Gute Daten als Fundament evidenzbasierter Medizin: Beispiele Herzinsuffizienz

Gute Studiendaten sind Grundlage für hochwertige Patientenversorgung und medizinischen Fortschritt. Zwei aktuelle IQWiG-Nutzenbewertungen zeigen, wie stark die Aussagekraft einer Bewertung von der Vollständigkeit und Qualität der Daten abhängt.

Klinische Daten

Unvollständige Daten verhindern belastbare Nutzen-Risiko-Bewertungen

Die moderne Medizin, insbesondere die Kardiologie, steht vor der Herausforderung, eine Vielzahl innovativer, oft invasiver und hochrisikobehafteter Verfahren zu bewerten und in die Patientenversorgung zu integrieren. Die Prävalenz von Herzinsuffizienz, die sich durch eine gestörte Blutzirkulation und Sauerstoffversorgung äußert und in fortgeschrittenen Stadien zu erheblichen körperlichen Einschränkungen führt, sowie die hochgradige Trikuspidalklappeninsuffizienz, bei der chirurgische Eingriffe oft risikoreich oder ungeeignet sind, stellen Mediziner vor komplexe Behandlungsentscheidungen. Der Grundstein für eine gute Patientenversorgung und den medizinischen Fortschritt liegt in der Verfügbarkeit vollständiger Daten. Nur auf dieser Basis lässt sich der wahre Nutzen und potenzielle Schaden eines Therapieverfahrens verlässlich beurteilen und eine optimale Behandlungsstrategie entwickeln.

Randomisierte Studien als Schlüssel zu evidenzbasierten Entscheidungen

Das IQWiG wurde vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beauftragt, zwei Hochrisiko-Verfahren am Herzen – den perkutan implantierten interatrialen Shunt bei Herzinsuffizienz und den endovaskulären Trikuspidalklappenersatz – zu bewerten. Diese Bewertungen verdeutlichen, wie entscheidend die Qualität der Evidenz die Schlussfolgerungen und Therapieempfehlungen beeinflusst.

Beim interatrialen Shunt, der bei Herzinsuffizienz mit reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion den Druck im linken Vorhof senken soll, blieben wesentliche Informationen unvollständig. In der Studie RELIEVE-HF mit 206 Teilnehmenden fehlten sowohl die Gesamtzahl der Krankenhauseinweisungen als auch die vollständigen Angaben zu unerwünschten Ereignissen. Dadurch konnte nicht abschließend beurteilt werden, ob eine mögliche Verringerung herzinsuffizienzbedingter Hospitalisierungen tatsächlich einen klinischen Vorteil darstellt, wenn die Gesamtzahl aller Einweisungen unverändert bleibt. Diese Datenlücken erschweren die Risikoabwägung erheblich.

Der endovaskuläre Trikuspidalklappenersatz hingegen entwickelte sich von einer zunächst schwachen Evidenzbasis zu einer belastbaren Datengrundlage. Innerhalb von zwei Jahren lagen Zwischenergebnisse und schließlich vollständige Studiendaten der randomisierten Studie TRISCEND II vor, die 259 Personen mit Implantat mit 133 Personen ohne Implantat verglich. Trotz nachweisbarer Risiken wie Blutungen oder Komplikationen in den ersten 30 Tagen, die jedoch meist reversibel waren, überwogen die Vorteile in Bezug auf Symptomreduktion, bessere Belastbarkeit und gesteigerte Lebensqualität deutlich.

Der Stellenwert vollständiger Datensätze in der evidenzbasierten Medizin

Diese beiden Verfahren zeigen, dass Datentransparenz eine unverzichtbare Voraussetzung für evidenzbasierte Medizin ist. Ohne vollständige Offenlegung aller relevanten Ergebnisse lassen sich Nutzen und Schaden nicht valide einschätzen – selbst dann nicht, wenn einzelne Parameter günstig erscheinen. Gleichzeitig verdeutlicht der Trikuspidalklappenersatz, dass durch fortlaufende Bereitstellung von Studiendaten innerhalb kurzer Zeit eine belastbare Evidenzbasis geschaffen werden kann. Dabei kann der Prozess der Evidenzgewinnung schrittweise verlaufen und dennoch zu einer verlässlichen Entscheidungsgrundlage führen. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist, dass bei schwer kranken Patienten die Verbesserung der Lebensqualität – selbst bei vorhandenen Risiken – einen entscheidenden Nutzen darstellen kann, wenn Heilung nicht im Vordergrund steht.

Fehlende Daten verzögern also nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern können auch den Zugang zu potenziell hilfreichen Verfahren für Patienten verhindern. Diese Erfahrung zeigt, dass Regelungen zur Datentransparenz, die sich etwa bei der frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln (AMNOG) bewährt haben, auch für nicht-medikamentöse Verfahren von entscheidender Bedeutung sind.

Fazit: Von der Studienqualität zur klinischen Entscheidung

Für Ärzte bedeutet dies: Entscheidungen lassen sich nur so gut treffen, wie es die zugrunde liegende Evidenz erlaubt. Hochwertige, vollständige und methodisch einwandfreie Daten sind der einzige Weg, um Patienten transparent über Chancen und Risiken zu informieren und gemeinsam Therapieentscheidungen zu treffen. Und sind damit die Basis einer qualitativ hochwertigen Patientenversorgung. Nur wenn Daten zu Nutzen und Schaden vollständig vorliegen und methodisch solide erhoben wurden, lassen sich evidenzbasierte Entscheidungen in der klinischen Praxis treffen. Auch wenn nicht jede Studie sofort einen Durchbruch bringt, tragen selbst Bewertungen mit unklarem Ausgang wesentlich dazu bei, Wissenslücken zu schließen und die Methodik der Evidenzbewertung weiterzuentwickeln.

Gute Daten sind damit kein Selbstzweck – sie sind die Grundlage dafür, dass neue Verfahren tatsächlich zu besserer Versorgung und medizinischem Fortschritt führen.

Autor:
Stand:
17.10.2025
Quelle:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Gute Daten sind kein Selbstzweck, sondern Grundstein für gute Patientenversorgung und medizinischen Fortschritt. Pressemitteilung vom 29. Juli 2025. Verfügbar unter: https://www.iqwig.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-detailseite_153542.html (Zugriff am 31. Juli 2025)

  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden