Unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) durch Medikationsfehler machen etwa 6,5% der Vorstellungen in Notaufnahmen von Krankenhäusern aus. Neben der Sicherheit der Patienten spielen auch die verursachten Ausgaben eine Rolle. Jährlich werden laut dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) Behandlungskosten in Höhe von 800 Millionen bis 1,2 Milliarden Euro durch Medikationsfehler verursacht. Diese sind durch adäquates Medikationsmanagement grundsätzlich vermeidbar. Auf dem 46. ADKA Jahreskongress stellten zwei Stationsapotheker ihre Arbeit vor und machten den Nutzen des Medikationsmanagements durch Apotheker in der Klinik deutlich.
Medikationsanalyse vs. Medikationsmanagement
Laut §1a der Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) ist das Medikationsmanagement eine pharmazeutische Tätigkeit, bei der „die gesamte Medikation des Patienten, einschließlich der Selbstmedikation wiederholt analysiert wird, mit dem Ziel die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) und die Therapietreue zu verbessern, indem arzneimittelbezogene Probleme (ABP) erkannt und gelöst werden.“ Die Medikationsanalyse ist laut Glossar der ABDA zu AMTS, Medikationsanalyse, -Plan und -Management eine strukturierte Analyse der aktuellen Gesamtmedikation eines Patienten. Der Begriff des Medikationsmanagement wird hier weiter differenziert. Demnach baut dieses auf einer Medikationsanalyse auf und schließt eine kontinuierliche Betreuung durch ein interdisziplinäres Team mit ein.
Medikationsmanagement im Krankenhaus
Ziel des Medikationsmanagements im Krankenhaus sei es, für jeden Patienten eine optimale Arzneimitteltherapie zu gewährleisten, so Andreas Fischer, leitender Apotheker für die klinisch-pharmazeutische Stationsarbeit am Universitätsklinikum Dresden. Dafür müsse aber nicht jeder Patient jeden Tag persönlich betreut werden. Der Fokus liege eher auf Patientenkollektiven und der Verbesserung von Prozessen, um die Anzahl an Interventionen zu verringern.
Aufgaben des Stationsapothekers
Der Klinikapotheker kann im Zuge des Medikationsmanagements im Krankenhaus die folgenden Aufgaben übernehmen.
- Pharmazeutische Anamnese
- Therapiebegleitung und -Überwachung
- Teilnahme an Visiten
- Entlassmanagement inklusive Arzneimittelversorgung, Medikationsplan, Entlassgespräch
- Meldungen zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen und Medikationsfehlern
- Schulung den Klinikpersonals, Mitwirken bei hausinternen Leitlinien, Therapiestandards
- Beteiligung an Digitalisierungsprojekten: elektronischer Verordnungsprozess, inklusive elektronischer Patientenakte und Medikationsplan
- Kostenauswertung
Spezialisierung sinnvoll
Krankenhausapotheker seien im Sinne des Medikationsmanagements Spezialisten für Arzneimittelfragen im klinischen Kontext, so Fischer. Diese Aufgabe verlange Expertise und Spezialisierung. Neben dem Fachapotheker für klinische Pharmazie ist im Anschluss seit 2018 die Bereichsweiterbildung „Medikationsmanagement im Krankenhaus“ möglich. Fischer betont, dass auch eine Spezialisierung wie beispielsweise in den Bereichen Infektiologie, Onkologie oder Geriatrie sinnvoll sei, um mit Ober- bzw. Fachärzten auf einer Linie argumentieren zu können und da, wo Evidenz fehle, Möglichkeiten zu finden, diese zu generieren.
Alle Bereiche profitieren
Vom Medikationsmanagement können alle Klinikbereiche, seien es Ärzte, Pflege oder Patienten profitieren.
Ansprechpartner für Ärzte und Pflege vor Ort
Durch Stationsapotheker habe der Arzt eine direkte Beratung vor Ort, beispielsweise zu Austauschmedikation, Dosierung und Sonderanforderungen, erzählt Johanna-Charlotte Buro, Fachapothekerin für klinische Pharmazie an den Havelland Kliniken Nauen. Die Ärzte schätzten vor allem die kurzen Dienstwege. Auch Pflegekräfte könnten bei Rekonstitution, Applikation und dem Stellen von Medikamenten unterstützt werden. Beispielsweise müsse bei Präparaten mit Verwechslungsgefahr (Look-alikes, Sound-alikes) auch das Umstellen der Hausliste in Erwägung gezogen werden. Dies böte insgesamt mehr Sicherheit für die Betreuung des Patienten.
Vorteile für den Patienten
In den Havelland Kliniken Nauen waren von 2016 bis Ende 2017 die meisten der durchgeführten Interventionen auf Verordnungsfehler zurückzuführen, beispielsweise bei Dosierung, Indikation und im Hinblick auf nichtbeachtete Unverträglichkeiten des Patienten. Durch die pharmazeutische Anamnese können arzneimittelbezogene Probleme vermieden werden. Zudem können die Patienten vor Ort zu ihrer (neuen) Medikation beraten und beispielsweise bei der Nutzung von Inhalatoren geschult werden. Mit dem Entlassgespräch inklusive des Medikationsplans sowie leicht verständlicher Patienteninformationen kann das Verständnis der Patienten für ihre Medikation gefördert werden. Dies bringe auch Vorteile für den Einweiser, der die Umstellungen so besser nachvollziehen könne.
Effekte des Medikationsmanagements in Zahlen
Im Jahr 2020 haben die Stationsapotheker am Universitätsklinikum Dresden mehr als 23.000 Patienten bei der Neuaufnahme gesehen, 17.800 Arzneimittel-Anamnesen erhoben und 7.000 überprüft. Während des stationären Aufenthalts der Patienten führten sie 86.000 Medikationsanalysen durch, nahmen an 600 Visiten teil (Pandemie-bedingt weniger als üblich) und führten 33.000 Beratungen von Ärzten, 4.200 von Pflegekräften und 2.600 von Patienten durch. Im Zuge des Entlassmanagements wurden 14.600 Medikationspläne erstellt und bei 9.000 Entlassbriefen die Medikation überprüft. Insgesamt wurden dabei mehr als 22.000 Interventionen dokumentiert und 5.021 arzneimittelbezogene Probleme gefunden. Von diesen ergab ein geringer Teil (etwa 4%) eine akute Schädigung für die Patienten, etwa die Hälfte waren potenzielle Schädigungen. Von den Änderungsvorschlägen der Stationsapotheker wurden durch die Ärzte etwa 75% umgesetzt.
Kosten vermeiden durch Verhindern von ABP
Fischer berichtet, dass durch die Interventionen schätzungsweise Kosten in Höhe von 2,3 bis 5,1 Millionen Euro vermieden wurden. Da es sich um eine Kostenvermeidung und keine Ersparnis handle, die sich nicht direkt in den Büchern niederschlage, sei der wirtschaftliche Nutzen schwerer fassbar.
Dienstleistungen auch in kleineren Krankenhäusern möglich
Über insgesamt zwei Jahre (von 2016 bis Ende 2017) dokumentiere Buro ihre Arbeit auf Station. Dabei wurden bei 382 von 526 Patienten mit Hausarztmedikation (73%) insgesamt 343 Interventionen vorgeschlagen. Änderungen wurden letztendlich bei 299 der Patienten durchgeführt (78%). Zusätzlich mache Buro 23 CIRS (Critical Incident Reporting System)- und acht AMK-Meldungen. Ihr Fazit: Auch kleine Krankenhäuser können Dienstleistungen zum Medikationsmanagement anbieten, selbst wenn der Weg häufig steinig und anstrengend sei.










