Schmerzen bei älteren Menschen
Viele Menschen im fortgeschrittenen Alter leiden unter Schmerzen. Im Arzneimittelreport 2023 der Barmerkrankenkassen erhalten fast 40% ihrer Versicherten in der Altersgruppe 65-79 Jahre Analgetika-Verordnungen aufgrund nicht-maligner Schmerzen, in der Altersgruppe ≥80 Jahre sind es >50%. Gleichzeitig stellt die Schmerztherapie aufgrund von Komorbiditäten, Polypharmazie, physischen, psychischen, sensomotorischen und kognitiven Limitierungen eine besondere Herausforderung dar.
Auf dem Deutschen Schmerzkongress 2023 in Mannheim zeigte Dr. med. Kay Niemier von der Westmecklenburg Klinikum Helene von Bülow in Hagenow in seinem Vortrag „Schmerztherapie bei Patienten im hohen Lebensalter —Stationäre IMST- Sinn oder Unsinn?“ auf, wie eine stationäre interdisziplinär multimodale Schmerztherapie (IMST), gerade älteren Menschen helfen kann, ihre Schmerzerkrankung zu verbessern und wieder mehr Lebensqualität zu erlangen [1].
Bedeutung des Trainings
Die wesentlichen Bausteine einer interdisziplinär multimodalen Schmerztherapie sind die Schmerzedukation, Psychotherapie (z. B. Akzeptanz- und Commitment-Therapie), Entspannungstechniken, physikalische Therapien sowie Sporttherapie mit Ausdauersport, Krafttraining und Koordinationstraining.
Die Bedeutung eines intensiven Sporttrainings bei älteren Schmerzpatienten stand im Mittelpunkt des Vortrags von Niemier. Dabei unterschied er eindeutig zwischen „Bewegung“, die jede Aktivität über dem Grundumsatz beinhaltet und „Training“, das eine strukturierte und geplante Bewegung zur Leistungsverbesserung ist. „Wenn es den Leuten bessergehen soll, müssen sie trainieren, da reicht Bewegung nicht aus“, betonte Niemier.
Schmerzentstehung aufgrund mangelnder Belastbarkeit
Typische Lebensleistungskurven zeigen ein Leistungsmaximum im Alter von etwa 30 Jahren. Danach nimmt die Leistungsfähigkeit und damit auch die Belastbarkeit individuell unterschiedlich schnell ab. Ohne Training nimmt die Belastbarkeit mit zunehmendem Alter deutlich schneller ab. Damit steigt auch das Risiko von muskuloskelettalen Schmerzen im Alter, wie Niemier an einem vereinfachten Modell erläuterte [2].
In diesem Modell beeinflusst die Diskrepanz von Belastung und Belastbarkeit die Nozizeption, führt zu einem Energiemangel und einer Änderung des Muskeltonus. Infolgedessen kommt zu sekundären Funktionsstörungen, wie z. B. der Blockierung von Triggerpunkten oder Muskelverspannungen. Eine muskuläre Dysbalance entsteht. Diese Prozesse verstärken die Nozizeption. Die allgemeine Dysbalance beeinträchtigt die Belastbarkeit. Infolgedessen kommt es zu morphologischen Veränderungen und Funktionsstörungen, die der Körper bis zu einer gewissen Grenze kompensieren kann, wird diese Grenze überschritten, kommt es zu Symptomen und Beschwerden, unter anderem auch Schmerzen.
Sport im höheren Lebensalter - Evidenzen
Eine bereits 1990 veröffentlichte Studie zeigte, dass auch ≥90-jährige von einem intensiven Krafttraining erheblich profitieren können [3]. Seitdem gibt es immer mehr Evidenzen dafür, dass Training bei älteren Menschen Mobilität, Balance und Koordination, physische und kognitive Fähigkeiten sowie das psychische Befinden verbessern kann.
Befürchtungen das Krafttraining den Gelenken schaden könnten, seien unbegründet, tatsächlich führe es zu einer signifikanten Schmerzlinderung bei Cox und Gonarthrosen und verbessere Gelenk-Stoffwechsel und Gelenk-physiologie, erklärte Niemier. Er steuerte hierzu auch zwei Fallbeispiele aus eigener Praxis bei.
Wer profitiert vom stationären Setting?
Eine IMST kann bei älteren Menschen ambulant, teilstationär oder stationär durchgeführt werden. Die ambulante oder teilstationäre IMST erfordert jedoch, dass die Patienten gesundheitlich weitgehend stabil, mobil, engagiert und adhärent sind und außerdem in einem supportiven Umfeld leben. Für Menschen, die somatischen oder psychischen Komorbiditäten leiden, die überwacht werden sollten, eine limitierte Mobilität aufweisen, sturzgefährdet sind oder bei denen Adhärenzprobleme befürchtet werden, empfahl Niemier eine stationäre IMST mit hochintensiver Intervention.
Nachhaltigkeit nur mit Nachbetreuung
Nach der Entlassung aus der stationären IMST ist eine langfristige Supervision und Anleitung der Patienten erforderlich. Auf sich selbst gestellt sind viele Patienten mit der selbstständigen Durchführung des Trainings überfordert. Apps zur Anleitung werden dabei von älteren Patienten erfahrungsgemäß selten angenommen.
Ideal sei die Supervision und Anleitung der Patienten eines zweimal wöchentlichen Sporttrainings, das von einem Trainer in kleinen Gruppen (≤8 Personen) durchgeführt wird. In diesem Rahmen ist nicht nur der Trainingseffekt optimal, die Gruppe bewirkt auch eine soziale Aktivierung, verbessert die Stimmung und trägt zur psychischen Stabilisierung bei.






