Mit den Protesten möchte die Apothekerschaft auf die angespannte Lage ihres Berufsstandes aufmerksam machen. Seit Jahren nimmt die Zahl der Apotheken in Deutschland kontinuierlich ab. Das Apothekenhonorar wurde seit zehn Jahren nicht mehr angepasst, im Gegensatz dazu steigen die Kosten. Lieferengpässe und Personalmangel erschweren den Apothekenalltag und damit auch die Patientenversorgung. Mit den Protesten fordern die Apotheken die Bundesregierung auf, das Honorar anzupassen und die Apotheken vor Ort zu stabilisieren.
Bereits am 14. Juni, kurz vor der Verabschiedung des Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG), hatten tausende Apotheken bundesweit geschlossen und protestierten gegen anhaltende Lieferengpässe, übermäßige Bürokratie, steigende Kosten und eine jahrelange Stagnation der Apothekenhonorare.
Lauterbach empört Apothekerschaft auf dem DAT
Auch am 27. September hatten einige Apotheken für mehrere Stunden geschlossen. Grund war eine Videokonferenz mit dem Bundesgesundheitsminister, Karl Lauterbach (SPD), auf dem Deutschen Apothekertag (DAT). Im Rahmen dieser Veranstaltung sollte der Minister essenzielle Fragen zur Zukunft der Apotheken beantworten. Dort äußerte er seinen Respekt vor dem Apothekerberuf und dessen hoher Qualifikation und präsentierte Vorschläge für eine Strukturreform der Apotheken:
- Aufweichen des Mehrbesitzverbots und Förderung der Filialisierung
- Rezepturen und Notdienst: Nicht mehr verpflichtend für alle
- Telepharmazie: Beratung in Filialen, mit PTA-Besetzung in Filialen
Die Reaktionen darauf fielen alles andere als positiv aus. Die Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Gabriele Regina Overwiening, kritisierte die Vorschläge des Ministers aufs Schärfste. Das Aufheben des Mehrbesitzverbotes führe langfristig zu einer Abhängigkeit von Fremdkapital, Filialapotheken sollten „zu bloßen Arzneimittelabgabestellen herabgewürdigt werden“. Das Apothekensterben auf dem Land würde mit diesen Maßnahmen laut Overwiening ungebremst weitergehen und für den pharmazeutischen Nachwuchs sei es immer uninteressanter eine Apotheke zu eröffnen. Sie betonte, dass in erster Linie vor allem die Patienten darunter leiden würden.
Als Reaktion auf die Pläne des Ministers erklärte die ABDA daraufhin den November zum Protestmonat, um auf die Missstände erneut aufmerksam zu machen. An allen Protesttagen sicherten Notdienstapotheken die Arzneimittelversorgung.
Rückblick auf den Protestmonat November
Am 8. November starteten die Apotheken in Norddeutschland (Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen) mit den Protesten. Dabei nahmen rund 3.000 Apothekenangestellte an der gemeinsamen Kundgebung in Hannover teil.
Es folgte Westdeutschland (Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Hessen) am 15. November, wo die Apothekenzahl in den ersten neun Monaten 2023 um 2% gesunken ist. Hier protestierten etwa 5.000 Apothekerinnen und Apotheker, PTA und PKA gemeinsam in Dortmund.
Mit ebenfalls etwa 5.000 Teilnehmenden an der Kundgebung in Stuttgart folge am 22. November Süddeutschland (Bayern, Baden-Württemberg). „Wir stehen hier in überwältigender Masse, wir stehen hier mit erhobenem Haupt und einem Sack voll guter Argumente, die zeigen was jetzt nötig ist: Apotheken stärken. Jetzt! Wir kämpfen heute für unsere eigene Zukunft und für die Zukunft einer guten Arzneimittelversorgung“, verkündete dort die Präsidentin des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg (LAV), Tatjana Zambo. Bestärkt wurde der Protest von mehreren gesundheitspolitischen Sprechern der Fraktionen von Grünen, CDU, FDP und SPD aus dem Stuttgarter Landtag sowie der Ärzteschaft in Baden-Württemberg.
Zuletzt folgten die Proteste in Ostdeutschland (Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen) am 29. November mit 3.500 teilnehmenden Apothekerinnen, Apothekern, PTA und PKA an der Kundgebung in Dresden.
Ärzte- und Apothekerschaft protestieren gemeinsam
Zudem demonstrierte die Apothekerschaft zusammen mit Ärzten und Zahnärzten am 1. November in Erfurt sowie am 8. November in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) gegen den Abbau der ambulanten Versorgung. Zuvor hatten die Vertreter der freien Heilberufe im Rahmen der Bundespressekonferenz in Berlin in einer bis dato beispiellosen gemeinsamen Erklärung auf eine drohende Verschlechterung der flächendeckenden medizinischen Versorgung in Deutschland hingewiesen. Die zunehmende Bürokratie und die unzureichende finanzielle Ausstattung nannten Apotheker-, Ärzte- und Zahnärzteschaft dabei als zwei Hauptgründe für die drohende Versorgungskrise.
Apotheken beziehen geschlossen Stellung
Die Apotheken haben an den Protesttagen geschlossen gezeigt, dass es dringend notwendig ist, die Rahmenbedingungen für die Heilberufe zu verbessern, um eine flächendeckende und wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Die ABDA will die politische Kommunikation zudem weiter intensivieren. Die Standesvertretung der Apotheker war beispielsweise auf dem Parteitag der Grünen und wird auf dem Parteitag der SPD vertreten sein. Laut Overwiening wird inzwischen in vielen Landtagen, aber auch im Bundestag kritisch und offen über die Patientenversorgung durch die Apotheken beraten. Ob und in welcher Form diese Gespräche eine Verbesserung der Situation für Apotheken und andere Heilberufe nach sich ziehen, bleibt abzuwarten.










