-
Home
-
Krankheiten
Die Riesenzellarteriitis ist eine granulomatöse Großgefäßvaskulitis bei über 50-Jährigen. Typisch sind Kopfschmerzen, Kauschmerzen und Sehstörungen. Ohne rasche Behandlung kann es zur Erblindung kommen – eine sofortige Glukokortikoidtherapie ist essenziell.
Definition
Die Riesenzellarteriitis (RZA) ist die häufigste systemische Vaskulitis bei Personen über 50 Jahren und zählt zu den Großgefäßvaskulitiden. Sie betrifft bevorzugt die extrakraniellen Äste der A. carotis, insbesondere die A. temporalis, und führt histologisch zu einer granulomatösen Entzündung mit Riesenzellen.
Epidemiologie
Die RZA tritt nahezu ausschließlich bei Personen über 50 Jahren auf und Frauen sind etwa 2- bis 6-mal häufiger betroffen als Männer. In Europa gilt sie als häufigste idiopathische systemische Vaskulitis in dieser Altersgruppe.
Die Inzidenz beträgt in Deutschland etwa 44 Fälle pro 1 Mio. Einwohner pro Jahr, wobei in anderen europäischen Regionen – insbesondere in Nordeuropa – teils höhere Raten beobachtet wurden. Mit steigendem Lebensalter nimmt die Inzidenz weiter zu, das mittlere Erkrankungsalter liegt meist zwischen 70 und 75 Jahren.
Ursachen
Die genaue Ursache der Riesenzellarteriitis ist bislang nicht abschließend geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Prädisposition und Umweltfaktoren zur Krankheitsentstehung beiträgt. Familiäre Häufungen und HLA-Assoziationen deuten auf eine genetische Prädisposition hin.
Darüber hinaus deuten saisonale Schwankungen in der Inzidenz und eine höhere Erkrankungsrate in städtischen Regionen auf mögliche infektiöse oder umweltbedingte Trigger hin, wobei bisher kein spezifischer Auslöser identifiziert werden konnte.
Pathogenese
Die Riesenzellarteriitis (RZA) ist eine vermutlich autoimmun vermittelte Erkrankung, bei der eine fehlgesteuerte Immunantwort eine granulomatöse Entzündung der Gefäßwand großer Arterien auslöst. Aktivierte dendritische Zellen in der Adventitia präsentieren antigene Strukturen und rekrutieren CD4⁺-T-Zellen sowie Makrophagen, die unter Bildung von Riesenzellen zytotoxische und proinflammatorische Zytokine freisetzen.
Zwei T-Helfer-Zellsubtypen sind dabei zentral: TH1-Zellen, die Interferon-γ produzieren, und TH17-Zellen, die Interleukin-6 und Interleukin-21 sezernieren. TH17-Zellen sprechen gut auf Glukokortikoide an, während TH1-Zellen persistieren können, was chronische Verläufe begünstigt. Die entzündliche Reaktion führt zur Intimahyperplasie, Gefäßwandverdickung und letztlich zur luminalen Einengung, wodurch ischämische Komplikationen entstehen können.
Symptome
Die Symptome der RZA sind vielfältig. Besonders charakteristisch und bei entsprechender Kombination stark diagnostisch wegweisend sind vor allem:
- Neu aufgetretener, anhaltender temporaler Kopfschmerz
- Belastungsabhängiger Kiefer-/Kaumuskelschmerz (Claudatio)
- Sehstörungen
- Druckschmerz und verdickte A. temporalis
- Polymyalgia rheumatica (Schulter-/Beckengürtelschmerz und Morgensteifigkeit)
Weiter Symptome bei einer Riesenzellarteriitis können sein:
- Allgemeines Krankheitsgefühl
- Fieber
- Nachtschweiß
- Gewichtsverlust
- Taubheitsgefühl oder Kribbeln in den Fingern
- Kopfhautempfindlichkeit
- Zungenschmerzen oder Taubheitsgefühl der Zunge
- Sprachstörungen oder Schwindel
- Brustschmerzen oder Rückenschmerzen in Ruhe oder unter Belastung
- Luftnot bei Belastung
- Schluckstörungen oder Bauchschmerzen nach dem Essen
- Kalte, blasse Finger oder Hände
Diagnostik
Die Diagnostik der Riesenzellarteriitis erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen und erfolgt durch die Kombination aus Anamnese, klinischer Untersuchung, laborchemischer Entzündungsdiagnostik sowie bildgebenden Verfahren. Bei unklarer Befundlage dient die Temporalarterienbiopsie dem histologischen Nachweis.
