Das Prostatakarzinom ist weltweit eine der häufigsten malignen Erkrankungen bei Männern. Prognosen zufolge wird sich die Mortalität bis zum Jahr 2040 nahezu verdoppeln. Gründe dafür sind die steigende Lebenserwartung und das Wachstum älterer Bevölkerungsgruppen. Damit gewinnt die Frage nach einer wirksamen Früherkennung weiter an Bedeutung. Das Screening des prostataspezifischen Antigens (PSA) gilt seit den 1990er Jahren als potenzieller Ansatz zur Senkung der Mortalität, ist jedoch aufgrund der Gefahr der Überdiagnostik umstritten.
Langzeitbewertung des PSA-Screenings
Die 1993 gestartete European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC-Studie) ist eine der größten randomisierten Studien zur Krebsfrüherkennung. In der Studie wird untersucht, ob ein organisiertes PSA-Screening die prostatakarzinomspezifische Sterblichkeit reduziert. Frühere Auswertungen nach 11 und 16 Jahren zeigten eine relative Risikoreduktion zugunsten des Screenings, jedoch auch eine deutliche Zunahme niedrigmaligner Tumoren. Daher empfehlen Leitlinien ein Screening nur für Männer mit ausreichender Lebenserwartung. Die finale 23-Jahres-Analyse liefert nun die endgültige Bewertung der langfristigen Effekte.
ERSPC-Studie: 23-Jahres-Follow-up
Mehr als 268.000 Männer aus acht europäischen Ländern nahmen an der Studie teil, die Hauptanalyse fokussierte sich auf die Altersgruppe der 55- bis 69-Jährigen mit über 160.000 Teilnehmern. Die Männer im Screening-Arm erhielten wiederholte PSA-Tests, gefolgt von systematischen transrektalen Biopsien bei auffälligen Werten. Die Kontrollgruppe erhielt keine Einladung zum Screening. Die Todesursachen wurden von unabhängigen, verblindeten Gremien beurteilt. Die mediane Nachbeobachtungszeit von 23 Jahren bildet die endgültige Bewertungsgrundlage.
Studienpopulation und Screening-Adhärenz
Von den mehr als 160.000 Männern wurden knapp 73.000 in die Screening-Gruppe aufgenommen. Das mediane Alter bei Randomisierung lag bei 60 Jahren. Die meisten Männer nahmen mindestens einmal teil, im Durchschnitt wurden zwei Screening-Zyklen durchgeführt. Ein relevanter Anteil der Männer wies erhöhte PSA-Werte auf, und die Mehrheit ließ die empfohlene Biopsie durchführen. Dadurch wurden zahlreiche Tumoren im Frühstadium entdeckt.
Häufigere Diagnosen in früheren Tumorstadien
Die kumulative Inzidenz des Prostatakarzinoms war in der Screening-Gruppe höher. Dies beruhte vor allem auf der häufigeren Entdeckung niedrigmaligner Tumoren. Tumoren mittleren Risikos wurden moderat häufiger diagnostiziert. Die Rate der Diagnosen von hochriskanten Tumoren war nahezu identisch. Die Anzahl fortgeschrittener Tumoren war im Screening-Arm dagegen deutlich niedriger. Dieses Verschieben hin zu früheren Stadien gilt als zentraler Mechanismus für den späteren Mortalitätsvorteil.
Reduktion der tumorspezifischen Mortalität
Nach 23 Jahren zeigte sich in der Screening-Gruppe eine niedrigere prostatakarzinomspezifische Mortalität. Dieser Vorteil nahm im Langzeitverlauf zu. Auch unter Berücksichtigung der tatsächlichen Teilnahme blieb der Effekt bestehen. Eine zusätzliche Analyse von Männern ohne Diagnose am Ende der Screening-Phase zeigte ebenfalls einen anfänglichen Schutz, der im Verlauf jedoch abnahm. Dies unterstreicht, dass der Nutzen des Screenings nur zeitlich begrenzt anhält.
Die Gesamtsterblichkeit war in beiden Gruppen identisch. Dies spricht dafür, dass der beobachtete Nutzen nicht durch Unterschiede in der allgemeinen Morbidität erklärbar ist, sondern sich spezifisch auf das Prostatakarzinom bezieht.
Abnehmender Nutzen im höheren Lebensalter
Viele Männer erreichten die obere Altersgrenze des Screenings, ohne eine Diagnose erhalten zu haben. In dieser Subgruppe zeigte sich ein geringer Vorteil zugunsten der zuvor gescreenten Männer, der jedoch mit zunehmendem Alter abnahm. Aufgrund der hohen konkurrierenden Mortalität in diesem Alter erscheint ein fortgesetztes Screening jenseits des siebten Lebensjahrzehnts nur in Einzelfällen sinnvoll.
Abwägung zwischen Mortalitätsvorteil und Überdiagnostik
Die ERSPC bestätigt nach 23 Jahren, dass das PSA-Screening die Mortalität durch das Prostatakarzinom langfristig senkt. Gleichzeitig bleibt das Risiko der Überdiagnostik, insbesondere bei niedrigmalignen Tumoren, ein zentrales Problem. Für die klinische Praxis sprechen sich die Ergebnisse für eine risikoadaptierte Früherkennung unter Einbindung moderner Diagnostik wie Magnetresonanztomographie (MRT) und Biomarkern.








