Technologischer Fortschritt verbessert die Blutzuckerkontrolle
Auf der Vorab-Pressekonferenz zur 19. Diabetes Herbsttagung der DDG gab Frau Prof. Beate Karges vom Bethlehem Gesundheitszentrum Stolberg und der Uni Klinik RWTH Aachen in ihrem Vortrag über Therapiefortschritte und Perspektiven bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes einen Überblick zum aktuellen Stand der Versorgung. Die Behandlung des Typ-1-Diabetes (T1D) im Kindes- und Jugendalter hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. Moderne Insuline und digitale Technologien haben die Therapie sicherer, flexibler und effektiver gestaltet. Nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) profitieren heute die meisten jungen Patienten von der technischen Entwicklung in der Insulintherapie wie automatisierter Insulinabgabesysteme (AID) und kontinuierlicher Glukosemessung.
Analoginsuline mit optimierten Wirkungsprofilen haben Humaninsuline nahezu vollständig ersetzt. Über 70 % der Kinder und Jugendlichen nutzen Insulinpumpen, die eine fein abgestimmte, kontinuierliche Insulinzufuhr ermöglichen. Parallel hat sich die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) mit Realtime-Anzeigen und Alarmfunktionen flächendeckend etabliert und die blutige Glukosekontrolle weitgehend verdrängt.
Ein zentraler Fortschritt ist der zunehmende Einsatz von AID. Diese Systeme regulieren die Insulinzufuhr algorithmusbasiert – sie reduzieren die Dosis bei drohender Hypoglykämie und erhöhen sie bei persistierender Hyperglykämie. Mittlerweile profitieren mehr als die Hälfte der jungen T1D-Patienten von dieser Technologie.
Verbesserte Therapieergebnisse und höhere Sicherheit
Daten aus der Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentations (DPV)-Verbund belegen, dass die Therapieeffektivität in Deutschland deutlich zugenommen hat. Während 1995 nur etwa ein Viertel der jungen Menschen mit T1D das HbA1c-Ziel erreichte, lag dieser Anteil 2023 bei über 40 %. Parallel dazu sank die Rate schwerer Hypoglykämien von 15 % (2001) auf 3 % pro Jahr (2023).
Diese Entwicklung zeigt, dass moderne Insulinpräparate und digitale Unterstützungssysteme nicht nur die glykämische Kontrolle verbessern, sondern auch die Sicherheit erhöhen und die Lebensqualität der Betroffenen deutlich steigern.
Herausforderungen: Adipositas, Transition und Inklusion
Trotz dieser Erfolge bestehen weiterhin erhebliche Versorgungslücken. Die Inzidenz des T1D steigt laut Robert-Koch-Institut (RKI) jährlich um 2,9 %. Parallel nimmt die Prävalenz von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen mit T1D zu – von 1 % (1995) auf 5 % (2023). Dies erfordert gezielte präventive Strategien, um dieser Entwicklung frühzeitig entgegenzuwirken.
Auch die Transition von Jugendlichen in die Erwachsenenmedizin ist bislang unzureichend finanziert und strukturell lückenhaft. Ebenso mangelt es an inklusiven Konzepten in Schulen, die eine sichere und gleichberechtigte Teilhabe chronisch kranker Kinder ermöglichen.
Ein weiterer Engpass betrifft die Verfügbarkeit von Insulinen und Verbrauchsmaterialien wie Glucosesensoren, Transmittern, Insulinkathetern und Insulinpumpen. Lieferengpässe gefährden die kontinuierliche Therapie und erfordern eine stärkere gesundheitspolitische Regulierung.
Notwendigkeit strukturierter Schulung und Qualitätssicherung
Ein zentrales Anliegen bleibt die Schulung der Betroffenen und ihrer Familien. Trotz Automatisierung muss die Insulindosis vor Mahlzeiten weiterhin individuell berechnet werden; Anpassungen an körperliche Aktivität sind essenziell, um Hypo- oder Ketoazidosen zu vermeiden.
Darüber hinaus fordert die DDG die adäquate Finanzierung von Schulungs- und Betreuungskapazitäten. Die Behandlung erfordert ein interdisziplinäres Team aus Kinderdiabetologen, Diabetesberatern, Psychologen und Ernährungsspezialisten.
Für eine nachhaltige Versorgungsqualität sind systematische Qualitätssicherung und Datenerfassung unerlässlich. Register wie das DPV dienen nicht nur der Qualitätskontrolle und dem Benchmarking, sondern liefern auch wertvolle Erkenntnisse für die Versorgungsforschung.
Politische Forderungen und Perspektiven für die Zukunft
Die DDG betont den dringenden Bedarf an strukturellen und finanziellen Verbesserungen in der pädiatrischen Diabetologie. Neben der Finanzierung von Versorgung und Schulung fordert sie den flächendeckenden Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften. Diese sollen chronisch kranke Kinder im Schulalltag unterstützen und Gesundheitskompetenz fördern – insbesondere im Hinblick auf Bewegung und Ernährung. Die WHO empfiehlt für Kinder eine Stunde Bewegung am Tag.
Langfristig zielt die Forschung auf die Entwicklung sicherer Immuntherapien ab, um die Progression des Typ-1-Diabetes aufzuhalten oder zu verhindern. Ebenso wichtig sind Studien zu den umweltbedingten Auslösefaktoren, die das steigende Erkrankungsrisiko erklären könnten.
Fazit: Fortschritt mit Handlungsbedarf
Die letzten 30 Jahre haben eine beeindruckende Entwicklung in der Therapie des Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen hervorgebracht. Fortschritte in Technologie und Insulintherapie haben die Versorgung revolutioniert. Dennoch zeigen aktuelle Daten und Versorgungserfahrungen, dass strukturelle, präventive und gesundheitspolitische Maßnahmen dringend notwendig bleiben, um die erreichten Erfolge langfristig zu sichern und weiter auszubauen.








