Aktuelle Daten zur Inzidenz von Diabetes-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen seien enorm wichtig, um im Gesundheitswesen notwendige Ressourcen und präventive Maßnahmen planen zu können, erklärte Dr. Anna Stahl-Pehe von der Arbeitsgruppe Epidemiologie am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf [1]. Daher untersuchte sie mit ihrem Team die Inzidenztrends für Typ-1- und Typ-2-Diabetes bei Kindern und Heranwachsenden im Alter unter 20 Jahren für den Zeitraum von 2002 bis 2020.
Datenbasis für die Inzidenzschätzung
Die Analyse basiert auf dem Diabetesinzidenz-Register Nordrhein-Westfalen (NRW). Seit 2002 werden dort anonymisiert Daten über neu diagnostizierte Diabetes-Fälle bei jungen Menschen erfasst. Die Daten stammen aus drei Quellen: aus der deutschen pädiatrischen Surveillance-Einheit ESPED (Erhebungseinheit für Seltene Pädiatrische Erkrankungen in Deutschland), aus jährlich durchgeführten Umfragen in Praxen und aus dem prospektiven Register der Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation (DPV). Für die Auswertung wurden die Daten nach Altersgruppen von 0 bis 4, 5 bis 9, 10 bis 14 und 15 bis 19 aufgeteilt (Typ-2-Diabetes nur 10 bis 14 und 15 bis 19 Jahre). Insgesamt wurden 14.980 Typ-1-Diabetes- und 670 Typ-2-Diabetes-Erkrankungen in diesen Altersgruppen erfasst. In der Typ-1-Diabetes-Gruppe war der Anteil von Jungen größer, in der Typ-2-Diabetes-Kohorte der von Mädchen.
Inzidenz des Typ-1-Diabetes steigt
Ein Typ-1-Diabetes wurde am häufigsten im Alter zwischen fünf und neun Jahren (n=4.838 Fälle; 29,8%) oder von zehn bis 14 Jahren (n=5.383; 30,6%) diagnostiziert. Die Inzidenz eines Typ-1-Diabetes nahm von 18,4 pro 100.000 Personenjahre in 2002 auf 28,2 pro 100.000 Personenjahre in 2020 zu. Das entspricht einem Anstieg um 2% und war bei Jungen und Mädchen vergleichbar, so Stahl-Pehe. Geringer fiel der Anstieg der Inzidenz eines Typ-1-Diabetes in diesem Zeitraum in der Altersgruppe der bis zu Vierjährigen aus (0,5% pro Jahr), höher in den Altersgruppen der Fünf- bis Neunjährigen (2,2% pro Jahr) und der Zehn- bis 14-Jährigen (2,7% pro Jahr).
Zunehmende Fälle von Typ-2-Diabetes
Die Inzidenz des Typ-2-Diabetes betrug über den gesamten Zeitraum hinweg bei den Zehn- bis 14-Jährigen 1,8 pro 100.000 Personenjahre, bei den 15- bis 19-Jährigen 2,3 pro 100.000 Personenjahre. Die Inzidenz zeigte hier einen noch deutlicheren Anstieg als beim Typ-1-Diabetes – auf einem numerisch deutlich niedrigeren Niveau. Sie stieg von 1,3 Typ-2-Diabetes-Erkrankungen pro 100.000 Personenjahre im Jahr 2020 auf 3,5 pro 100.000 Personenjahre im Jahr 2020. Das entspricht einem Anstieg von 4,9% pro Jahr. Große Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gab es nicht, der Anstieg war aber bei den Zehn- bis 14-Jährigen ausgeprägter als bei den 15- bis 19-Jährigen (6,7% vs. 3,5%).
Covid-19 als Diabetes-Ursache
In der COVID-19-Pandemie wurde eine steigende Typ-1-Diabetes-Inzidenz aus verschiedenen Ländern berichtet. Bei mit SARS-CoV-2 infizierten Kindern und Jugendlichen war das Risiko, danach an einem Typ-1-Diabetes zu erkranken, sogar um 62% erhöht, berichtete Joachim Rosenbauer, ebenfalls Epidemiologe am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf [2, 3]. Mögliche Erklärungen für die erhöhte Typ-1-Diabetes-Inzidenz in der Pandemie könnten sein:
- Direkte Schädigung von Betazellen durch das Virus, weil ACE2 als Eintrittspforte für das Virus auch in Pankreaszellen vorkommt
- Indirekte Schädigung von Betazellen durch die Akzeleration oder Auslösung eines autoimmunen Prozesses
- Sekundäre Effekte der Pandemie, wie eine herabgesetzte Exposition gegenüber typischen Kinderinfektionen, eine reduzierte Biodiversität (Hygiene-Hypothese), erhöhter psychischer Stress und reduzierte soziale Kontakte während des Lockdowns.
Kein klarer Zusammenhang erkennbar
Um der Assoziation von SARS-CoV-2- und Typ-1-Diabetes auf den Grund zu gehen, untersuchten Rosenbauer et al. die räumlichen und zeitlichen Assoziationen von COVID-19- und Typ-1-Diabetes-Inzidenz bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Basis waren Daten aus dem DPI, dem Robert-Koch-Institut und EUROSTAT (Statistisches Amt der Europäischen Union), wo COVID-19-Raten auch auf Gemeindeebene dokumentiert wurden. Regionen mit einer hohen COVID-19-Inzidenz zeigten allerdings keine klare Assoziation zu Regionen mit einer hohen Typ-1-Diabetes-Inzidenz. Auch eine zeitliche Assoziation von COVID-19-Wellen und einem Anstieg von Typ-1-Diabetes-Fällen in der Folge ließ sich nicht belegen. Damit bleibt aus epidemiologischer Sicht unklar, inwieweit eine Infektion mit SARS-CoV-2 als Auslöser eines Typ-1-Diabetes infrage kommt. Rosenbauer regte an, auch die möglichen sekundären Effekte, z.B. durch die Reduktion sozialer Kontakte, auf die Typ-1-Diabetes-Inzidenz in der Pandemie weiter zu untersuchen.








