12% der Menschen von Tinnitus betroffen
Tinnitus ist ein häufiges Krankheitsbild. Bei der Erkrankung nehmen die Patienten Geräusche wie Klingeln oder Pfeifen wahr, ohne dass eine äußere Geräuschquelle vorhanden ist. Es handelt sich hierbei um eine auditorische Phantomwahrnehmung.
Etwa 12% der Menschen sind weltweit von Tinnitus betroffen. Die Lebensqualität der Patienten ist mitunter stark eingeschränkt.
Bisher gibt es keine wirkungsvollen Therapien, noch ist die Ätiologie der Erkrankung geklärt.
Entwicklung eines neuen Modells für Tinnituswahrnehmung
Ein internationales Forschungsteam um Dr.Achim Schilling und Dr.Patrick Kraus vom Neurowissenschaftlichen Labor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik- Kopf- und Halschirurgie des Universitätsklinikums Erlangen kombinierte künstliche Intelligenz, Kognitionsforschung und experimentelle Neurowissenschaften, um ein neues Modell der Phantomwahrnehmung beim Tinnitus zu entwickeln.
Für ihre Studie brachten die Wissenschaftler verschiedene Erklärungsmodelle mithilfe einer künstlichen Intelligenz zusammen.
Sie identifizierten das Zusammenspiel zweiter zentraler Prozesse, die wahrscheinlich Phantomwahrnehmungen auslösen.
Gehirn nimmt Wahrnehmung vorweg
Der erste Prozess ist die prädiktive Codierung, der dem Gehirn basierend auf vorhandenem Wissen ermöglicht, zukünftige Wahrnehmungen vorwegzunehmen.
So können beispielsweise halbgehörte Sätze ergänzt werden und so die Wahrnehmung verbessert werden. Beim Tinnitus interpretiert das Gehirn dann ein Geräusch in unseren Höreindruck hinein, der nicht existiert.
Neuronales Rauschen als Verstärkung
Der zweite Prozess ist die adaptive stochastische Resonanz, ein Verstärkungsmechanismus. Hierbei wird die Aktivität von Neuronen entlang der Hörbahn erhöht, indem ein neuronales Rauschen hinzugefügt wird.
Es wird angenommen, dass dieses Verstärkerrauschen insbesondere dann auftritt, wenn die Hörsinneszellen im Innenohr geschädigt sind und in bestimmten Frequenzbereichen das Hören eingeschränkt ist. Zum Ausgleich dieser Hörschwäche erzeugt die adaptive stochastische Resonanz vermehrt eigene Geräusche.
Hierdurch können schwache Signale, wie leise Geräusche, besser wahrgenommen werden.
Phantomwahrnehmung wird als realer Höreindruck interpretiert
Durch diese beiden Prozesse kann es passieren, dass das Gehirn selbst generierte Geräusche, die Phantomwahrnehmung, irrtümlich als einen echten Hörreiz interpretiert.
Gleichzeitig liefert das Modell eine Erklärung, warum Tinnitus oft mit einer Hyperakusis, also einer Überempfindlichkeit gegenüber leisen Tönen, einhergeht, nämlich weil das Gehirn diese schwachen Signale verstärkt.
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ihre Ergebnisse zu besseren Therapieansätzen für Tinnitus beitragen können.









