Etwa 5% der mit SARS-CoV-2 infizierten Personen entwickeln anhaltende Symptome, die über mehrere Monate andauern können, bekannt als Long-Covid. Typische Beschwerden sind Erschöpfung, postexertionale Malaise (PEM) und kognitive Beeinträchtigungen, ebenso wie multiple Organbeeinträchtigungen.
Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass Menschen mit Long-Covid Anzeichen von Immunstörungen, anhaltender Aktivierung von Immunzellen und Produktion von Autoantikörpern aufweisen. Die genaue Ursache von Long-Covid ist aber nach wie vor unzureichend verstanden. Diagnostische Biomarker sind nicht gut definiert, eine wirksame Behandlung für Long-Covid gibt es nicht. Neue Erkenntnisse liefern jetzt Ergebnisse von einer Blutprobenanalyse, die kürzlich im Wissenschaftsmagazin 'Science' publiziert wurden [1].
Längsschnittstudie: Blutserum-Analyse von 113 Patienten
Eine Arbeitsgruppe um Dr. Carlo Cervia-Hasler vom Institut für Immunologie der Universität Zürich analysierte in einer Längsschnittstudie das Blutserum von 113 Patienten, die sich entweder vollständig von Covid-19 erholt oder Long-Covid entwickelt hatten. Diese Ergebnisse verglichen die Forschenden mit den Serum-Parametern von 39 gesunden Personen. Ziel der Untersuchung war es, Biomarker und immunologische Veränderungen zu identifizieren, die mit Long-Covid in Verbindung stehen.
Cervia-Hasler und Kollegen maßen die Serumspiegel von insgesamt 6.596 Proteinen. Patienten mit bestätigter akuter Covid-19-Erkrankung wurden bis zu einem Jahr begleitet. Ihr Blutserum wurde erneut nach sechs Monaten und, soweit möglich, nach zwölf Monaten entnommen.
Komplementsystems als entscheidender Faktor bei Long-Covid
Nach sechs Monaten zeigten 40 der 113 untersuchten Probanden weiterhin anhaltende Beschwerden im Zusammenhang mit Long-Covid. Als entscheidender Einflussfaktor für diesen Zustand kristallisierte sich das Komplementsystem heraus – ein Teil der unspezifischen humoralen Immunabwehr, der bei den Betroffenen auch noch sechs Monate nach der akuten Phase von Covid-19 aktiv war.
Besonders betroffen waren die Komplementregulatoren, die den terminalen Komplementkomplex (TCC) initiieren, bestehend aus den Komponenten C5b-9. TCCs dringen in die Zellmembranen ein und führen zur Lyse der Zielzellen. In den Serumproben von Long-Covid-Patienten wurde eine verminderte Konzentration der C7-haltigen TCC-Formationen festgestellt. Dies lässt auf eine verstärkte Einlagerung von TCCs in die Zellmembranen bei Long-Covid-Patienten schließen, was zu Gewebeschäden beitragen könnte.
Zusätzlich wiesen Long-Covid-Patienten Anzeichen einer durch Antikörper vermittelten Aktivierung des klassischen Komplementwegs auf, die mit erhöhten Spiegeln von Antikörpern gegen Zytomegalieviren (CMV) und Epstein-Barr-Viren (EBV) in Verbindung stand.
Diagnostische und therapeutische Perspektiven
Die identifizierten Serumprotein-Veränderungen bieten nicht nur eine plausible Erklärung für die beobachteten Gewebeschäden bei Long-Covid-Patienten, sondern auch für die anhaltenden thromboinflammatorischen Reaktionen, die sich durch erhöhte Marker für Hämolyse, Endothel- und Plättchenaktivierung im Serum nachweisen lassen.
Eine erhöhte Komplementaktivierung und Thromboinflammation könnten somit potenzielle Biomarker für Long-Covid darstellen. Dies trägt nicht nur zu einem besseren Verständnis der Pathogenese von Long-Covid bei, sondern eröffnet auch Ansätze für diagnostische und therapeutische Strategien. „Obwohl therapeutische Interventionen mit Gerinnungs- und Komplementinhibitoren bei akutem Covid-19 gemischte Ergebnisse erzielten, deuten die für Long-Covid spezifischen pathologischen Merkmale auf mögliche Interventionen für klinische Tests hin“, schreibt Professor Wolfram Ruf von der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Zentrum für Thrombose und Hämostase (CTH), in einer dazu passenden Perspektive [2].









