Geschlechtsspezifische Autoimmunität und hormonelle Einflüsse
Autoimmunerkrankungen wie der systemische Lupus erythematodes (SLE) und die systemische Sklerose (SSc) betreffen überwiegend Frauen – über 80 % der Patienten sind weiblich. Diese deutliche Geschlechterdifferenz wird seit Langem mit dem Einfluss weiblicher Sexualhormone, insbesondere Östrogen, in Verbindung gebracht. Beobachtungen zeigen, dass Krankheitsaktivität bei SLE während hormonell aktiven Phasen – etwa vor der Menstruation oder in der Schwangerschaft – zunimmt. Nach der Menopause sinkt der weibliche Überschuss deutlich.
Die menopausale Hormontherapie (MHT) wird häufig eingesetzt, um klimakterische Beschwerden zu lindern. Sie enthält exogene Östrogene, oft kombiniert mit Gestagenen, und greift damit in hormonabhängige Immunmechanismen ein. Frühere Studien deuteten auf ein mögliches Risiko für Autoimmunerkrankungen hin, waren jedoch methodisch begrenzt.
Studiendesign und Methodik der schwedischen Registeranalyse
Die aktuelle populationsbasierte, verschachtelte Fall-Kontroll-Studie von Patasova et al. (Karolinska Institutet, Stockholm) untersuchte die Assoziation zwischen MHT und dem Auftreten von SLE und SSc in Schweden zwischen 2009 und 2019. Grundlage waren nationale Gesundheitsregister mit mehr als 15 000 Frauen.
Erfasst wurden 943 Frauen mit SLE und 733 mit SSc, jeweils im Verhältnis 1:10 gematcht mit gesunden Kontrollen nach Alter, Region und Geschlecht. Die Exposition galt als gegeben, wenn eine MHT vor der Diagnosestellung verordnet wurde. Analysiert wurden Art, Applikationsform und Dauer der Hormontherapie. Zur Berechnung der Odds Ratios (OR) kamen bedingte logistische Regressionsmodelle zum Einsatz, adjustiert nach Bildung, Einkommen und Krankenstand.
Erhöhtes Risiko unter kombinierter und dualer Hormontherapie
Die Ergebnisse zeigen eine signifikante Assoziation zwischen MHT und dem Risiko für beide Erkrankungen.
- SLE: MHT-Anwenderinnen hatten ein 1,3-fach erhöhtes Risiko (OR = 1,3; 95 %-KI 1,1–1,6). Das höchste Risiko zeigte sich bei gleichzeitiger Anwendung systemischer und lokaler Präparate (OR = 1,9).
- SSc: Das Risiko war um 40 % erhöht (OR = 1,4; 95 %-KI 1,2–1,7). Besonders betroffen waren Frauen mit systemischen Östrogen-Gestagen-Kombinationen (OR = 1,7).
Die Dauer der Anwendung (< 12 vs. ≥ 12 Monate) hatte keinen wesentlichen Einfluss. Das Risiko war am höchsten, wenn die MHT zwischen dem 46. und 50. Lebensjahr begonnen wurde.
Pathophysiologische Implikationen hormoneller Exposition
Die Ergebnisse stützen die Hypothese, dass exogene Östrogene immunmodulatorische Prozesse verstärken können. Östrogene fördern die Bildung von Autoantikörpern, die Aktivierung von T-Zellen und die Produktion von Zytokinen. Progesteron kann diese Effekte teilweise modulieren, doch in Kombinationstherapien überwiegt offenbar der stimulierende Einfluss.
Für SSc wird ein profibrotischer Effekt diskutiert: Östrogene können Endothelin-vermittelte Fibroblastenaktivierung und extrazelluläre Matrixbildung fördern. Die gleichzeitige systemische und vaginale Hormonapplikation kann zudem zu höheren zirkulierenden Östradiolspiegeln führen, was die höheren Risiken in dieser Gruppe erklären könnte.
Einordnung und klinische Bedeutung
Diese groß angelegte Registerstudie liefert Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen MHT und erhöhtem Risiko für SLE und SSc. Sie bestätigt damit frühere pharmakovigilanzbasierte Hinweise und erweitert das Wissen über die Auswirkungen exogener Hormone auf Autoimmunprozesse.
Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass bei Patientinnen mit familiärer oder persönlicher Autoimmunneigung der Einsatz einer MHT besonders sorgfältig abgewogen werden sollte. Die Autoren betonen jedoch, dass es sich um Assoziationen und nicht um kausale Nachweise handelt.
Ausblick und Forschungsbedarf
Künftige Studien sollten klären, ob spezifische Präparate, Dosierungen oder Applikationsformen das Risiko differenziell beeinflussen. Ebenso relevant ist die Untersuchung hormoneller Effekte auf Krankheitsverlauf und Phänotyp bei bereits diagnostizierten Autoimmunerkrankungen. Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Rheumatologie, Endokrinologie und Gynäkologie ist hierbei essenziell, um individuelle Nutzen-Risiko-Abwägungen zu ermöglichen.







