Neue Hinweise zum Corona-Ursprung: Marderhunde als potenzielle Überträger

Neue Hinweise stützen die Vermutung des natürlichen Ursprungs von SARS-CoV-2. Laut bisher unzugänglichen genetischen Daten könnten Marderhunde das Coronavirus auf den Menschen übertragen haben.

Marderhund

Hintergrund

Seit Beginn der Covid-19-Pandemie rätseln Forschende weltweit über die Herkunft des Coronavirus. Debattiert werden zwei Möglichkeiten: Entweder ist SARS-CoV-2 direkt aus einer Wildtierquelle in die menschliche Bevölkerung gelangt oder aus einem Labor ausgetreten. Die Mehrheit, so auch der Berliner Virologe Professor Dr. Christian Drosten, geht von einem natürlichen Ursprung aus. Diese Vermutung wird jetzt durch bisher unzugängliches genetisches Datenmaterial gestützt. Wie die Zeitschrift „The Atlantic“ berichtet, könnten Marderhunde das Coronavirus auf den Menschen übertragen haben [1].

Genetische Sequenzen vom Huanan-Markt in Wuhan enthalten tierisches Material

Gemäß dem Zeitungsbericht waren Wissenschaftler auf zuvor nicht einsehbare chinesische Daten genetischer Proben vom „Huanan Seafood Wholesale Market“ in Wuhan, China, gestoßen. Dieser wurde schon früh als Ausgangsquelle der Coronapandemie diskutiert. Die genetischen Sequenzen sollen aus Abstrichen stammen, die im Januar 2020 an und in der Nähe von Marktständen genommen wurden. Vor einigen Tagen sollen diese vom Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention (CDC) in die frei zugängliche Genomdatenbank „Gisaid“ eingestellt worden sein, wo sie von WissenschaftlerInnen in Europa, Nordamerika und Australien mehr oder minder zufällig entdeckt und analysiert wurden, heißt es im Bericht.

Die Auswertung unter der Leitung von Virusexperten aus den USA soll ergeben haben, dass mehrere Marktproben, die positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden waren, auch tierisches Genmaterial enthielten – vielfach vom Marderhund, einem verbreitet auf Pelztierfarmen gehaltenen Fuchsverwandten. Aus der Art der Probenentnahme schließen die Forschenden, dass an den betroffenen Stellen ein mit dem Coronavirus infizierter Marderhund gewesen sein könnte, so „The Atlantic“.

Laborhypothese unwahrscheinlich

Obschon es sich um vorläufige, noch nicht unabhängig geprüfte Erkenntnisse handelt, dürften sie die Debatte um die Herkunft des Coronavirus neu entfachen. Erst letztens brachte die USA die Laborhypothese als möglichen Ursprung der Covid-19-Pandemie wieder ins Spiel.

Diese sei nach Ansicht von Drosten aber unwahrscheinlich. „Natürlich muss man jegliche Theorien zum Ursprung des Virus ernst nehmen, aber ein natürlicher Ursprung aus einer der genannten Tiergruppen war von Anfang an die wahrscheinlichste Erklärung“, teilte der Virologe am Freitag der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit.

Diese Annahme wird von mehreren Untersuchungen gestützt. Eine im Sommer 2022 im Fachjournal „Science“ veröffentlichte Studie ergab beispielsweise, dass Covid-19 zunächst auf dem Huanan-Markt unter den Händlern mit Lebendtierhandel sowie bei Menschen, die dort einkauften, auftrat [2].

Kein eindeutiger Beweis

Die Tatsache, dass das nun analysierte genetische Material von Virus und Säugetier so eng miteinander vermischt war – genug, um aus einem einzigen Tupfer extrahiert zu werden – sei kein perfekter Beweis, wird die Virologin Seema Lakdawala von der Emory University in „The Atlantic“ zitiert. Es wäre zwar ein entscheidender Hinweis, habe aber nicht denselben Wert, als wenn SARS-CoV-2 direkt aus einem Marderhund oder in der Virusprobe eines in Wuhan zur Zeit des ersten SARS-CoV-2-Ausbruchs verkauften Säugetiers nachgewiesen worden wäre [1].

Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte auf einer Pressekonferenz: „Diese Daten liefern uns keine endgültige Antwort auf die Frage, wie die Pandemie begonnen hat, aber jede Information ist wichtig, um dieser Antwort näher zu kommen.“ [3]

Daten wieder gelöscht

Das zeitweise auf „Gisaid“ veröffentlichte Datenmaterial sei von China inzwischen wieder gelöscht worden, sagte Dr. Maria van Kerkhove, technische Leiterin des Covid-19-Programms der WHO, in Genf. Die Daten beweisen zunächst nur, dass Marderhunde auf dem Markt gehandelt wurden. Das sei zwar schon seit einiger Zeit angenommen, aber nie bestätigt worden. Darüber hinaus sei offen, woher die Tiere kamen und ob es sich um Farm- oder Wildtiere handelte, so die Coronaexpertin.

„Das große Problem im Moment ist, dass diese Daten existieren und der internationalen Gemeinschaft nicht ohne weiteres zur Verfügung stehen“, kritisiert van Kerkhove. Diese hätten schon Jahre zuvor veröffentlicht werden sollen. Zudem müssen sie Personen zugänglich gemacht werden, die darauf zugreifen, sie analysieren und miteinander diskutieren können [3].

Autor:
Stand:
21.03.2023
Quelle:
  1. The Atlantic, Artikel, 18. März 2023.
  2. Worobey, M. et al. (2022): The Huanan Seafood Wholesale Market in Wuhan was the early epicenter of the COVID-19 pandemic. Science, DOI: 10.1126/science.abp8715.
  3. Weltgesundheitsorganisation (WHO), Pressekonferenz, 17. März 2023.
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