DGK 2023: Gesundheitsscreenings im Profi- und Laiensport: Wie können sie vor plötzlichem Herztod schützen?

Besonders Ausdauersport strengt das Herz-Kreislauf-System an. Das Risiko für Plaques und Rhythmusstörungen kann steigen. Gerade gegen Ende einer Hochbelastung steigt auch das Risiko für einen plötzlichen Herztod. Gesundheitsscreenings können helfen, Risikopatienten frühzeitig zu erkennen.

Sportler Herzprobleme

Es geschah beim EM-Spiel Dänemark gegen Finnland im Juni 2021. Ohne Fremdeinwirkung und ohne Vorwarnung brach der dänische Nationalspieler Christian Eriksen auf dem Fußballfeld zusammen. Die Diagnose: Herzstillstand. Nur durch sofortige Reanimation und Defibrillation überlebte der Spieler. So viel Glück haben jedoch sowohl im Profi- als auch im Laiensport nicht alle. Jedes Jahr versterben etwa ein bis drei von 100.000 Sportreibenden . Besonders häufig sind Männer betroffen. Solche Daten werden im Register „Sudden Cardiac Death“ (SCD Deutschland) an der Universität des Saarlandes gesammelt.

Gesundheitsscreenings können gefährdete Personen zu einem gewissen Maß schützen. Im Profisport sind sie verpflichtend, denn extreme körperliche Belastung erhöht das Risiko des plötzlichen Herztodes um den Faktor 2,8. Doch welche Untersuchungen sind geeignet, wie sieht es im Laiensport aus und welchen Sport dürfen Herzpatienten machen? Das thematisierte ein Arbeitsgruppentreffen der Sportkardiologie anlässlich der 89. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Mannheim.

Sporttauglichkeit im Profisport

Der Hochleistungssport in Deutschland ist in Kadern und Ligen organisiert, die jeweils unterschiedliche Regeln für Gesundheitsscreenings haben. Die letzte Leitlinie zu Gesundheitsscreenings im Hochleistungssport, die für mehr Einheitlichkeit sorgen könnte, ist mittlerweile mehrere Jahre alt und sehr weit gefasst. Aktuell wird eine neue Leitlinie erarbeitet, wie der Berliner Professor Bernd Wolfarth beim Kongress berichtete. Sie soll voraussichtlich Ende dieses Jahres fertig werden.

Je nach Liga und Kader sind weiterführende kardiologische Untersuchungen bereits Bestandteil des allgemeinen Gesundheitsscreenings. Gescreent wird meist vor Beginn der sportlichen Laufbahn und bis zu einem Jahr nach Beendigung in lizensierten Untersuchungszentren. Zur internistischen Gesundheitsbeurteilung gehört bisher in der Regel neben Anamnese - inklusive ausführlicher Familienanamnese - und körperlicher Untersuchung ein Ruhe-EKG. Tauchen dabei Auffälligkeiten auf, wird die Diagnostik erweitert um Ergometrie und Belastungs-EKG. Teilweise ist jedoch auch die Echokardiographie Teil des Gesundheitsscreenings - und das ist umstritten.

Echokardiographie – verzichtbar?

Sind Anamnese, körperliche Untersuchung und Ruhe-EKG unauffällig, könne in vielen Fällen auf die Echokardiographie verzichtet werden, erklärte Professor Torben Pottgießer aus Kirchzarten beim Kongress. Was ließe sich jedoch in einer Echokardiographie erkennen, für das nicht bereits aus den Basisuntersuchungen ein Verdacht erwachsen ist und das einen plötzlichen Herztod vermeiden könnte? Zu nennen sind hier beispielsweise hypertrophe Kardiomyopathien, sehr große Herzen, Klappenanomalien oder reduzierte Pumpfunktionen. Bei der echokardiographischen Untersuchung stoßen Kardiologen allerdings immer wieder auf Probleme, denn ein sogenanntes Sportlerherz und pathologische Veränderungen sind bei Profisportlern nicht immer einfach zu definieren und zu diagnostizieren. Eine reine Volumenbestimmung nach Dickhuth et al. hat international kaum Bedeutung, auch wenn sie in Deutschland teilweise noch angewendet wird. Relevanter sind die Masse des linken Ventrikels sowie die relative Wanddicke.

