Vitamine

Vitamine sind essenzielle Mikronährstoffe, die überwiegend mit der Nahrung aufgenommen werden müssen. Sie erfüllen zentrale Funktionen im Stoffwechsel, wirken als Coenzyme, Antioxidantien oder hormonähnliche Regulatoren und sind klinisch relevant bei Mangelzuständen und Arzneimittelinteraktionen.

Definition und Klassifikation

Vitamine sind essenzielle, organische Mikronährstoffe, die der menschliche Organismus nicht oder nur in unzureichendem Maße endogen synthetisieren kann und die daher exogen zugeführt werden müssen. Sie sind für katalytische oder regulatorische Funktionen im Intermediärstoffwechsel unerlässlich.

Chemisch gesehen handelt es sich oft um Sammelbegriffe für eine Gruppe verwandter Moleküle mit ähnlicher biologischer Aktivität, sogenannte Vitamere (z. B. die acht Vitamere von Vitamin E, einschließlich Tocopherolen und Tocotrienolen).

Die primäre Klassifikation erfolgt anhand ihrer Löslichkeit, die Auswirkungen auf Resorption, Metabolismus, Speicherung und Toxizitätspotenzial hat.

Fettlösliche (lipophile) Vitamine:

  • Vitamine A (Retinoide), D (Calciferole), E (Tocopherole) und K (Chinone).
  • Resorption: Erfolgt analog zu Fetten im Dünndarm; sie benötigen Gallensäuren zur Emulgierung und Bildung von Mizellen.
  • Transport: Werden in Chylomikronen verpackt und über das lymphatische System transportiert.
  • Speicherung: Signifikante Speicherkapazität (primär Leber, auch Fettgewebe), wodurch Mangelzustände sich langsam entwickeln, aber ein Hypervitaminose-Risiko (Toxizität) bei übermäßiger Zufuhr besteht.

Wasserlösliche (hydrophile) Vitamine:

  • Vitamin C (Ascorbinsäure) und der B-Komplex (Thiamin, Riboflavin, Niacin, Pantothensäure, Pyridoxin, Biotin, Folsäure, Vitamin B12/Cobalamin).
  • Resorption: Erfolgt meist über spezifische, oft natriumabhängige Transporter (z. B. SVCT1 für Vitamin C, THTR1 für Thiamin) im Dünndarm.
  • Transport: Freier Transport im Plasma.
  • Speicherung: Mit Ausnahme von Vitamin B12 (das hepatisch gespeichert wird) erfolgt praktisch keine Speicherung. Überschüsse werden renal eliminiert, was eine regelmäßige Zufuhr erfordert und das Toxizitätsrisiko minimiert.

Biochemische Hauptfunktionen

Vitamine agieren nicht isoliert, sondern als Teil komplexer metabolischer Netzwerke. Ihre Funktionen lassen sich in vier Hauptkategorien einteilen:

  1. Coenzym-Funktion: Die primäre Rolle des B-Komplexes. Sie sind Vorstufen für Coenzyme, die für Tausende von enzymatischen Reaktionen im Energie-, Aminosäure- und Nukleinsäurestoffwechsel kritisch sind (z. B. Thiaminpyrophosphat (TPP) im Kohlenhydratstoffwechsel; Pyridoxalphosphat (PLP) im Aminosäurestoffwechsel).
  2. Antioxidatives System: Vitamin E (lipophil) ist das wichtigste Antioxidans in Zellmembranen und schützt Lipide vor Peroxidation. Vitamin C (hydrophil) ist das primäre Antioxidans im Zytosol und Plasma und regeneriert Vitamin E.
  3. Hormonähnliche Regulation: Vitamin D agiert (nach zweifacher Hydroxylierung zu Calcitriol) als Steroidhormon zur Regulation der Calcium- und Phosphathomöostase. Vitamin A (Retinsäure) fungiert als Ligand für nukleäre Retinoid-Rezeptoren und reguliert die Genexpression bei Zelldifferenzierung und Wachstum.
  4. Spezifische Funktionen: Vitamin K ist ein essenzieller Cofaktor für die γ-Carboxylierung von Glutamatresten, was für die Aktivierung von Gerinnungsfaktoren (II, VII, IX, X) und Knochenproteinen (z. B. Osteocalcin) notwendig ist.

Übersicht

Die folgenden Tabellen fassen die Vitamine, ihre biochemisch relevanten Funktionen und die aktuellen D-A-CH-Referenzwerte für Erwachsene (sofern nicht anders angegeben) zusammen.

Fettlösliche Vitamine

Vitamin (Vitamere)Biochemische SchlüsselfunktionD-A-CH Referenzwert (Erw.)Klinisch relevanter Mangel (Beispiel)
Vitamin A (Retinol, Retinal)Bestandteil von Rhodopsin (Sehvorgang); Regulation der Genexpression (Zelldifferenzierung, Epithelschutz)0,7 mg (w) / 0,85 mg (m) Retinol-Äquivalent/Tag    Xerophthalmie, Nachtblindheit, erhöhte Infektanfälligkeit
Vitamin D (Cholecalciferol)Regulation der Calcium/Phosphat-Homöostase (über Calcitriol); Knochenmineralisierung; Immunmodulation20 µg/Tag (Schätzwert bei fehlender endogener Synthese)Rachitis (Kinder), Osteomalazie (Erwachsene)
Vitamin E (Tocopherole)Lipophiles Antioxidans; Schutz von Membranlipiden (z. B. Erythrozyten) vor Peroxidation11 mg (w) / 12-15 mg (m) Tocopherol-Äquivalent/TagSehr selten; hämolytische Anämie (Frühgeborene), neurologische Störungen (bei Malabsorption)
Vitamin K (Phyllo-, Menachinon)Cofaktor der γ-Glutamylcarboxylase (Aktivierung von Gerinnungsfaktoren II, VII, IX, X; Protein C/S; Osteocalcin)60-65 µg (w) / 70-80 µg (m) /TagHämorrhagische Diathese, erhöhte Blutungsneigung

Wasserlösliche Vitamine

Vitamin (Vitamere)Biochemische SchlüsselfunktionD-A-CH Referenzwert (Erw.)Klinisch relevanter Mangel (Beispiel)
B1 (Thiamin)Thiaminpyrophosphat (TPP): Decarboxylierungen (z. B. Pyruvat-Dehydrogenase) im Energiestoffwechsel1,0 mg (w) / 1,1-1,3 mg (m) /TagBeriberi (kardial/neurologisch); Wernicke-Enzephalopathie (v. a. bei Alkoholismus)
B2 (Riboflavin)Flavinadenindinukleotid (FAD), Flavinmononukleotid (FMN): Redoxreaktionen (Elektronentransportkette)1,0-1,1 mg (w) / 1,3-1,4 mg (m) /TagAriboflavinose (Mundwinkelrhagaden, Glossitis)
B3 (Niacin)Nicotinamidadenindinukleotid (NAD+), NADP+: Zentrale Coenzyme bei Redoxreaktionen (Glykolyse, Zitratzyklus)11-13 mg (w) / 14-16 mg (m) Niacin-Äquivalent/TagPellagra (Dermatitis, Diarrhoe, Demenz)
B6 (Pyridoxin)Pyridoxalphosphat (PLP): Coenzym im Aminosäurestoffwechsel (Transaminierung, Decarboxylierung)1,4 mg (w) / 1,6 mg (m) /TagSelten; periphere Neuropathie, mikrozytäre Anämie
B9 (Folat)Tetrahydrofolat (THF): C1-Stoffwechsel (Übertragung von Methylgruppen); DNA-Synthese (Purin/Pyrimidin)300 µg Folat-Äquivalent/Tag (Schwangere: 550 µg)Megaloblastäre Anämie; Neuralrohrdefekte (fetal)
B12 (Cobalamin)Methylcobalamin (Remethylierung von Homocystein), Adenosylcobalamin (Methylmalonyl-CoA-Mutase)4,0 µg/TagMegaloblastäre Anämie (Perniziosa); funikuläre Myelose (irreversible neurolog. Schäden)
Vitamin C (Ascorbinsäure)Cofaktor für Hydroxylasen (z. B. Kollagensynthese), Antioxidans, steigert Fe-Resorption95 mg (w) / 110 mg (m) /TagSkorbut (gestörte Wundheilung, Zahnfleischbluten, Petechien)

