Kurz gelesen:
- Glioblastome bilden vernetzte Tumorstrukturen
- Standardtherapien eliminieren nur Einzelzellen
- Netzwerke bleiben bestehen → Therapieresistenz
- Klinischer Nutzen neuer Ansätze noch unklar
Neue Daten zur „Cancer Neuroscience“ zeigen: Hirntumoren agieren als neuronale Netzwerke. Das könnte Therapieversagen erklären und neue Ansätze eröffnen.
Glioblastome zählen weiterhin zu den prognostisch ungünstigsten Tumoren. Trotz intensiver Therapie bleiben die Überlebenszeiten kurz. Ein Grund könnte in der biologischen Organisation der Tumoren liegen, wie Prof. Dr. Frank Winkler (Universitätsklinik Heidelberg) auf dem Kongress der European Academy of Neurology (EAN) 2026 darlegte.
Demnach verhalten sich Glioblastome nicht wie isolierte Zellverbände, sondern bilden ausgedehnte, funktionell vernetzte Strukturen im Gehirn. Diese Netzwerke entstehen durch lange, neuritenähnliche Zellfortsätze („tumor microtubes“), die einzelne Tumorzellen miteinander verbinden. „Wir müssen die Neuroonkologie neu denken“, betonte Winkler.
Die klinische Relevanz dieser Strukturen liegt in ihrer hohen Widerstandsfähigkeit. Während Strahlen- oder Chemotherapie einzelne Tumorzellen eliminieren können, bleibt das vernetzte System bestehen. Dieses Netzwerk fungiert als „resistentes Rückgrat“ der Erkrankung. Nicht integrierte Tumorzellen sterben ab, vernetzte Zellen überleben und verstärken ihre Verbindungen weiter. „Das Netzwerk überlebt, es ist das resistente Rückgrat der Erkrankung“, erklärte Winkler.
Damit liefert das Modell eine plausible Erklärung für das häufige Therapieversagen bei Glioblastomen.
Die Tumorzellen nutzen dabei zentrale Mechanismen der Hirnentwicklung. Sie imitieren neuronale Prozesse, um ihre Netzwerke aufzubauen und zu stabilisieren.
Neben strukturellen Verbindungen spielen auch funktionelle Aspekte eine Rolle:
Dieses Verhalten erinnert an neuronale Netzwerke – ein Konzept, das das Feld der „Cancer Neuroscience“ prägt. „Krebs könnte viel neuronaler sein, als wir bisher dachten“, so Winkler.
Ein weiterer zentraler Befund: Tumorzellen stehen direkt mit Neuronen in Verbindung. Winkler beschrieb funktionelle Synapsen zwischen Nervenzellen und Tumorzellen, die über glutamaterge Signalwege vermittelt werden. Diese neuronalen Inputs fördern Proliferation und Invasion der Tumorzellen. Damit werden Tumoren aktiv in neuronale Netzwerke eingebunden und profitieren von deren Signalen.
Aus den Erkenntnissen ergeben sich konkrete therapeutische Perspektiven. Ziel ist es, die Netzwerkstruktur oder die neuronale Signalübertragung zu unterbrechen.
Zu den untersuchten Strategien gehören:
Letzterer Ansatz wird bereits in klinischen Studien geprüft. Dennoch mahnte Winkler zur Zurückhaltung: „Wir brauchen gute klinische Studien. Faszinierende Konzepte allein reichen nicht.“
Die Ergebnisse legen nahe, dass zukünftige Therapien weniger auf einzelne Tumorzellen abzielen sollten, sondern auf die funktionelle Organisation des Tumors.
Für die Praxis bedeutet dies:
Langfristig könnte dies auch für andere Tumorentitäten relevant sein, da ähnliche Mechanismen bei Hirnmetastasen und extrakraniellen Tumoren beobachtet wurden.
Prof. Dr. med. Frank Winkler: Neural influences on brain tumor growth and therapy resistance, 12th Congress of the European Academy of Neurology, Genf, 27.—30. Juni 2026.
Hinweis: Dieser Beitrag wurde redaktionell verantwortet. KI-gestützte Werkzeuge wurden unterstützend eingesetzt. Die inhaltliche Prüfung erfolgte anhand der Originalquellen.