Die Digitalisierung im Gesundheitswesen schreitet in vielerlei Hinsicht voran, doch die Praxis zeigt, dass der Alltag in vielen Hausarztpraxen noch weit hinter den Erwartungen zurückbleibt. Das zentrale Instrument, das Arzt-Informations-System (AIS) bzw. Praxisverwaltungssystem (PVS), entspricht oft nicht den Anforderungen an eine moderne und funktionale medizinische Infrastruktur. Die Delegiertenversammlung des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes hat nun in einer umfassenden Beschlussschrift ihrer Frühjahrstagung 2024 unter anderem gefordert, dass der Gesetzgeber eingreift und die Regelungen und Zertifizierungsprozesse für diese Systeme deutlich verschärft.
Zertifizierungsprozesse gesetzlich verschärfen
Die Zertifizierung von AIS basiert derzeit im Wesentlichen auf Selbsterklärungen der Hersteller und oberflächlichen Sichtprüfungen durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Gesellschaft für Telematikinfrastruktur im Gesundheitswesen (gematik). Diese Methoden der Zertifizierung sind nach Ansicht der betroffenen Ärzte unzureichend, um eine hohe Anwendbarkeit und Leistungsfähigkeit im Praxisalltag sicherzustellen.
Die Delegiertenversammlung schlägt vor, dass die gesetzlichen Prüfaufträge für die Funktionen des AIS erweitert und konkretisiert werden müssen. KBV und gematik benötigten klare und umfassende gesetzliche Prüfaufträge hinsichtlich der im AIS umzusetzenden Funktionen und einer angemessenen „Usability“ und „Performance“ im Praxisalltag. Diese Prüfaufträge müssten mit der Verpflichtung der KBV und der gematik verbunden sein, diese auch entsprechend umzusetzen. Sichtkontrollen und Selbsterklärungen der Anbieter reichen hierfür laut der Ärzte nicht aus.
Sanktionen bewirken Handlungsdruck
Um die Einhaltung dieser strengeren Vorschriften zu gewährleisten, sehen die Forderungen auch die Einführung direkter Sanktionen gegen AIS-Anbieter vor, die die Anforderungen nicht erfüllen. Diese Sanktionen könnten Geldstrafen oder ähnliche Maßnahmen umfassen, die einen echten Handlungsdruck für die Anbieter darstellen, die erforderlichen Standards zu erfüllen. Derzeit ist die einzige Sanktion der Entzug der Zulassung zur vertragsärztlichen Abrechnung, was letztlich die Ärzte trifft, die dann ohne zugelassenes AIS dastehen.
Bessere digitale Integration nötig
Ein weiterer wichtiger Punkt der geforderten Reformen ist die Notwendigkeit, dass AIS offen und kompatibel mit anderen digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen sein müssen. Die derzeitige Situation, in der AIS oft isoliert von anderen Systemen arbeiten, erschwert den Datenfluss und die Interoperabilität. Die Hausärzte fordern daher verbindliche Schnittstellen, die eine nahtlose Integration verschiedener Systeme ermöglichen und so die Effizienz und Effektivität der Patientenversorgung in allen Bereichen steigern.
Die Realität in den Praxen berücksichtigen
Hausärzte erleben täglich die Diskrepanz zwischen den Versprechungen der Digitalisierung und der Realität in ihren Praxen. Die vorhandenen AIS sind oft umständlich zu bedienen und bieten nicht die benötigten Funktionen bzw. sind diese so in Unterfunktionen versteckt, dass sie kaum nutzbar sind. Die Delegiertenversammlung fordert, dass die Komponenten der Telematikinfrastruktur stabil und sicher funktionieren und dass die gesetzlichen Fristen für eventuelle Anpassungen der AIS realistisch gesetzt werden.
Die Hausarztpraxen dürfen nicht allein gelassen werden
Die Forderungen des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes verdeutlichen die dringende Notwendigkeit, die Digitalisierung in den Arztpraxen durch eine bessere Regulierung und strengere Zertifizierungsverfahren für AIS voranzutreiben. Dies würde nicht nur die Arbeitsbedingungen der Hausärzte verbessern, sondern auch die Patientenversorgung effizienter und effektiver gestalten.
Die kommenden gesetzgeberischen Maßnahmen werden zeigen, inwieweit diese Forderungen umgesetzt werden und ob sie zu einer spürbaren Verbesserung führen. Die Delegiertenversammlung hat jedenfalls mit diesen und weiteren Forderungen ihrer Frühjahrstagung auf einige Missstände im Praxisalltag hingewiesen, nun ist es an der Politik zu reagieren.










