Der interdisziplinäre Studienkreis wählte die Blutwurz aufgrund ihrer vielfältigen Nutzung seit dem Altertum sowie ihres Forschungspotenzials zur Arzneipflanze des Jahres 2024.
Botanik
Die Blutwurz (Potentilla erecta) ist auch als Tomentill bekannt und gehört zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Die ausdauernde, krautige Pflanze hat eine Wuchshöhe von 10 bis 30 Zentimetern und kommt auf Wiesen, Heiden und in Wäldern mit mäßig saurem Boden vor. Die Grundblätter sind dreizählig, erscheinen durch zwei Nebenblätter jedoch fünfzählig. Die gelben Blüten bestehen aus vier Kronblättern, was die Blutwurz von anderen Potentilla-Vertretern unterscheidet, die in der Regel fünf Kronblätter besitzen.
Gerbstoffe bestimmen Wirkung
Charakteristisch ist der kräftige, knollige Wurzelstock (Rhizom), dessen schneller Rotfärbung an Bruch- und Schnittstellen die Blutwurz ihren Namen verdankt. Die Rotfärbung entsteht durch Oxidation der Gerbstoffe, den wirksamkeitsbestimmenden Bestandteilen der Arzneipflanze. Die Blutwurz enthält neben 15% bis 22% Gerbstoffen außerdem Flavonoide, Phenolcarbonsäuren und Triterpensäuren.
Geschichte & Verwendung
Bereits seit dem Altertum wird die Blutwurz medizinisch genutzt. Hildegard von Bingen empfahl die Arzneipflanze Mitte des 12. Jahrhunderts zur Linderung von Fieber. Mit der Zeit setzten sich die innerliche Anwendung bei Durchfallerkrankungen sowie die äußerliche Verwendung bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum durch. Die enthaltenen Gerbstoffe bilden durch die Fällung und Stabilisierung von Eiweißen bei gereizter, entzündeter und nässender Schleimhaut bzw. Haut eine Schutzschicht.
Traditioneller Nutzen als Arzneipflanze
Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (The Committee on Herbal Medicinal Products, HMPC) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) bescheinigt der Blutwurz entsprechend einen traditionellen Nutzen (Traditional use) bei den folgenden Indikationen.
- Innerlich bei unspezifischen, akuten Durchfallerkrankungen
- Innerlich unterstützend bei akuter und chronischer Darmentzündung
- Äußerlich bei leichten Entzündungen im Mund- und Rachenraum
Studienkreis erhofft sich weitere Forschung
Der interdisziplinäre Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde besteht aus Medizinern, Pharmazeuten, Biologen und Historikern verschiedener Einrichtungen und kürt die Arzneipflanze des Jahres seit 1999. Ziel ist es, an die Geschichte europäischer Arzneipflanzen zu erinnern und auf deren pharmazeutisches und medizinisches Potenzial hinzuweisen. „Leider sind die Jahrhunderte alten Erfahrungen in Gefahr, verloren zu gehen, da seit Jahrzehnten keinerlei neue klinische Studien (…) durchgeführt werden“, heißt es in der Pressemeldung des Studienkreises.
Derzeit sind Gerbstoffe wegen ihrer antimikrobiellen und antiviralen Eigenschaften im Fokus der Grundlagen-Forschung. Es gibt Hinweise darauf, dass u.a. Bakterien der Gattung Campylobacter, die die Verdauung beeinträchtigen können, empfindlich gegenüber Gerbstoffen sind. „Angesichts der Häufigkeit von chronischen Verdauungsstörungen (…) sollte dies eigentlich Anlass genug sein, entsprechende Entwicklungen zu fördern“, so der Studienkreis. Die allgemeine Verfügbarkeit und stark eingeschränkte Möglichkeiten zur Patentierung stellen für die Forschung in der Phytotherapie jedoch Hindernisse dar.










