Virtual Reality als potenzieller Lückenfüller
Bei der nicht-medikamentösen Schmerztherapie bestehen häufig Versorgungslücken, die, so hofft man, teilweise von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs) geschlossen werden könnten. Auf dem Deutschen Schmerzkongress 2023 in Mannheim legte Dr. Axel Schäfer, Professor für Therapieforschung und Physiotherapeut an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim in seinem Vortrag „Evidenz von Virtual Reality als therapeutische Maßnahme bei chronischen Schmerzen“ welche Effekte der Virtual Reality (VR) bislang dokumentiert wurden [1].
Ergebnisse in Metaanalysen
Bei chronischen Schmerzen im Allgemeinen zeigten Metanalysen vielversprechende Ergebnisse mit großen Effektstärken für Schmerz und Funktion. Bei Spezifikation der Populationen wird das Bild heterogener. Bei muskuloskelettalen Schmerzen, Rücken -Nackenschmerzen keine signifikanten Effektstärken. Evidenzqualitäten der zugrundeliegenden Studien war niedrig bis sehr niedrige Qualität.
Eine Meta-Regression-Analyse untersucht die Modifikatoren der Effekte von VR im Schmerzmanagement und ergab bemerkenswerte Befunde in der univariaten Regression, nämlich dass einfache Anwendungen wie 2D oder 3D-Videos effektiver als 3D 360° VR-Umgebungen oder VR ohne Interaktion effektiver als VR mit Interaktion waren.
Dauer und Frequenz der VR-Sessions hatten keinen Einfluss auf das Ergebnis. In der multivariaten Regression stellten sich die Schmerzintensität in der Kontrollgruppe und die Art in der Kontrolle als signifikante Moderator heraus. Die VR-Behandlung wirkte bei jüngeren Patienten etwas besser als bei Älteren [2].
Was ist für Patienten relevant?
Eine Beobachtungsstudie untersuchte, was für Patienten bei einer VR-Anwendung mit edukativen Elementen relevant war. Als besonders relevant bewerteten die Patienten die Empfehlungen zur körperlichen Aktivität, gesünderen Ernährung, zu Entspannungsübungen, der Schlafhygiene und der Bewegungssteigerung im Alltag. Wohingegen die Patienten die Aufzeichnung von Aktivitäten oder Schlafverhalten mit Wearables, online oder in Papierform als weniger relevant erachteten. Schäfer hob außerdem hervor, dass viele Patienten nach der VR-Anwendung konkrete Pläne für die Umsetzung von gesünderem Verhalten im Alltag machten [3].
Tieferer Einblick bei Einzelfallstudien
Zur VR in der physiotherapeutischen Versorgung präsentierte Schäfer eine Einzelfallstudie mit einem 40-jährigen, adipösen Patienten, der seit rund 15 Jahren an Rückenschmerzen im Brust- und Lendenbereich litt und Erfahrung mit verschiedenen Schmerztherapie hatte.
Bei der Software handelte es sich um eine immersive VR mit edukativen Inhalten (Reise durch das Nervensystem) und verhaltensorientierten Elementen (Spiel in dem Schmerzimpulse bekämpft und Schmerzverarbeitung verbessert wird).
Die VR-Anwendung wurde in eine physiotherapeutische Behandlung mit 12 Sitzungen innerhalb von 4 Wochen integriert. Am Ende jeder Einheit wurde ein Reflexionsgespräch mit dem Patienten geführt. Nach der Intervention wurden ein Leitfadeninterview und weitere 8 Wochen später eine Follow up Befragung durchgeführt.
Während der Intervention kam es zu keinen signifikanten Effekten auf die Schmerzen und die Medikamenteneinnahme. Die schmerzbedingte Beeinträchtigung des Patienten nahm stark ab (von v. Korff Grad 3 nach Grad 1).
Darüber hinaus ergaben sich klinische relevante Verbesserungen bei der schmerzspezifischen Selbstwirksamkeit, der Kinesiophobie, der Schmerzkatastrophierung, der Teilhabe und der Lebensqualität. Im Leitfadeninterview gab der Patient eine veränderte Einstellung zu seinen Schmerzen an und, dass er während der Arbeit und seinen Hobbies weniger Schmerzen wahrnimmt [4].
Wie beurteilt man die Effekte der VR?
Die Evidenzen zur Wirksamkeit von VR-Anwendungen in der Schmerztherapie aus quantitativen Studien sind vielversprechend, aber heterogen und von geringer Qualität.
Es gibt noch viele offene Fragen und Verbesserungsbedarf, wie beispielsweise die Erkennung und ggf. die Ausschaltung von Effektmoderatoren, eine bessere Anpassung an bestimmte Zielgruppen, z. B. ältere Menschen und die sinnvolle Implementierung in die Gesamtversorgung. Auf der anderen Seite sollte auch die Beurteilung der Effekte überdacht werden.
Beobachtungsstudien und Einzelfallstudien liefern neue Aspekte und Perspektiven zur Bewertung des therapeutischen Erfolgs von Anwendungen wie die VR, die vor allem über das subjektive Erleben und die Erfahrung des Patienten wirken. Insbesondere Einzelfallstudien ermöglichen, so Schäfer, einen Blick in Tiefe und nicht wie andere Studien einen Blick in die Breite.