Diagnostik und klinische Bewertung

Die Diagnose eines Vitaminmangels muss klinische Befunde und laborchemische Parameter integrieren. Die alleinige Messung von Serumspiegeln kann irreführend sein, da sie oft nicht die zelluläre Verfügbarkeit oder die Funktion widerspiegeln.

  • Vitamin D: Der Goldstandard ist die Messung von 25-Hydroxyvitamin-D [25(OH)D] im Serum. Das Robert Koch-Institut (RKI) stuft die Versorgung anhand der Kriterien des US Institute of Medicine (IOM) wie folgt ein:
    • Mangelhaft: < 30 nmol/l (< 12 ng/ml)
    • Suboptimal: 30 bis < 50 nmol/l (12 bis < 20 ng/ml)
    • Ausreichend: 50 bis < 75 nmol/l (20 bis < 30 ng/ml)
  • Vitamin B12: Der Gesamt-B12-Serumspiegel ist oft nicht sensitiv genug. Frühmarker eines Mangels sind Holo-Transcobalamin (HoloTC) (das biologisch aktive B12) und erhöhte Metaboliten wie Methylmalonsäure (MMA) und Homocystein (Funktionsmarker).
  • Folat: Die Messung des Erythrozyten-Folats ist dem Serum-Folat überlegen, da es die Langzeitversorgung widerspiegelt.

Klinische Relevanz und Arzneimittelinteraktionen

Ein Vitaminmangel betrifft selten isolierte Nährstoffe und ist oft mit Risikogruppen (z. B. Malabsorption, chronischer Alkoholismus, vegane Ernährung (B12), Schwangere (Folat)) assoziiert.

Für die klinische Praxis ist die Erkennung von Arzneimittel-induzierten Vitaminmängeln von hoher Relevanz:

  • Protonenpumpenhemmer (PPIs) / Metformin: Langzeiteinnahme ist mit einem erhöhten Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel assoziiert (verminderte Freisetzung/Resorption).
  • Antiepileptika (z. B. Phenytoin, Carbamazepin): Können den Metabolismus von Vitamin D, Vitamin K und Folat beschleunigen und zu Mangelzuständen führen.
  • Methotrexat (MTX): Als Folsäure-Antagonist hemmt es die Dihydrofolat-Reduktase, was eine Folsäure-Substitution (Folin- oder Folsäure) im Rahmen der Therapie erfordert.
  • Isoniazid (INH): Wirkt als Pyridoxin-Antagonist und kann bei Tuberkulose-Therapie eine periphere Neuropathie (Vitamin-B6-Mangel) auslösen.
Autor:
Stand:
05.11.2025
Quelle:
  1. Biesalski, H. K. & Grimm, P. (2024). Vitamine, Spurenelemente und Minerale (3. Auflage). Thieme Verlag. 
  2. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) e.V. (Hrsg.). (2024). D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (2. Auflage, 9. Umschau). Umschau-Verlag. 
  3. Robert Koch-Institut (RKI). (2019). Antworten des Robert Koch-Instituts auf häufig gestellte Fragen zu Vitamin D. Abgerufen am 4. November 2025. 
  4. J Lykstad (2023). Biochemistry, Water-Soluble Vitamins. In: StatPearls [Internet]. StatPearls Publishing. 
  5. Reddy, P. & Jialal, I. (2024). Biochemistry, Fat-Soluble Vitamins. In: StatPearls [Internet]. StatPearls Publishing.
  6. MSD Manual (Professional Version). (2023). Vitamin Deficiency, Dependency, and Toxicity.
  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden
38 Präparate mit Vitamine