Appetitzentren reagieren bei Adipositas besonders auf zuckerfreie Süßstoffe

Sucralose, ein weit verbreiteter kalorienfreier Süßstoff, aktiviert zentrale Appetitzentren im Gehirn stärker als Zucker. Besonders bei übergewichtigen und adipösen Personen führt dies zu erhöhtem Hungergefühl.

Süßstoff

Nicht-nutritive Süßstoffe wie Sucralose sind aus der Ernährung vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Rund 40 % der US-amerikanischen Bevölkerung nutzen regelmäßig kalorienfreie Alternativen, um den Zuckerkonsum zu reduzieren oder das Körpergewicht zu kontrollieren. Der gesundheitliche Nutzen bleibt jedoch fraglich: Die Adipositasprävalenz nimmt weiter zu, obwohl der Verbrauch künstlicher Süßstoffe steigt.

Diese Diskrepanz hat das Interesse der Forschung auf mögliche neurobiologische Wirkmechanismen gelenkt. Insbesondere der Einfluss auf zentrale Schaltstellen des Hunger- und Sättigungsempfindens steht im Fokus. Bislang fehlten jedoch kontrollierte Humanstudien, die direkte Rückschlüsse auf Hirnaktivität und Appetitregulation zulassen.

Studie untersucht Sucralosewirkung auf Hirn und Hormonhaushalt bei unterschiedlichem Körpergewicht

Eine randomisierte Crossover-Studie, veröffentlicht in 'Nature Metabolism', untersuchte die neuronalen und hormonellen Effekte des Süßstoffs Sucralose auf die Appetitregulation. Eingeschlossen waren 75 Erwachsene unterschiedlichen Körpergewichts (Normalgewicht, Übergewicht, Adipositas).

An drei separaten Terminen konsumierten die Teilnehmenden jeweils 300 ml eines mit Sucralose gesüßten Getränks, eines zuckerhaltigen Getränks oder Wasser. Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT), Blutanalysen und Hungerskalen wurden zentrale und periphere Reaktionen erfasst.

Sucralose aktiviert den Hypothalamus stärker als Zucker

Die fMRT-Daten zeigten eine signifikante Steigerung des Blutflusses im Hypothalamus nach dem Konsum von Sucralose im Vergleich zu Zucker (P < 0,018) und auch zu Wasser (P < 0,019). Diese Reaktion war bei adipösen Personen besonders ausgeprägt.

Zucker hingegen führte zu einem Anstieg der Glukose- und GLP-1-Spiegel sowie zu einer reduzierten hypothalamischen Durchblutung (P < 0,007), was auf eine physiologische Sättigungsreaktion hinweist. Sucralose blieb ohne entsprechenden hormonellen Effekt – die Spiegel von Glukose, Insulin und GLP-1 zeigten keine Veränderung.

Veränderte Konnektivität im Belohnungssystem

Neben der erhöhten Hypothalamusaktivität veränderte Sucralose auch die funktionelle Vernetzung mit anderen Hirnarealen. Besonders auffällig war die gesteigerte Konnektivität mit dem anterioren cingulären Cortex (ACC), der an Entscheidungsfindung, Motivation und Belohnungsverarbeitung beteiligt ist. Dieser Effekt zeigte sich verstärkt bei adipösen Studienteilnehmern.

Diese Veränderungen könnten neurofunktionelle Grundlagen für Veränderungen im Essverhalten darstellen – dies bleibt jedoch Gegenstand zukünftiger Studien.

Hungergefühl abhängig vom Vergleichsgetränk

Auch das subjektive Hungergefühl veränderte sich. Nach Konsum von Sucralose bewerteten die Probanden ihren Hunger signifikant stärker als nach dem Zuckervergleich (P < 0,001). Im Vergleich zu Wasser blieb dieser Effekt aus.

Die Ergebnisse deuten auf eine sensorisch-metabolische Fehlanpassung hin: Der süße Geschmack signalisiert dem Körper eine bevorstehende Kalorienzufuhr – bleibt diese aus, könnte dies das Hungergefühl verstärken.

Unterschiede je nach Körpergewicht und Geschlecht

Die Studienergebnisse zeigen deutliche Unterschiede je nach Körpergewicht. Adipöse Probanden reagierten sensibler auf Sucralose als normalgewichtige. Zusätzlich traten bei weiblichen Teilnehmern stärkere Veränderungen in der Hypothalamusaktivität auf als bei männlichen.

Die Ursachen dieser geschlechtsspezifischen Unterschiede sind noch unklar und werden in Folgeuntersuchungen weiter erforscht.

Fazit: Süßstoffe wirken auf das Gehirn – nicht nur auf den Geschmackssinn

Die Ergebnisse zeigen, dass Sucralose zentrale Mechanismen der Appetitregulation beeinflusst – und zwar auf eine Weise, die sich klar von Zucker unterscheidet. Der süße Geschmack allein genügt, um den Hypothalamus zu aktivieren, ohne die erwarteten hormonellen Sättigungssignale auszulösen.

Die Daten legen nahe, dass kalorienfreie Süßstoffe wie Sucralose nicht als metabolisch neutral angesehen werden können – insbesondere nicht bei adipösen Patienten. Ob und in welchem Ausmaß eine wiederholte Exposition zu dauerhaften Veränderungen im Essverhalten führt, bleibt offen und erfordert längsschnittliche Untersuchungen.

Autor:
Stand:
05.06.2025
Quelle:

Chakravartti, S. P. et al. (2025): Calorie-free sweeteners can disrupt the brain’s appetite signals. Nature Metabolism, DOI: 10.1038/s42255-025-01227-8.

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