Die Zahl der Antibiotikaverordnungen ist in Deutschland im Jahr 2023 gestiegen. Der Trend zeigte sich auch in anderen europäischen Ländern. Eine detaillierte Analyse weist darauf hin, dass die Ursache nicht in einer unkritischen Verschreibungspraxis liegt. Vielmehr ist eine erhöhte Krankheitslast, in erster Linie durch Atemwegsinfektionen, der Hauptgrund für die vermehrte Verordnung dieser Medikamente. Die aktuelle Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) belegt, dass niedergelassene Ärzte weiterhin umsichtig und indikationsgerecht verordnen. Das Institut hat dafür die vertragsärztlichen Arzneiverordnungsdaten für die Jahre 2019 bis 2023 ausgewertet.
Erhöhte Krankheitslast als Ursache
Zu Beginn des Jahres 2023 lagen die Verordnungszahlen noch unter denen von 2019, doch ab März stiegen die Neuerkrankungen an Atemwegsinfektionen an. In Spitzenzeiten betrug der Anstieg bei grippeähnlichen Erkrankungen (Fieber mit Husten oder Halsschmerzen) bis zu 86 % im Vergleich zu 2019. Der Antibiotikaverbrauch folgte diesem Trend, blieb jedoch proportional hinter dem Infektionsanstieg zurück. Die verstärkte Nutzung von Tests auf C-reaktives Protein (+7 %) und Streptokokken (+18 %) deutet darauf hin, dass Verordnungen gezielt und nicht leichtfertig vorgenommen wurden.
Entwicklung im europäischen Kontext
In vielen EU-Ländern zeigte sich 2023 eine ähnliche Entwicklung. Laut Daten des European Surveillance of Antimicrobial Consumption Network (ESAC-Net) meldeten 60 % der untersuchten Länder einen Anstieg der Antibiotikaverordnungen. Selbst in Staaten mit traditionell niedrigem Antibiotikaverbrauch, wie den Niederlanden, wurden höhere Verordnungszahlen registriert.
Differenzierter Blick auf die Verschreibungspraxis
Die Analyse zeigt zudem, dass der Anstieg auf Antibiotika zur Behandlung von Atemwegsinfektionen beschränkt ist. Antibiotika, die vor allem bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen eingesetzt werden, wurden zum Beispiel nicht häufiger verordnet. Dazu sagt der Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. Dominik von Stillfried: „Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte verordnen also nicht generell mehr Antibiotika als vor der Corona-Pandemie. Alle Anhaltspunkte sprechen dafür, dass Verordnungen weiterhin vorwiegend in jenen Fällen erfolgen, in denen es medizinisch indiziert ist.“
Kampf gegen Resistenzen
Antibiotikaresistenzen bleiben eine große Herausforderung für die Medizin. Deshalb wird in Deutschland seit Jahren an einer rationalen Verordnungspraxis gearbeitet. Programme wie ElektRA (Elektive Förderung Rationaler Antibiotikatherapie) unterstützen niedergelassene Ärzte dabei, Antibiotika gezielt und nur bei klarer Indikation einzusetzen. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass dieser Ansatz auch in Zeiten hoher Krankheitslast beibehalten wird.