Theoretisch ist sogar bereits das Ruhe-EKG umstritten. In den USA zählt es beispielsweise nicht zu der Basisdiagnostik. Unter anderem weil nicht bekannt ist, wie sich Hochleistungssport genau auf das EKG auswirkt und welche Veränderungen dann pathologisch wären.

Shared Decision Making

Treten Auffälligkeiten auf, muss das nicht immer ein Aus für die Sportlerkarriere bedeuten. Zunehmend ziehe auch in den Spitzensport das Prinzip des „Shared Decision Makings“ ein, berichtete Professor Wolfarth. Dabei werden die Konsequenzen mit den Athleten gemeinsam besprochen und Entscheidungen gemeinsam getroffen. Das betrifft nicht nur eine generelle Sporttauglichkeit, sondern auch Themen wie Essstörungen im Sport und alltägliche Situationen wie Infekte und Wettkämpfe. Denn unterm Strich gilt: „Ganz am Ende trägt der Athlet das Risiko und dessen müssen wir uns immer bewusst sein“, so Professor Wolfarth.

Dürfen Herzpatienten Marathon laufen?

Im Laiensport sieht es jedoch noch einmal anders aus. Diesen betreiben vor allem die Menschen, die in Bezug auf Altersgruppe, Phänotyp und Profil auch in den Arztpraxen am häufigsten anzutreffen sind: sehr viele Männer, häufig über 40 Jahre alt und mit Risikofaktoren. Ein Beispiel ist der Club der 100MC. Das sind Menschen, die mindestens 100 Marathonläufe in ihrem Leben absolviert haben. Ein Marathon ist eine extreme körperliche Belastung. Wie Studien zeigen konnten, haben Menschen, die über Jahre hinweg Marathon laufen, eine vermehrte Plaque-Bildung. Nach einem 140-Tage Rennen von Californien nach Maryland zeigte sich bei vier Teilnehmenden in einer Studie bereits eine deutliche Zunahme von Plaques. Bei einem der Teilnehmer sogar mit instabilem Plaque, wie Dr. Thomas Schramm aus Köln berichtete. Extremsport kann das Risiko für rhythmogene Erkrankungen erhöhen. Ausdauersporttreibende haben beispielsweise ein fünffach so hohes Lebenszeitrisiko, ein Vorhofflimmern zu entwickeln.

Sportler tragen Risiko

Es gibt keine Pflichtuntersuchungen für Menschen, die Marathon laufen. An den meisten Marathonläufen darf theoretisch (fast) jeder teilnehmen. Auch Herzpatientinnen und -patienten. Theoretisch können auch sie einen Marathon laufen. Dafür bedarf es jedoch regelmäßiger Kontrollen. „Ganz wichtig ist hier das Belastungs-EKG. Eventuell auch mit Laktattest, um sicherzustellen, dass die Patientinnen und Patienten sich zwar belasten, nicht aber überlasten“, empfahl Dr. Schramm. Besonders Herztransplantierte müssen sehr engmaschig betreut und überwacht werden. Theoretisch ist es dann auch für sie möglich, Marathon zu laufen. „Aber das sind Individualentscheidungen“, so der Sportkardiologe. Letztendlich tragen - wie bei den Profisportlern auch - die Patientinnen und Patienten das Hauptrisiko. Der dänische Nationalspieler Christian Eriksen spielt seit gut einem Jahr wieder Fußball im Profisport - mit implantiertem Defibrillator und engmaschig kontrolliert.

Autor:
Stand:
18.04.2023
Quelle:
  1. Berrisch-Rhamel S. et al. : „Wann können wir kardiale Sporttauglichkeit attestieren?“, Arbeitsgruppensitzung Sportkardiologie im Rahmen der 89. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Mannheim und online, 12. April 2023
  2. Deutsche Herzstiftung, Plötzlicher Herztod beim Sport - kein unausweichliches Schicksal, zuletzt aufgerufen am 16.04.2023.
  3. Fischer S (2022): Dänemarks Herzschrittmacher - Christian Eriksen bei der WM. Süddeutsche Zeitung, zuletzt aufgerufen am 16.04.2023.
  4. Universität des Saarlands, Sudden Cardiac Death Registry, zuletzt aufgerufen am 16.04.2023.
  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden