Proteinbasierte Insulindosierung bei Typ-1-Diabetes: Kein Vorteil bei kohlenhydratarmer Diät

In einer randomisierten Studie konnte kein Vorteil einer proteinbasierten Insulindosierung bei gut eingestellten Typ-1-Diabetespatienten unter kohlenhydratarmer Diät erkannt werden. Nichtsdestotrotz könnte die Methode für ausgewählte Patientengruppen eine Option darstellen.

Low Carb-Diät

Die Behandlung von Diabetes mellitus Typ 1 (DM1) erfordert eine genaue Anpassung der Insulindosis an die aufgenommenen Nährstoffe, um eine stabile Blutzuckerkontrolle zu gewährleisten. Die gängige Praxis  ist die Berechnung der Kohlenhydratmenge in einer Mahlzeit und die anschließende Verabreichung eines Insulinbolus auf der Grundlage einer Insulin-Kohlenhydrat-Ratio (ICR).

Insulindosierung bei kohlenhydratarmen Diäten

In den letzten Jahren hat das Interesse an kohlenhydratarmen Diäten (≤100 g Kohlenhydrate/Tag) zugenommen, da sie die glykämische Kontrolle verbessern und den Insulinbedarf bei DM1-Patienten reduzieren können. Zudem sind die Insulindosen leichter zu berechnen und der geringere Insulinbedarf verringert laut Patienten die Angst vor Fehldosierungen.

Einfluss von Fett und Proteinen auf den Blutzucker

Bei DM1 können jedoch sowohl Fett als auch Protein zu einem verzögerten Anstieg des postprandialen Blutzuckerspiegels führen. Somit könnte der Einfluss des Nahrungsproteins bei kohlenhydratarmer Diät einen überproportionalen Effekt auf einen solchen Anstieg haben. Dies legt wiederum nahe, dass eine Insulindosis, die auf der Aufnahme von Protein und/oder Fett basiert, erforderlich sein könnte.

Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass ein zusätzlicher Insulinbolus für Eiweiß oder Fett, z. B. über eine Insulin-Protein-Ratio (IPR), den postprandialen Blutzuckerspiegel bei Menschen mit DM1, die Insulinpumpen verwenden, senken kann. Allerdings sind die komplexen Berechnungen in der Praxis oder bei mehrmals täglichen Injektionen oft nicht anwendbar. Außerdem wurden diese Berechnungen noch nicht bei Personen untersucht, die eine kohlenhydratarme Diät einhalten.

Zusatznutzen einer Proteinberechnung bei kohlenhydratarmer Diät?

Aus diesem Grund wurde in einer aktuellen Studie der mögliche Nutzen einer zusätzlichen proteinbasierten Insulindosierung bei Menschen mit DM1 unter kohlenhydratarmer Ernährung untersucht. Hierbei handelte es sich um eine randomisierte, kontrollierte Studie mit 34 Teilnehmern, die entweder der Kontrollgruppe (nur ICR) oder der Interventionsgruppe (ICR plus IPR) zugewiesen wurden.

Die Teilnehmer wurden über 12 Wochen beobachtet, wobei primäre und sekundäre Endpunkte wie HbA1c, durchschnittliche Blutzuckerkonzentrationen und glykämische Variabilität gemessen wurden. Alle Teilnehmer hatten einen gut eingestellten DM1 und keiner nahm andere Diabetesmedikamente als Insulin ein.

Vergleichbare HbA1c-Werte und Blutzuckerkontrolle

Die Ergebnisse zeigten, dass die zusätzliche proteinbasierte Insulindosierung keinen signifikanten Einfluss auf den HbA1c-Wert hatte, da beide Gruppen nach 12 Wochen ähnliche Werte aufwiesen. Auch die durchschnittlichen Blutzuckerkonzentrationen zeigten keine signifikanten Unterschiede zwischen der Interventions- und Kontrollgruppe.

Keine Unterschiede in der glykämischen Variabilität

Es wurde zwar eine Tendenz zur Verringerung der glykämischen Variabilität in der Interventionsgruppe beobachtet, jedoch war dieser Effekt statistisch nicht signifikant. Beide Gruppen verbesserten die Zeit im Zielbereich leicht, jedoch ebenfalls ohne signifikante Unterschiede.

Ebenso unterschieden sich die Hypoglykämie-Raten zwischen den Gruppen nicht, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass die zusätzliche proteinbasierte Insulindosis keinen negativen hypoglykämischen Effekt hatte und somit als sicher eingeschätzt werden kann.

Praktische Implikationen und Patientenfeedback

Ein wichtiges Ergebnis der Studie war das Feedback der Teilnehmer zur Umsetzbarkeit der proteinbasierten Insulindosierung. Während einige Teilnehmer die zusätzliche Berechnung als hilfreich empfanden und von einer verbesserten gefühlten Blutzuckerkontrolle berichteten, empfanden andere die zusätzlichen Berechnungen als stressig und belastend.

Die IPR als individuell abzuwägende Option

Insgesamt bewirkte der Einsatz einer zusätzlichen IPR zur herkömmlichen ICR bei Menschen mit Typ-1-Diabetes, die eine kohlenhydratarme Diät einhielten, keine signifikante Verbesserung bzw. Veränderungen des Blutzuckers. Allerdings hatten die Teilnehmer dieser Studie bereits zu Beginn einen gut eingestellten Diabetes, sodass die Auswirkungen dieser Intervention auf ein breiteres Spektrum der Blutzuckerkontrolle möglicherweise nicht vollständig erfasst wurden. Weitere Studien sollten einen möglichen Einfluss bei Patienten mit höheren bzw. schlechter eingestellten Blutzuckerwerten unter kohlenhydratarmer Diät untersuchen.

Wichtig ist jedoch zu erwähnen, dass die Verwendung einer IPR-Insulindosierung das Risiko von Hypoglykämien nicht erhöhte und von einigen Menschen mit DM1 tatsächlich als hilfreich eingeschätzt wurde. Dies zeigt, dass sich die IPR nicht negativ auf das Patientenwohl auswirkt und somit bleibt die Möglichkeit, sie, je nach Patientenwunsch, in der individuellen Therapieplanung zu berücksichtigen.

Autor:
Stand:
02.07.2024
Quelle:

Hall RM, et al. (2024): A randomised controlled trial of additional bolus insulin using an insulin-to-protein ratio compared with insulin-to-carbohdrate ratio alone in people with type 1 diabetes following a carbohydrate-restricted diet., J Diabetes Complications, DOI: 10.1016/j.jdiacomp.2024.108778

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