Strukturelle Herausforderungen in der internistischen Versorgung
Gesundheitssysteme in Europa stehen vor vergleichbaren strukturellen Problemen. Der demografische Wandel führt zu einer älter werdenden Bevölkerung und damit zu einer steigenden Zahl multimorbider Patienten. Gleichzeitig nimmt der Bedarf an komplexen diagnostischen und therapeutischen Leistungen zu. Parallel verschärfen sich Personalengpässe im medizinischen Bereich.
Auch in Deutschland wird die Versorgungslage zunehmend durch den Fachkräftemangel geprägt. Nach Angaben der Bundesärztekammer besitzen inzwischen mehr als 15 % der berufstätigen Ärzte eine ausländische Staatsangehörigkeit, zumeist aus europäischen Ländern, Syrien und der Türkei. Ein erheblicher Anteil der derzeit tätigen Mediziner wird in den kommenden Jahren altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. Vor diesem Hintergrund gewinnt die internationale Mobilität von Fachkräften zunehmend an Bedeutung.
Neben der Sicherstellung ausreichender personeller Ressourcen rücken Fragen nach vergleichbaren Ausbildungsstandards, effizienteren Versorgungsstrukturen und neuen Formen der Zusammenarbeit stärker in den Fokus der medizinischen Fachgesellschaften.
Internistenkongress der DGIM setzt Fokus auf europäische Kooperation
Vor diesem Hintergrund widmet sich der 132. Internistenkongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), der vom 18. bis 21. April 2026 in Wiesbaden stattfindet, dem Thema „Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin – die Zukunft gestalten“. Ein Schwerpunkt unter dem Motto „Die Zukunft der Medizin ist grenzenlos“ liegt auf der Frage, wie europäische Kooperationen zur Weiterentwicklung von Versorgung und Weiterbildung beitragen können.
Die Kongresspräsidentin Univ.-Prof. Dr. Dr. med. Dagmar Führer-Sakel betont die Bedeutung eines internationalen Austauschs: Die aktuellen Veränderungen durch neue Therapien, digitale Technologien und veränderte Versorgungsbedarfe sollten nicht ausschließlich aus nationaler Perspektive betrachtet werden. Erfolgreiche Konzepte anderer Länder könnten wertvolle Impulse für strukturelle Reformen liefern.
Daher werden in den wissenschaftlichen Programmen verstärkt europäische Fachgesellschaften eingebunden, darunter die European Federation of Internal Medicine (EFIM) sowie internistische Fachgesellschaften aus Österreich, der Schweiz und erstmals auch das Royal College of Physicians aus Großbritannien.
Unterschiede in der ärztlichen Weiterbildung innerhalb Europas
Ein zentraler Diskussionspunkt des Kongresses betrifft die ärztliche Weiterbildung. In Deutschland ist diese durch den föderalen Aufbau des Gesundheitssystems geprägt. Die Inhalte und organisatorischen Strukturen der Weiterbildung werden durch die jeweiligen Landesärztekammern geregelt, wodurch sich regionale Unterschiede ergeben können.
In anderen europäischen Ländern existieren teilweise stärker standardisierte Modelle. So sind beispielsweise in der Schweiz oder in den Niederlanden strukturierte Rotationsprogramme zwischen verschiedenen Versorgungsstufen – etwa zwischen Krankenhäusern der Grundversorgung und Maximalversorgern – verbindlich vorgesehen und landesweit einheitlich organisiert.
Dr. med. Irmengard Meyer, Sprecherin der Jungen DGIM, weist darauf hin, dass internationale Erfahrungen während der Weiterbildung für viele junge Ärzte zunehmend relevant werden. Der Austausch mit anderen Gesundheitssystemen könne neue Perspektiven auf Ausbildungsstrukturen und Behandlungsansätze eröffnen.
Europäische Netzwerke als Motor für medizinische Innovation
Neben der Weiterbildung sieht die DGIM auch in der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit ein großes Potenzial. Europäische Leitlinienprojekte, multinationale Studien sowie länderübergreifende Netzwerke – etwa im Bereich seltener Erkrankungen – zeigen bereits heute, wie Kooperationen zur Verbesserung der Patientenversorgung beitragen können.
Auch neue medizinische Entwicklungen, etwa digitale Anwendungen, innovative diagnostische Verfahren oder personalisierte Therapieansätze, erfordern häufig internationale Forschungskonsortien. Gemeinsame Datenstrukturen und ein verantwortungsvoller Austausch medizinischer Informationen werden daher zunehmend als zentrale Voraussetzung für zukünftige Fortschritte betrachtet.
Die Kongresspräsidentin nennt in diesem Zusammenhang insbesondere Themen wie Datasharing, Interprofessionalität, klinische Studien sowie Prävention als zentrale Handlungsfelder für eine stärkere europäische Zusammenarbeit. Insbesondere der Verschiebung weg von der Behandlung von Krankheiten hin zur Prävention und zum Erhalt von Gesundheit wird hier ein größerer Raum eingeräumt.“
Internationale Perspektiven als Chance für die Versorgung
Nach Einschätzung der DGIM könnte eine stärkere europäische Vernetzung langfristig die berufliche Zufriedenheit erhöhen. Internationale Austauschprogramme und Kooperationen könnten dazu beitragen, neue Kompetenzen zu erwerben und unterschiedliche Versorgungsmodelle kennenzulernen. Eine notwendige Bedingung zur Förderung des problemlosen personellen Wechsels über Ländergrenzen hinweg sind aufeinander abgestimmte Strukturen.
Ärzte mit internationaler Erfahrung bringen häufig zusätzliche Perspektiven in klinische Entscheidungsprozesse ein und können neue diagnostische oder therapeutische Ansätze in ihre Tätigkeit integrieren.
Ausblick: Europäische Kooperation als Baustein zukünftiger Gesundheitssysteme
Die Diskussionen auf dem DGIM 2026 verdeutlichen, dass viele Herausforderungen der modernen Medizin nicht auf nationaler Ebene allein gelöst werden können. Fragen der medizinischen Weiterbildung, der Digitalisierung sowie der Versorgung komplexer Erkrankungen betreffen Gesundheitssysteme in ganz Europa.
Eine stärkere Harmonisierung von Ausbildungsstrukturen, intensivere Forschungskooperationen und der Austausch erfolgreicher Versorgungsmodelle könnten dazu beitragen, die medizinische Versorgung langfristig nachhaltiger zu gestalten.
Der internationale Dialog, wie er auf dem DGIM 2026 angestoßen werden soll, könnte daher ein wichtiger Schritt sein, um gemeinsame Strategien für zukünftige Herausforderungen der Inneren Medizin zu entwickeln.












