Das Soziale kommt zu kurz
Das biopsychosoziale Modell des Schmerzes ist gut etabliert und in allen Lehrbüchern zu finden. „Während die biologischen und psychologischen Aspekte des Modells in Wissenschaft und Therapie einen breiten Raum einnehmen, bleiben die sozialen Aspekte etwas im Hintergrund,“ erklärte Professor Dr. Thomas Fischer, der Tagungspräsident des Deutschen Schmerzkongresses 2023 in Mannheim. Um die sozialen Aspekte des Schmerzes aus ihrem Schattendasein zu holen, präsentierte Dr. Kai Karos, Assistenz-Professor an der Faculty of Psychology and Neuroscience der Universität Maastricht, in seinem Key Note Vortrag „Das Soziale im biopsychosozialen Modell des Schmerzes – von der Theorie über die Forschung in die Klinik“ den Stand des Wissens zu diesem Thema [1].
Das Soziale im Schmerz
Soziale Einflüsse auf den Schmerz werden häufig auf der individuellen bzw. familiären Ebene betrachtet. Dabei beeinflussen auch soziale Makro-Level, z. B. Kulturkreis oder Gesellschaft, die Entstehung von Schmerzen sowie deren Wahrnehmung und Verarbeitung durch den Patienten — und nicht zuletzt auch die Bewertung der Schmerzen durch den Arzt. Soziale Determinanten wie Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht können Risikofaktoren für Schmerzen darstellen, sie können aber auch schmerzprotektive Effekte entfalten. Auf der anderen Seite können Schmerzen auch den sozialen Kontext des Patienten beeinflussen und z.B. zur Berufsunfähigkeit und sozialer Isolation führen.
Soziale und physische Schmerzen
Naomi Eisenberger wies bereits 2012 nach, dass sozialer Schmerz, der auftritt, wenn soziale Bindungen bedroht oder beschädigt werden, ebenso durch Opiate gelindert werden kann wie physischer Schmerz. Bei sozialem Schmerz sind zudem Gehirnregionen aktiv, die auch beim physischen Schmerz eine Rolle spielen [2].
In einer Analyse von 502.528 Datensätzen der UK Biobank zeigte sich, dass Einsamkeit und soziale Isolation das Risiko von Schmerzen nach Bereinigung um andere Risikofaktoren signifikant um etwa das Doppelte erhöhen [3]. Soziale Ungleichheit kann das Risiko für chronische Schmerzen erhöhen. Weibliches Geschlecht, dunkle Hautfarbe, kulturelle Zugehörigkeit, soziökonomischer Status etc. sind dabei nicht nur Risikofaktoren für die Entwicklung chronischer Schmerzen, sondern auch dafür, dass die Schmerzen dieser Bevölkerungsgruppen im Vergleich zu anderen Patienten häufiger unterschätzt werden.
Unterschätzter Schmerz
Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Schmerzen im Gesundheitssystem insgesamt eher unterschätzt und daher auch nicht adäquat behandelt werden [4]. Bei bestimmten Bevölkerungsgruppen wie Frauen, Menschen dunkler Hautfarbe oder mit niedrigem sozioökonomischem Status ist das Risiko, dass der behandelnde Arzt Schmerzen unterschätzt, signifikant höher, wie unter anderem eine experimentelle Studie mit einem Virtual Reality Setting zeigte [5]. Dabei führen Schmerzen, die nicht ernstgenommen werden, nicht nur zu einer unzureichenden Behandlung, sondern auch zu einer erhöhten Schmerzwahrnehmung bei den Patienten.
Schmerzlindernde soziale Faktoren
Menschen in gesicherten sozioökonomischen Verhältnissen und mit einem stabilen sozialen Umfeld leiden seltener unter Schmerzen. Günstige soziale Bedingungen können also schmerzprotektiv wirken. Soziale Interaktionen mit Menschen, denen man vertraut, können Schmerzen lindern. Wenn der Lebenspartner die Hand des Patienten hält, kann das die Schmerzen verringern [6]. Neben dem Lebenspartner, Familie und Freunden erwarten Patienten auch vom Arzt und vom medizinischen Fachpersonal soziale Unterstützung, wenn sie Schmerzen haben. Viele sind dabei schon zufrieden, wenn man sich Zeit für sie nimmt, ihnen zuhört, sich empathisch zeigt und sie ernst nimmt.
Soziale Einflüsse in der Therapie nutzen
Zum Schluss seines Vortrags rief Karos dazu auf in der Forschung die sozialen Aspekte im biopsychosozialen Modell des Schmerzes noch intensiver zu untersuchen. Dabei sollte man größer denken, also nicht nur auf dem Level des Individuums, sondern angesichts der zukünftigen Herausforderungen im Gesundheitssystems auch auf der gesellschaftlichen Ebene. Schließlich sollten sich alle, die in der Medizin tätig sind, bewusst machen, dass sie zum sozialen Kontext des Patienten gehören und ihr Verhalten und Umgang mit dem Patienten dessen Schmerzwahrnehmung und -bewältigung erheblich beeinflussen.






