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Krankheiten
Das gesunde Auge bündelt einfallende Strahlen in einem Brennpunkt. Bricht das Auge das Licht jedoch ungleichmäßig und entstehen so multiple Brennpunkte, sehen Betroffene verzerrt. Ein Astigmatismus sollte früh erkannt und therapiert werden, um Folgeschäden zu vermeiden.
Definition
Beim Astigmatismus handelt es sich um eine Wölbungsanomalie der brechenden Medien des Auges, wodurch die Brechkraft des Auges nicht in allen Ebenen gleich ist. Parallel einfallende Lichtstrahlen werden folglich auseinandergezogen, anstatt in einem Brennpunkt zusammenzufallen.
Epidemiologie
Der Astigmatismus ist ein sehr häufiger Refraktionsfehler, von dem ca. die Hälfte der Bevölkerung in geringer Intensität (0,5 dpt) betroffen ist. Bei 20% der Menschen liegt der Astigmatismus > 1 dpt und ist damit behandlungsbedürftig. Am häufigsten tritt der äußere, reguläre Astigmatismus auf der rechten Seite auf [5].
Ursachen
Die Stabsichtigkeit ist häufig angeboren, bleibt ohne Therapie lebenslang und kann sich im Verlauf verschlechtern. Selten können vorübergehende Astigmatismen auftreten, die z. B. durch einen temporären Verzug der Hornhaut im Rahmen einer Glaukom-Operation entstehen.
Verschiedene Erkrankungen können zu einer vollkommen unregelmäßigen Wölbung der brechenden Medien und damit zu einem irregulären Astigmatismus führen. Hierzu gehören vor allem perforierende Hornhautverletzungen, Ulzerationen der Hornhaut mit Vernarbungen, Linsentrübungen (Katarakt), ein Lentikonus oder ein Keratokonus.
Die Ursache von neu entstandenen regulären Astigmatismen bleibt häufig unklar; es wird jedoch vermutet, dass eine zu hohe Lidspannung zu einer astigmatischen Veränderung der Hornhautoberfläche führen kann [2,5].
Pathogenese
Um die Pathophysiologie der Stabsichtigkeit zu verstehen, lohnt sich eine kurze Wiederholung der Grundlagen des dioptischen Apparats.
Fallen Lichtstrahlen auf eine Grenze von zwei Medien mit unterschiedlicher optischer Dichte, wird Licht gebrochen. Je größer der Unterschied zwischen den Brechungsindices der beiden Medien ist, desto stärker wird das Licht gebrochen.
Die anatomischen Strukturen, die einfallendes Licht am Auge brechen, sind die Hornhaut (Cornea), das Kammerwasser (Humor aquosus), die Linse (Lens oculi) und der Glaskörper (Corpus vitreum). Die Gesamtbrechkraft des Auges beträgt ca. 58-65 dpt, wobei der Hauptteil der Brechkraft von der Hornhaut (43 dpt) und der Linse (10-20 dpt) getragen wird.
Ziel der Lichtbrechung am Auge ist es, die Lichtstrahlen, die punktförmig von einem betrachteten Objekt ausgehen, wieder punktförmig auf der Netzhaut zusammenzuführen. Dabei entsteht am gesunden, sphärischen Auge normalerweise ein umgekehrtes, verkleinertes und scharfes Bild am Brennpunkt auf der Netzhaut [1,4].
Beim Refraktionsfehler Astigmatismus sind Teile der brechenden Medien des Auges verkrümmt, sodass multiple Brennpunkte entstehen. Das Licht wird in einem Meridian (Hauptschnitt) anders gebrochen als in dem dazu senkrecht stehenden Meridian, wodurch sich auf der Netzhaut z. B. ein Strich, anstatt eines Punktes ergibt. Mittig zwischen den Brennpunkten liegt der „Punkt kleinster Verwirrung“, bei dem das Bild in alle Richtungen gleich stark verzerrt wird und dadurch die geringste Unschärfe aufweist [5].
Einteilung
Eine Art der Einteilung von Astigmatismen beruht auf dem Ort der Wölbungsanomalie:
- Äußerer Astigmatismus: Astigmatismus der Hornhautvorderfläche
- Innerer Astigmatismus: Astigmatismus an anderen brechenden Medien
Liegen nur zwei Meridiane und damit ein sog. „regulärer Astigmatismus“ vor, können Astigmatismen anhand der Lage ihrer am stärksten brechenden Achse eingeteilt werden:
- Astigmatismus rectus: Der am stärksten brechende Meridian liegt vertikal (zwischen 70-110 Grad).
- Astigmatismus inversus: Der am stärksten brechende Meridian liegt horizontal (zwischen 160 und 20 Grad).
- Astigmatismus obliquus: Die Achse der höchsten Brechkraft liegt schräg (zwischen 20-70 Grad oder zwischen 110-160 Grad).
Beim „irregulären Astigmatismus“ lässt sich die zuletzt genannte Einteilung nicht vornehmen, da die Verkrümmungen komplett unregelmäßig sind und dadurch multiple Meridiane und Brennpunkte vorhanden sind [5].
