Schwache diagnostische Leistung des 5,07/10 g Monofilamenttest bei diabetischer Polyneuropathie

Norwegische Forscher analysierten in einer multizentrischen Studie die Leistungsfähigkeit des gängigen 5,07/10 g Monofilamenttests in der Diagnostik der diabetischen Polyneuropathie. Sie erkannten diverse Schwachstellen und Faktoren, die die Ergebnisse beeinflussen.

Monofilament-Test

Die weltweite Verbreitung von Diabetes nimmt kontinuierlich zu und mittlerweile sind schätzungsweise über 10 % der erwachsenen Bevölkerung betroffen. Eine der häufigsten Komplikationen des Diabetes mellitus ist die diabetische Polyneuropathie (DPN), die zu erheblicher Morbidität, Mortalität und finanzieller Belastung des Gesundheitssystems führt.

Frühzeitige Diagnose der DPN mit dem 5,07/10 g Monofilamenttest

Aufgrund fehlender spezifischer Behandlungsmethoden für DPN ist eine frühzeitige Diagnose von entscheidender Bedeutung. Eine verbesserte Blutzuckereinstellung kann das Fortschreiten verlangsamen und dazu beitragen, Komplikationen zu verhindern. Obwohl Untersuchungen der Nervenleitgeschwindigkeit als diagnostischer Goldstandard gelten, sind diese ressourcenintensiv und werden nicht bei jedem Diabetiker angewendet.

Daher besteht ein Bedarf an einfachen diagnostischen Werkzeugen wie dem 5,07/10 g Semmes-Weinstein Monofilamenttest (SWME). Dieses Verfahren bewertet die taktile Empfindlichkeit der Füße, indem ein flexibles Nylon-Monofilament unter definierter Kraft auf die Haut an vier Stellen der Fußsohle aufgebracht wird und der Patient angibt, was er fühlt.

Diagnostische Hürden des SWME

Trotz der weiten Verbreitung dieses einfach durchzuführenden Tests besteht die Gefahr einer abweichenden Handhabung und Beeinflussung durch andere Faktoren. So können z. B. Alterungsprozesse, Geschlecht und neuropathische Schmerzen (NP) die mechanische Wahrnehmungsschwelle unter den Füßen beeinflussen, was die Gültigkeit eines Einheits-Monofilaments infrage stellt. Um diese Fragen zu klären, haben norwegische Forscher eine multizentrische Analyse des SWME-Verfahrens durchgeführt, um seine diagnostische Leistungsfähigkeit zu untersuchen.

Ist der SWME tatsächlich geeignet für die DNP-Früherkennung?

Das Ziel dieser Studie war es, das norwegische SWME-Protokoll bei Patienten mit Diabetes zu validieren. Dabei wurden Aussagen zur diagnostischen Genauigkeit unter Berücksichtigung möglicher Unterschiede zwischen den Geschlechtern, Altersgruppen und bei Patienten mit neuropathischen Schmerzen angestrebt.

Die Studie ist Teil einer umfangreichen multizentrischen Untersuchung mit Beteiligung von fünf klinisch-neurophysiologischen Abteilungen norwegischer Universitätskliniken und erstreckte sich über den Zeitraum von Mai 2017 bis Dezember 2022. Schließlich wurden 506 Diabetiker im Alter von 18–70 Jahren eingeschlossen, die zu neurologischen Ambulanzen für Polyneuropathie-Bewertungen überwiesen wurden. Von diesen Patienten hatten 66% eine bestätigte DPN, und 54% gaben neuropathische Schmerzen an.

Globale diagnostische Leistung des SWME

Die Analyse ergab, dass die globale Sensitivität des SWME bei 0,60 (95%-KI: 0,55 bis 0,66) lag, während die Spezifität mit 0,82 (95%-KI: 0,75 bis 0,87) etwas höher ausfiel. Die positiven und negativen prädiktiven Werte betrugen jeweils 0,86 bzw. 0,52 und die positiven und negativen Likelihood-Ratios lagen bei 3,28 bzw. 0,49.

In der Altersgruppe über und unter 50 Jahren zeigte der Monofilamenttest ähnliche Gesamtergebnisse. Jedoch deuteten altersspezifische Analysen darauf hin, dass die Leistung des Tests bei Patienten über 50 Jahren möglicherweise geringer war.

Besondere Herausforderungen für Frauen und Patienten mit NP

Eine geschlechtsspezifische Analyse ergab, dass die Sensitivität bei Frauen im Vergleich zu Männern um 17 Prozentpunkte reduziert war (0,43). Die Spezifität blieb weitgehend unverändert, was somit zu einer erhöhten falsch-negativen Rate von etwa 60 % führte. Dies reduziert die Anzahl der korrekt-positiv diagnostizierten Patienten dramatisch.

Bei Patienten mit neuropathischen Schmerzen zeigte der Test eine niedrigere Spezifität (0,56) und entsprechend einen niedrigeren negativen prädiktiven Wert aufgrund eines höheren Anteils an falsch-positiven Ergebnissen.

Schweregrad der DPN beeinflusst den Test nicht

Interessanterweise beeinflusste der Schweregrad der Polyneuropathie, basierend auf der Nervenleitgeschwindigkeit oder dem Compound Z-Score dieser, die diagnostische Genauigkeit des SWME nicht signifikant. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Test nicht spezifisch bei fortgeschritteneren Krankheitsverläufen anspricht und nicht besonders schwerwiegende Fälle detektiert.

SWME zeigte insgesamt schwache diagnostische Leistung

Insgesamt zeigte die Studie eine akzeptable Diskriminationsfähigkeit, positive prädiktive  Werte und Spezifität des SWME bei Patienten mit Diabetes und Verdacht  auf eine Polyneuropathie. Allerdings wies der Test eine geringe Sensitivität, niedrige negative prädiktive Werte und insgesamt einen geringen Einfluss auf die Posttest-Wahrscheinlichkeit auf.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass der SWME möglicherweise allein nicht ausreicht, um eine umfassende Früherkennung und Beurteilung der DPN vorzunehmen. Zukünftige Studien könnten alternative Monofilamente und Anpassungen des Testverfahrens untersuchen, um die diagnostischen Instrumente zu verbessern. Von dem alleinigen Gebrauch dieses Tests raten die Forscher jedoch basierend auf ihrer Studie ab.

Autor:
Stand:
19.01.2024
Quelle:

Dunker Ø, Uglem M, Bu Kvaløy M, et al. (2023): Diagnostic accuracy of the 5.07 monofilament test for diabetes polyneuropathy: influence of age, sex, neuropathic pain and neuropathy severity, BMJ Open Diabetes Research and Care, DOI: 10.1136/bmjdrc-2023-003545

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