Diabetes mellitus Typ 1 (DM1) ist in Deutschland eine der führenden chronischen Autoimmunerkrankungen und führt neben den Komplikationen für den Patienten auch zu enormen Kosten für das Gesundheitssystem. Ohne eine angemessene Therapie, wie z.B. die Insulingabe und die dauerhafte Kontrolle des Blutzuckerspiegels, zeigen die Patienten eine erhöhte und frühe Sterblichkeitsrate.
Prävalenz des Typ- 1-Diabetes in Deutschland
Die Erkrankung ist definiert als Autoimmunerkrankung mit einer Manifestation vor dem 35. Lebensjahr. Nichtsdestotrotz ist sie heutzutage prävalent in allen Altersgruppen.
Im Jahr 2009 lag die Prävalenz von Kindern unter 19 Jahren bei 0,17% bei Mädchen und 0,19% bei Jungen. In der Altersgruppe der 20- bis 79-Jährigen lag diese ungefähr bei 0,28% (w) und 0,39% (m) und bei über 80-Jährigen zwischen 0,47% und 0,5%. Im Jahr 2010 gab es ungefähr 250.000 diagnostizierte DM1-Patienten und pro Jahr werden circa 7.200 neu diagnostiziert, Tendenz steigend.
Wie wird sich die Prävalenz bis 2040 verändern?
Obwohl Diabetes mellitus Typ 1 eine starke gesundheitliche und ökonomische Gefahr darstellt, mangelt es an Studien, die die Veränderungen der Prävalenzen und die Wichtigkeit der Prävention untersuchen. Somit wollten Forscher der medizinischen Universitäten in Bielefeld, München, Düsseldorf und Witten die erste epidemiologische Studie durchführen, die versucht, die Prävalenz des DM1 bis zum Jahr 2040 zu berechnen.
Berechnungen anhand verschiedener Szenarien
Zunächst berechneten die Forscher die annähernden alters- und geschlechtsspezifischen Inzidenzen im Jahr 2010 für alle Altersgruppen zwischen null und 100 Jahren. Aus diesen Daten ermittelten sie im Folgenden die zukünftigen Prävalenzen bis zum Jahr 2040. Um dies so realitätsgetreu wie möglich zu tun, verglichen sie mehrere Szenarien von veränderten Inzidenzen und Mortalitätsraten miteinander.
- Szenario eins: konstante altersspezifische Prävalenz
- Szenario zwei: konstante DM1-Inzidenzrate und konstantes Mortalitätsverhältnis [MMR (constant mortality rate ratio)]
- Szenario drei: konstante Inzidenzrate, aber eine um -2% verringerte MMR pro Jahr
- Szenario vier: verringerte Inzidenzrate um -0,5% pro Jahr und -2% MMR pro Jahr
- Szenario fünf: steigende Inzidenzrate um +0,5% pro Jahr und -2% MMR pro Jahr
Die berechneten Daten multiplizierten die Forscher mit der prognostizierten Altersverteilung der deutschen Bevölkerung im Jahr 2040, die vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht wurde.
Die prognostizierte Prävalenz im Jahr 2040
Unter allen Altersgruppen hatten Männer im Jahr 2010 eine höhere DM1-Inzidenz und Prävalenz als Frauen. Die Peaks der Inzidenzen lagen bei beiden Geschlechtern zwischen 5 und 15 Jahren mit 0,17 pro 1.000 Personenjahren bei Jungen und 0,12 pro 1.000 Personenjahren bei Mädchen.
Anhand dieser Daten schlossen die Forscher auf die verschiedenen Prävalenzen im Jahr 2040. Im Vergleich zu Szenario eins, in dem die Prävalenz fast gleich bleibt, zeigen alle anderen Szenarien einen substanziellen Anstieg der Prävalenzen für beide Geschlechter. Zudem konnte in allen Szenarien ein Shift der Prävalenz hin zu höheren Altern erkannt werden, mit einem Peak bei ungefähr 40 Jahren.
Voraussichtliche Anzahl an Erkrankten
Kohärent mit den Ergebnissen der prognostizierten Prävalenzen, werden zu jedem Zeitpunkt und in jedem Szenario mehr Männer mit DM1 diagnostiziert als Frauen.
In Szenario eins, mit einer gleichbleibenden Prävalenz, steigt die absolute Zahl bis 2040 um 1% auf 252.000 Patienten mit DM1 an. Bei den vier anderen Szenarien steigen diese absoluten Zahlen deutlich stärker an, z.B. um +18% in Szenario zwei und +32% in Szenario fünf. In diesem letzten Fall würde es im Jahr 2040 ungefähr 327.000 DM1-Patienten in Deutschland geben.
Die Diabetes mellitus Typ 1-Prävalenz wird steigen
Die verschiedenen Szenarien unterscheiden sich stark in ihren Ergebnissen. So wie es die Forscher in Szenario eins berechnet haben, wird häufig die zukünftige Prävalenz chronischer Erkrankungen eingeschätzt. Dies lässt jedoch sich verändernde epidemiologische Trends außer Acht, wie z.B. Mortalität und Inzidenz.
Es kann heute nicht mit Sicherheit festgestellt werden, welches Szenario am ehesten der Realität entspricht. Nichtsdestotrotz legten die Ergebnisse nahe, dass die Prävalenz des Diabetes mellitus Typ 1 in der Zukunft steigen wird, was gesundheitspolitische Maßnahmen und weitere Studien bezüglich der Primärprävention nach sich ziehen sollte.