Symptome
Patientinnen und Patienten mit einem Astigmatismus sehen sowohl die Ferne, als auch Objekte in der Nähe verzerrt. Da natürlicherweise versucht wird, Fehlsichtigkeit mit Akkommodation auszugleichen, können asthenopische Beschwerden wie Kopfschmerzen und Augenbrennen die Folge sein.
Diagnostik
Zur ersten Einschätzung der Topografie der Hornhautoberfläche dient die Placido-Scheibe. Es handelt sich hierbei um eine beleuchtete, kreisrunde Scheibe mit einem Loch in der Mitte, auf der verschiedenfarbige Kreise aufgetragen sind. Anhand der Reflektion der Kreise auf der Hornhaut der Patientinnen und Patienten können mögliche Verzerrungen diagnostiziert werden. Ein oval verzogenes Spiegelbild der Kreise spricht für einen regulären Astigmatismus, während der irreguläre Astigmatismus die Ringe unregelmäßig verändert.
Mittels der computergesteuerten Hornhauttopographie (Videokeratoskopie) können der Krümmungsradius und die Brechkraft des Auges genauer beurteilt werden. Hierzu wird eine Strichfigur auf die Retina projiziert und es werden automatisiert so lange Korrekturlinsen vorgeschaltet, bis die Figur scharf erscheint.
Ein weiteres Messinstrument zur Messung der zentralen Hornhautverkrümmung ist das Ophthalmometer nach Helmholtz oder Javal, bei dem die Reflexion beleuchteter Objekte Rückschlüsse auf die Krümmung der Hornhaut geben kann [3, 5].
Therapie
Generell sollten Astigmatismen möglichst frühzeitig ausgeglichen werden, um die Entstehung von unkorrigierbaren Refraktionsamblyopien zu vermeiden.
Nach Angaben der Sk2 Leitlinie zur visuellen Wahrnehmungsstörungen liegen die Grenzwerte zur Vollkorrektur eines Astigmatismus bei Kindern unter einem Jahr bei einem Astigmatismus > -3dpt; ab dem ersten Lebensjahr gilt es, einen Astigmatismus > -1dpt zu therapieren [6].
Die Art der Therapie ist abhängig von der Form des Astigmatismus. Während reguläre Astigmatismen mit Brillengläsern ausgeglichen werden können, ist dies bei einem irregulären Astigmatismus nicht möglich.
Brillengläser zur Therapie des regulären Astigmatismus sind Zylindergläser, da diese das Licht nur in einer Ebene brechen und die Brennlinien der Meridiane in einem Punkt zusammenbringen können. Gegebenenfalls müssen die Zylindergläser durch zusätzliche sphärische Gläser ergänzt werden, die den Brennpunkt auf der Netzhaut verlagern.
Beim irregulären Astigmatismus gibt es zu viele verschiedene Brennlinien, als das diese mit einem Zylinderglas gebündelt werden könnten. Die Therapie erfolgt daher meist mit formstabilen Kontaktlinsen oder interventionellen Verfahren wie der Keratoplastik oder einer operativen Korrektur. Liegt die Ursache des Astigmatismus in der Linse (innerer Astigmatismus), kann eine Linsenentfernung mit Implantation einer Kunstline von Nöten sein.
Sonderform: Keratokonus
Eine der häufigsten Hornhautveränderungen, die mit einem Astigmatismus einhergeht, ist der Keratokonus. Es handelt sich hierbei um eine kegelförmige Verformung und Ausdünnung der Hornhaut unklarer Ursache, die jedoch häufig mit genetischen Erkrankungen wie z. B. dem Marfan-Syndrom assoziiert ist.
Die Erkrankung verläuft meist schubförmig und führt zu einem beidseitigen irregulären myopen Astigmatismus.
Eine schwere Komplikation ist der „akute Keratokonus“, bei dem nach Einreißen der Descemet- und Endothelmembran Kammerwasser in die Hornhaut eindringt. Betroffene klagen dann über einen plötzlichen Visusverlust mit starken Schmerzen.
Die Therapie des Keratokonus besteht im Ausgleich des Astigmatismus und der Myopie, weshalb Brillen und starre Kontaktlinsen zum Einsatz kommen. Eine weitere neuere minimalinvasive Therapiemöglichkeit ist das sog. „UV-Crosslinking“, bei dem die Kollagenfasern der Hornhaut verstärkt werden. Hierzu wird die Hornhaut mit Riboflavin getränkt und im Anschluss mit UVA-Licht bestrahlt. Ultima ratio in der Therapie des Keratokonus ist die Hornhauttransplantation (Keratoplastik) [5].
Prophylaxe
Da Astigmatismen häufig angeboren sind oder im Rahmen unvermeidbarer Eingriffe entstehen, ist eine aktive Prophylaxe nicht möglich. Im Gegensatz zur Myopie geht man beim Astigmatismus zudem nicht davon aus, dass lange Bildschirmzeiten oder intensives Lesen für die Entstehung der Fehlsichtigkeit im Laufe des Lebens relevant sind [2].
Hinweise
Um Sehfehler bei Kindern frühzeitig zu diagnostizieren und ausgleichen zu können, gibt es in Deutschland seit 2008 eine zusätzliche Früherkennungsuntersuchung (U7a), die die gewöhnlichen U-Untersuchungen ergänzt und am Ende des dritten Lebensjahres durchgeführt wird [2].