Veränderte Darmmikrobiota beeinflusst chronische Schmerzen bei Sichelzellerkrankung

Ein Mangel an Akkermansia muciniphila im Darmmikrobiom trägt im Mausmodell zur chronischen Schmerzsymptomatik bei Sichelzellerkrankung bei; Fäkaltransplantation gesunder Spender und Anreicherung von Akkermansia reduzierten das Schmerzverhalten.

Sichelzellen

Die Sichelzellerkrankung (Sickle Cell Disease, SCD) ist eine hereditäre Hämoglobinopathie, die weltweit Millionen Menschen betrifft. Charakteristisch sind deformierte, rigide Erythrozyten, die zu Mikrogefäßverschlüssen und akuten Schmerzkrisen führen. Neben diesen akuten Schmerzepisoden leiden etwa 50 % der Patienten zusätzlich an chronischen Schmerzen, deren Pathophysiologie bislang unzureichend verstanden ist. Trotz Fortschritten in der Therapie – einschließlich neuer gentherapeutischer Ansätze – bestehen nur begrenzte Möglichkeiten zur Behandlung chronischer Schmerzsymptome.

Mikrobieller Einfluss auf chronische Schmerzprozesse bei Sichelzellerkrankung im Fokus

Ein interdisziplinäres Forschungsteam der University of Texas at Dallas und des Medical College of Wisconsin (USA) untersuchte den Zusammenhang zwischen Darmmikrobiota, bakteriellen Metaboliten und neuronaler Schmerzsignalgebung bei Sichelzellerkrankung. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift 'Cell Host & Microbe' veröffentlicht.

Vorangegangene Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass Patienten mit Sichelzellerkrankung häufig eine Dysbiose der Darmmikrobiota aufweisen. Ob diese mikrobielle Veränderung jedoch direkt zur Schmerzentstehung beiträgt, war bislang unklar.

Tierexperimentelle und molekulare Ansätze zur Aufklärung mikrobieller Schmerzmechanismen

In einem transgenen Mausmodell der Sichelzellerkrankung wurden Fäkaltransplantationen von gesunden Kontrolltieren durchgeführt. Parallel erfolgte die Transplantation der pathologischen Mikrobiota in Wildtypmäuse. Die Forscher untersuchten schmerzassoziierte Verhaltensänderungen, analysierten bakterielle Zusammensetzungen mittels 16S-rRNA-Sequenzierung und bestimmten relevante Metaboliten. Ergänzend kamen humane Bioproben und transkriptomische Analysen von Nervengewebe (Nodose-Ganglien) zum Einsatz, um die tierexperimentellen Befunde auf den Menschen zu übertragen.

Dysbiose und Bilirubin als Schlüsselfaktoren chronischer Schmerzen

Die Studie zeigte, dass Mäuse mit Sichelzellerkrankung eine deutliche Dysbiose aufwiesen, gekennzeichnet durch eine reduzierte Häufigkeit von Akkermansia muciniphila. Nach Transplantation einer gesunden Mikrobiota normalisierte sich das Schmerzverhalten. Umgekehrt entwickelten Wildtypmäuse nach Übertragung des Sichelzell-Mikrobioms persistente Schmerzsymptome, ohne dass hämatologische Veränderungen vorlagen.

Als zentraler Mechanismus wurde eine erhöhte intestinale Konzentration von Bilirubin identifiziert, einem Abbauprodukt des Häms, das von Darmbakterien weiterverstoffwechselt wird. Dieses Bilirubin aktivierte spezifisch TRPM2-Ionenkanäle auf vagalen afferenten Nervenfasern und führte so zur Sensibilisierung neuronaler Schmerzbahnen.

Akkermansia muciniphila lindert Schmerzverhalten

Die gezielte Gabe von Akkermansia muciniphila reduzierte in transgenen SCD-Mäusen das Schmerzverhalten deutlich. Die Effekte könnten auf die Produktion kurzkettiger Fettsäuren zurückgeführt werden, die eine schützende Wirkung auf die intestinale Mukosa und das neuronale Immunsystem ausüben, heißt es in einer begleitenden Mitteilung der University of Texas at Dallas. Diese Befunde unterstreichen die zentrale Bedeutung der Mikrobiota-Komposition für die Schmerzregulation bei Sichelzellerkrankung.

Identifizierte Signalwege liefern Ansatzpunkte für zukünftige mikrobiombasierte Therapien

Die Ergebnisse zeigen, dass Veränderungen der Darmmikrobiota und des Bilirubin-Stoffwechsels entscheidend zur Chronifizierung von Schmerzen bei Sichelzellerkrankung beitragen. Durch die Identifizierung der TRPM2-vermittelten Signalübertragung eröffnen sich neue Perspektiven für die zielgerichtete Schmerzforschung.

Damit bietet die Studie eine präklinische Grundlage für künftige klinische Untersuchungen zu mikrobiombasierten Therapieansätzen, etwa unter Einsatz von Probiotika oder fäkalen Mikrobiota-Transplantationen.

Autor:
Stand:
27.10.2025
Quelle:
  1. Brandow, A. M. et al. (2025): Gut microbiota and metabolites drive chronic sickle cell disease pain in mice. Cell Host & Microbe. DOI: 10.1016/j.chom.2025.08.012.
  2. University of Texas at Dallas, News, 18. September 2025.
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