Ob Milchpumpen für stillende Mütter, Inhalatoren für Asthmatiker oder Insulin-Pens für Patienten mit Diabetes: Ab dem 1. Juli 2025 drohen Versicherten der IKK Classic in vielen Apotheken Versorgungslücken bei wichtigen Hilfsmitteln. Der Grund: Ein neuer Versorgungsvertrag zwischen der Krankenkasse und dem Deutschen Apothekerverband (DAV) kam nicht zustande. Das Angebot der Kasse war aus Sicht der Apothekerschaft wirtschaftlich untragbar.
Pen-Nadeln, Augenpflaster, Milchpumpen und weitere Hilfsmittel
„Entweder wir Apotheken müssen draufzahlen oder die Patienten die Mehrkosten tragen. Das aber können sich viele, die Hilfe dringend brauchen, nicht leisten“, sagt Karima Ballout, Vorsitzende der AVWL-Bezirksgruppe Bottrop. Betroffen wären unter anderem auch wiederbefüllbare Insulinpens, Augenpflaster für Kinder, Milchpumpen und damit besonders vulnerable Gruppen wie stillende Mütter, chronisch Kranke oder Kinder.
Ballout weist darauf hin, dass Apotheken vor Ort auch da sind, wenn es nachts zu akuter Atemnot kommt oder Stillprobleme am Wochenende auftreten. Diese Versorgungsleistung wird jedoch künftig für viele IKK-Versicherte nicht mehr gelten.
Dumpingpreise statt Dialog
Der DAV konnte im Vorfeld mit der IKK Classic keine Einigung erzielen, weil diese ein Preisniveau vorgab, das aus Sicht der Apothekerschaft eine wirtschaftliche Versorgung unmöglich mache. Verhandlungen über faire Konditionen habe die Kasse abgelehnt.
Für AVWL-Vorstandschef Thomas Rochell ist das ein Symptom eines größeren Problems: „Eigentlich ist es der Sinn der Selbstverwaltung, dass Krankenkassen und Leistungserbringer – wie z.B. Apotheken – einen fairen Interessensausgleich aushandeln. Die Kassen aber verhandeln nicht mehr mit uns, sondern diktieren die Konditionen. Und dieses Vorgehen führt dazu, dass die Patienten schlechter versorgt werden.“
Bereits 2022 habe sich mit der AOK NordWest ein ähnliches Szenario abgespielt, als für die Inkontinenzversorgung nur noch 11,86 Euro pro Monat erstattet werden sollten. „Wer einmal Windeln für einen Säugling gekauft hat, weiß, dass dies kompletter Irrsinn ist“, sagt Ballout.
Gesundheitspolitisch kontraproduktiv
Zu beachten sind die langfristigen Folgekosten. Wenn ein Asthmatiker am Wochenende keine Hilfsmittel bekommt und in die Klinik muss, spart niemand, sondern es entstehen im Gegenteil höhere Kosten. Auch bei stillenden Müttern kann eine fehlende Milchpumpe schnell zu gesundheitlichen Komplikationen führen. Die kurzfristige Sparpolitik der Kassen gefährde damit nach Ansicht der Apothekerschaft nicht nur die wohnortnahe Versorgung, sondern belaste auch das Gesundheitssystem an anderer Stelle stärker.
Appell an Politik und Versicherte
Die Apothekerschaft sieht nun die Politik am Zug und appelliert an die Versicherten. „Zugleich bitten wir die Patienten, uns zu unterstützen und ihre Krankenkasse aufzufordern, wieder faire Bedingungen zu schaffen. Wir hoffen sehr, dass die Krankenkasse einlenkt und die Politik der Selbstverwaltung neue Leitplanken setzt“, sagt Ballout. Apotheken könnten das Angebot der IKK Classic nicht annehmen, ohne ihre wirtschaftliche Existenz und damit auch die Versorgung vieler Menschen zu gefährden.
Auch der Thüringer Apothekerverband schlägt in diese Kerbe. Dessen Vorsitzender Stefan Fink kritisierte in der Ostthüringer Zeitung, dass seit Jahren mit Preisen von 2019 kalkuliert werde und dass die Kasse inzwischen gar kein Angebot mehr unterbreitet hat. Das Thema sorgt inzwischen sogar bundesweit für Aufmerksamkeit. Neben Fachmedien berichten auch große Sender und Tageszeitungen über die drohende Versorgungslücke.










