Das Coronavirus hat sich zwar global zurückgezogen, die Auswirkungen hingegen sind noch immer präsent. Long-Covid betrifft nach Schätzungen zwischen 5% und 10% der Menschen, die eine Corona-Infektion durchlitten. Die anhaltenden Symptome wie Müdigkeit, Erschöpfung und Konzentrationsschwierigkeiten können erhebliche Einschränkungen im Alltag bedeuten. Besonders betroffen sind junge Erwachsene, wobei Frauen leicht häufiger betroffen sind als Männer. Eine Standardtherapie ist derzeit noch nicht verfügbar. Obwohl Vitamine oft als unterstützende Maßnahme beworben werden, rät die Behandlungsleitlinie zu Long-Covid von einer Selbstmedikation mit Nahrungsergänzungsmitteln aufgrund fehlender Evidenz ab.
Verdeckte Untersuchung in Apotheken und Reformhäusern
Eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (NRW) zeigte nun, dass Apotheken und Reformhäuser dennoch weiterhin Nahrungsergänzungsmittel empfehlen, obwohl es keinen wissenschaftlichen Beleg für ihre Wirksamkeit bei Long-Covid gibt. In der verdeckten Untersuchung suchten vier Personen insgesamt 20 verschiedene Apotheken und vier Reformhäuser in Köln, Düsseldorf, Essen und Bonn auf, um nach Vitaminen oder ähnlichen Präparaten zu fragen, die bei Long-Covid helfen könnten.
Die Rolle von Nahrungsergänzungsmitteln in der Behandlung von Long-Covid
Nahrungsergänzungsmittel dienen nach Definition nicht zur Behandlung von Krankheiten, sondern sind für gesunde Menschen gedacht. Angela Clausen, Referentin für Lebensmittel im Gesundheitsmarkt bei der Verbraucherzentrale NRW, kritisierte, dass diese Tatsache in den befragten Apotheken und Reformhäusern kaum vermittelt wurde. Stattdessen wurde in einigen Fällen (13 Apotheken, alle Reformhäuser) sogar explizit ein Nahrungsergänzungsmitteln für Long-Covid empfohlen. Die Frage nach einer eventuellen Einnahme von Medikamenten, um beispielsweise Interaktionen auszuschließen, wurde in keiner Apotheke gestellt.
Fehlende kritische Analyse
Ein weiteres beunruhigendes Ergebnis der Untersuchung war, dass die Selbstdiagnose "Long-Covid" von den Fachleuten nie in Frage gestellt wurde. Die Testpersonen gaben an, vermutlich an Long-Covid zu leiden, nachdem sie im November 2022 an Corona erkrankt waren. In keiner der Apotheken wurde nach einer ärztlichen Diagnose oder einer bereits stattgefundenen Konsultation eines Arztes gefragt. Nur in 50% der Fälle wurde ein Arztbesuch empfohlen.
Darauf, dass Nahrungsergänzungsmittel nur bei einem nachgewiesenen Mangel eingenommen werden sollten und eine zu hohe Konzentration schaden kann, wurde nur in jeweils einer Apotheke hingewiesen. Vier der befragten Apotheken erklärten den Testkunden, dass Nahrungsergänzungsmittel nicht zur Behandlung von Krankheiten gedacht sind.
Verbesserung der Beratungskompetenz erforderlich
Die Aussagen zu Nahrungsergänzungsmitteln, insbesondere in den Reformhäusern, waren teilweise inkonsistent mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Tatsächlich gibt es bisher keine Belege für einen Nutzen durch die eigenmächtige Einnahme von Vitamin D, C oder Spurenelementen bei Long-Covid.
Apothekenpersonal muss in der Lage sein, fundierte, evidenzbasierte Beratung zu bieten, insbesondere bei selbst diagnostizierten Zuständen wie Long-Covid. „Im Leitfaden der Bundesvereinigung Deutscher Apothekenverbände für Beratungsgespräche heißt es eindeutig, dass bei Selbstmedikation konkret die Eigendiagnose hinterfragt und geklärt werden muss, ob Medikamente eingenommen werden.“, erklärt Clausen.
Die aktuelle Untersuchung der Verbraucherzentrale NRW, obwohl nicht repräsentativ, wirft ernsthafte Fragen über die Qualität der Beratung in Apotheken und Reformhäusern zu dieser Thematik auf und unterstreicht die Notwendigkeit, die Beratungsstandards zu verbessern.










