Auch nach dem offiziellen Ende der COVID-19-Pandemie im Sommer 2023, bleibt SARS-CoV-2 nach wie vor Gegenstand aktueller Forschungen. Insbesondere das Verständnis der Übertragungswege, die sowohl Tröpfcheninfektionen als auch Aerosole umfassen, verdeutlicht die kritische Rolle der Schleimhautimmunreaktion in Mund und Nase als erste Hürde für das Virus.
Die Arbeitsgruppe um Judith K. Keller von der Universität Hamburg konnte nun beobachten, wie diese „Hürde“ ohne direkten Erregerkontakt durch visuelle Reize aus der Umgebung proaktiv verstärkt wird.
Immunologischer Hintergrund
Das sekretorische Immunglobulin A (sIgA) ist der wichtigste Antikörper im Atemwegstrakt. Durch Plasmazellen innerhalb des Schleimhautepithels wird sIgA ausgeschüttet und hindert so Krankheitserreger vor dem Eindringen in den Organismus, indem es die Anhaftung an Epithelzellen verhindert. Zusätzlich unterstützt sIgA die intrazelluläre Neutralisierung der viralen Replikation.
Studienablauf
Untersucht wurden 45 gesunde Personen zwischen 18 und 35 Jahren, die bereits geimpft oder genesen waren. Getestet wurden die Teilnehmenden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen: An einem Tag wurde ein Video gezeigt mit Personen, die Symptome zeigten wie Niesen und Husten. Am anderen Tag sahen sie ein Video mit gesunden Personen in ähnlichen Umgebungen.
Im Rahmen der Studie wurden zu drei verschiedenen Zeitpunkten Speichelproben entnommen: vor dem Ansehen der Videos, unmittelbar danach und schließlich nach dem Ausfüllen von Fragebögen, die sowohl allgemeine Gesundheitsfragen als auch spezifische Fragen zum subjektiven Wohlbefinden nach dem Ansehen der Videos umfassten.
Wichtig zu beachten ist, dass die Studie, während der ersten und zweiten Omikron-Welle durchgeführt wurde. Die Teilnehmenden befanden sich also in einem Lebensalltag mit bewusst erhöhtem Infektionsrisiko. Dies könnte zu einer generell gesteigerten Immunbereitschaft führen, mit der die Teilnehmenden in die Studie eintraten.
Video steigerte Antikörperkonzentration im Speichel kurzfristig
Nach 8 Minuten visueller Konfrontation mit niesenden, hustenden oder anderweitig kranken Personen zeigte sich ein signifikanter Anstieg des spike-spezifischen sIgA um einen Median von 27,9%. Nach einigen Minuten kehrten die Werte wieder zurück zu den gemessenen Ausgangswerten. Diese Ergebnisse legen nahe, dass spike-spezifische sIgAs eine proaktive Rolle bei der Immunabwehr spielen könnten, um die Mundhöhle auf den viralen Kontakt vorzubereiten.
Zudem wurde festgestellt, dass ein höheres Ekelempfinden und Unbehagen mit der Antikörperkonzentration korrelierte. Dies legt die Vermutung nahe, dass Personen, die stärker auf potenzielle Krankheitserreger mit Ekel reagieren, möglicherweise eine geringere Notwendigkeit für eine verstärkte Immunantwort besitzen, da sie sich instinktiv stärker vor möglichen Infektionsquellen schützen.
Trotz der aufschlussreichen Erkenntnisse bleiben wesentliche Fragen unbeantwortet.Dazu zählt insbesondere die Neutralisationskapazität der spike-spezifischem sIgA, welche in der Studie nicht getestet wurde, sowie die Frage, inwieweit diese Ergebnisse über den spezifischen Kontext der Pandemie hinaus generalisierbar sind.










