Patienten in Deutschland können sich noch auf die Versorgung mit Blutplasmaprodukten verlassen. Doch die Versorgungssicherheit gerät zunehmend ins Wanken. Eine Allianz aus Industrie- und Patientenverbänden warnt deshalb erneut vor einem hohen Engpassrisiko. Die unterzeichnenden Organisationen, darunter der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI), die Plasma Protein Therapeutics Association Deutschland (PPTA), der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) sowie mehrere Patientenorganisationen, fordern ein umfassendes politisches Maßnahmenpaket. Das soll die Versorgung langfristig sichern.
Versorgungsengpass bei Immunglobulinen
Der Bericht des Paul -Ehrlich-Instituts (PEI) für das Jahr 2024 veranschaulicht den Trend: Während der Verbrauch von Immunglobulinen innerhalb von zehn Jahren um 120 % stieg, nahm das Spendenaufkommen lediglich um 4 % zu. Die wachsende Lücke zwischen Bedarf und Verfügbarkeit bedroht die Behandlung schwerer und oft seltener Erkrankungen, etwa bestimmten Immundefekten, Alpha-1-Antitrypsin-Mangel oder Hämophilie.
Blutplasma ist unersetzbar
Blutplasma ist als biologischer Ausgangsstoff nicht künstlich ersetzbar und die Produkte sind bei einigen seltenen Erkrankungen alternativlos. Die Herstellung ist jedoch aufwendig, teuer und erfordert rund 7 bis 12 Monate vom Spendezeitpunkt bis zum fertigen Arzneimittel. Nur wenige, hochspezialisierte Hersteller weltweit verfügen über das notwendige Know-how. Engpässe beim Ausgangsstoff Blutplasma führen daher wie bei kaum einem anderen Medikament zu verzögerten und lang anhaltenden Lieferengpässen.
Engpässe gefährden Patienten
Auch europaweit ist die Lage angespannt. Viele Länder sind auf Importe, insbesondere aus den USA, angewiesen. Geopolitische Entwicklungen und fragile Lieferketten erhöhen das Risiko für Versorgungsausfälle. Die weltweite Blutplasmaknappheit hat bereits in Deutschland zu Engpässen mit gefährlichen Auswirkungen auf Betroffene geführt. Die Patienten sind auf eine kontinuierliche Therapie angewiesen.
Produktion von Plasmaprodukten stabilisieren
Deutschland verfügt mit seiner bestehenden Infrastruktur über ein erhebliches Potenzial, eine Vorreiterrolle im Bereich der Plasmaproduktion einzunehmen. Ein stabiles, europaweit abgestimmtes Blutplasma-Ökosystem – von der Spende über die Produktion bis zur Versorgung – könnte nicht nur die Patientensicherheit erhöhen, sondern auch wirtschaftlich attraktive Perspektiven eröffnen.
Versorgungsengpässen vorbeugen
Trotz des politischen Bekenntnisses, Gesundheitswirtschaft und Forschung zu stärken, fehlen bislang konkrete, wirksame Maßnahmen. Die Allianz fordert daher ein umfassendes Maßnahmenbündel, das wirtschaftliche, regulatorische und bewusstseinsbildende Aspekte adressiert.
Kritisch ist zum Beispiel das derzeitige Meldesystem gemäß § 21 Transfusionsgesetz (§ 21 TFG), das Engpässe nur mit zeitlicher Verzögerung erfasst und so präventives Handeln erschwert. Die Verbände fordern deshalb eine Modernisierung des Systems, um drohende Versorgungsengpässe frühzeitig zu erkennen. Zu den geforderten Maßnahmen gehören auch breit angelegte Motivationskampagnen, um neue Spender zu gewinnen.
Das sind die Forderungen im Überblick:
- Aufhebung der Stichtagsregelung zur Befreiung sämtlicher Immunglobulinpräparate vom Preismoratorium
- Reduzierung des Herstellerabschlags, um der besonderen Kostenstruktur gerecht zu werden
- Verbot der „aut-idem“-Substitution bei Blutplasmaprodukten
- Abschaffung der Parallelimportförderung zugunsten stabiler Lieferketten und lokaler Produktion
- Modernisierung des Meldesystems, um Engpässe frühzeitig zu erkennen
- Nationale Informations- und Motivationskampagnen zur Spendergewinnung
- EU-weite Förderung der Plasmaspende und Orientierung am erfolgreichen deutschen Modell
- Umsetzung der EU-SoHO-Verordnung zur Sicherstellung der Sicherheit und Qualität mit Augenmaß und ohne überbordende Bürokratie









