung (Häufigkeit nicht bekannt)
  • Sehstörungen einschließlich Störungen des Farbensehens (Häufigkeit nicht bekannt)
  • Unwohlsein mit Hypotonie, mit oder ohne Bewusstlosigkeit (im Allgemeinen nach einer zu schnellen i.v. Injektion, in Ausnahmefällen auch nach oraler Gabe) (Häufigkeit nicht bekannt)
  • arterielle oder venöse Thrombosen, die an verschiedenen Körperstellen auftreten können (Häufigkeit nicht bekannt)
  • Akute kortikale Nierennekrose (Häufigkeit nicht bekannt)
  • Fixes Arzneiexanthem (Häufigkeit nicht bekannt)

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Tranexamsäure zu beachten:

Antikoagulanzien

Die gleichzeitige Anwendung mit Antikoagulanzien sollte nur unter enger ärztlicher Überwachung erfolgen, da sich gegensätzliche Effekte auf die Hämostase ergeben können. Auch andere Arzneimittel, die die Blutgerinnung beeinflussen, sollten nur mit Vorsicht kombiniert werden.

Hormonelle Kontrazeptiva

Bei gleichzeitiger Anwendung hormoneller Kontrazeptiva besteht ein erhöhtes Risiko für thromboembolische Ereignisse. Umgekehrt kann die Wirkung von Tranexamsäure durch thrombolytische Arzneimittel abgeschwächt werden, da diese den Fibrinabbau fördern.

Kontraindikationen

Die Anwendung von Tranexamsäure ist generell kontraindiziert bei:

  • Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff 
  • Akute Thrombosen oder thromboembolische Erkrankungen, wie z. B. tiefe Beinvenenthrombose, Lungenembolie und Hirnvenenthrombose
  • Zustand nach einer venösen oder arteriellen Thrombose in der Anamnese
  • Hyperfibrinolytische Zustände im Rahmen einer Verbrauchskoagulopathie
  • Schwere Niereninsuffizienz/Nierenfunktionsstörung (Kumulationsgefahr)
  • Krampfanfälle in der Anamnese
  • Störungen des Farbensinns
  • Massive Blutungen aus dem oberen Harntrakt (speziell bei Hämophilie)
  • Schwangerschaft, ausgenommen in der Spätschwangerschaft bei vitaler Indikation
  • Intrathekale Anwendung 
  • Epidurale Anwendung 

Schwangerschaft

Die Anwendung von Tranexamsäure ist in der Frühschwangerschaft kontraindiziert. Tranexamsäure passiert die Plazenta und erreicht im Nabelschnurblut vergleichbare Konzentrationen wie im mütterlichen Blut. In der Spätschwangerschaft darf Tranexamsäure nur bei vitaler Indikation angewendet werden.

Stillzeit

Tranexamsäure geht in die Muttermilch über, jedoch liegen nur begrenzte Daten zu möglichen Auswirkungen auf das gestillte Kind und die Milchproduktion vor. Daher kann das Risiko für das Kind nicht abschließend beurteilt werden. Bei der Entscheidung über eine Anwendung während der Stillzeit sollte der Nutzen der Behandlung für die Mutter und die Vorteile des Stillens gegen mögliche Risiken sorgfältig abgewogen werden.

Verkehrstüchtigkeit

Es wurden keine Auswirkungen von Tranexamsäure auf die Verkehrstüchtigkeit oder die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen beobachtet.

Anwendungshinweise

Bei der Anwendung von Tranexamsäure sind folgende Warnhinweise zu beachten:

Art der Anwendung und Medikationsfehler

  • Anwendung strikt gemäß Indikation und ausschließlich intravenös
  • Langsame i.v.-Gabe (max. 1 ml/Minute) erforderlich
  • Keine intramuskuläre, intrathekale, epidurale oder intrazerebrale Anwendung
  • Fehlanwendungen (z. B. intrathekal) können zu schweren, teils tödlichen Komplikationen führen (Krampfanfälle, Schmerzen, Arrhythmien)
  • Spritzen sollten eindeutig gekennzeichnet werden, um Verwechslungen zu vermeiden

Krampfanfälle

  • Krampfanfälle wurden insbesondere bei hohen intravenösen Dosen beobachtet
  • Risiko ist dosisabhängig; bei empfohlenen Dosierungen geringer

Sehstörungen

  • Mögliche Nebenwirkungen: verschwommenes Sehen, Farbsehstörungen
  • Bei Auftreten: Therapieabbruch erwägen
  • Bei Langzeittherapie: regelmäßige augenärztliche Kontrollen empfohlen

Hämaturie

  • Risiko einer Harnwegsobstruktion, insbesondere bei Blutungen aus oberen Harnwegen
  • Gefahr von Niereninsuffizienz, Hydronephrose oder Infektionen
  • Engmaschige Überwachung erforderlich

Thromboembolische Ereignisse

  • Vor Therapiebeginn sollten Risikofaktoren für Thrombosen geprüft werden
  • Anwendung nur mit Vorsicht bei Patienten mit entsprechender Vorgeschichte
  • Erhöhtes Risiko bei gleichzeitiger hormoneller Kontrazeption
  • Anwendung ggf. nur unter fachärztlicher Kontrolle

Disseminierte intravasale Koagulopathie (DIC)

  • Anwendung in der Regel nicht empfohlen
  • Nur in Ausnahmefällen bei dominierender Fibrinolyse und schweren Blutungen
  • Voraussetzung: spezialisierte Diagnostik und engmaschige Kontrolle

Spezielle Patientengruppen

  • Hereditäres Angioödem: Anwendung nur durch erfahrene Ärzte.
  • Patientinnen mit unklaren Menstruationsstörungen: vor Einsatz Abklärung der Ursache erforderlich.
  • Bei fehlender Wirksamkeit (z. B. bei Menorrhagie) sollte eine alternative Therapie erwogen werden.

Niereninsuffizienz

  • Aufgrund des Akkumulationsrisikos ist eine Dosisanpassung erforderlich.

Kinder und Jugendliche

  • Für die Anwendung bei Hypermenorrhoe unter 15 Jahren liegen keine ausreichenden klinischen Daten vor.

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
157.21 g·mol-1
Mittlere Halbwertszeit:
ca. 3.0 H
Q0-Wert:
0.03
Quelle:
  1. Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer
  2. Fachinformationen Tranexamsäure
  3. Fachinformationen Cyklokapron

 

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