Klinische Diagnostik
- Palpation der A. temporalis (Druckschmerz, verdickter Verlauf, abgeschwächter oder fehlender Puls)
- Auskultation der A. subclavia und A. axilliaris (Strömungsgeräusche)
- (Seitendifferenzielle) Blutdruckmessung an beiden Armen
- Neurologische und ophthalmologische Beurteilung bei Sehstörungen oder neurologischer Symptomatik
Laborparameter
Ein krankheitsspezifischer Laborwert existiert nicht. Die folgenden Marker sind jedoch in nahezu allen aktiven Fällen erhöht und dienen der Verlaufsbeurteilung:
- C-reaktives Protein (CRP)
- Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG)
- Fibrinogen, Thrombozytenzahl
- ggf. Leukozytose und Hyperferritinämie
- Eine normo- oder mikrozytäre Anämie kann bei chronischem Verlauf vorliegen
Ein unauffälliges CRP schließt eine aktive RZA praktisch aus, ist jedoch in sehr seltenen Fällen (z. B. "okkulte RZA") möglich.
Bildgebung/apparative Diagnostik
Die bildgebende Diagnostik sollte zeitnah vor oder möglichst innerhalb weniger Tage nach Beginn der Glukokortikoidtherapie erfolgen, da die Sensitivität sonst rasch abnimmt.
- Farbkodierte Duplexsonographie (FKDS) der A. temporalis: Leitsymptom ist das Halo-Zeichen (echoarmer, nicht komprimierbarer Randsaum)
- FKDS der A. axillaris und A. subclavia zum Nachweis extrakranialer Manifestationen
- PET-CT oder kontrastverstärkte MRT/MRA bei Verdacht auf isolierte Aortitis oder bei atypischem Verlauf
- Temporalarterienbiopsie (TAB) bei unklarer Bildgebung weiterhin Goldstandard
Durch die TAB wird der sichere Nachweis einer segmentalen, granulomatösen Panarteriitis mit Riesenzellen gewonnen. Die Durchführung sollte möglichst in weniger als 10 Tagen nach Therapiebeginn erfolgen. Allerdings gilt die Sonographie heute bei typischer Symptomatik und positivem Halo-Befund als ausreichend diagnostisch und kann die Biopsie in vielen Fällen ersetzen.
Therapie
Die Therapie der Riesenzellarteriitis stützt sich im Wesentlichen auf die Anwendung von Glukokortikoiden. Bei Verdacht sollte sofort eine Anwendung mit Glukokortikoiden begonnen werden, insbesondere bei drohenden Visusverlust, weitere diagnostische Abklärungen dürfen den Therapiebeginn nicht verzögern.
Glukokortikoid-Therapie (Basistherapie)
- Initialdosis ohne Visusbedrohung: 40–60 mg Prednison/Tag p.o.
- Initialdosis bei drohenden Visusverlust: 500–1000 mg Prednisolon i.v./Tag über drei Tage, anschließend orale Fortführung
Dosisreduktion
- Beginn nach 2–4 Wochen, abhängig von klinischer Besserung und Entzündungsparametern.
- Langsames Ausschleichen über mindestens 12–18 Monate, oft deutlich länger erforderlich.
Glukokortikoidsparende Therapie (Remissionserhalt)
Empfohlen zur Reduktion von Rezidiven und Nebenwirkungen, insbesondere bei:
- Rezidiven
- Hohem GC-Bedarf
- Begleiterkrankungen (z. B. Osteoporose, Diabetes)
Zugelassene Substanz
- Tocilizumab (TCZ) (IL-6-Rezeptor-Antikörper): 162 mg s.c. 1×/Woche, für mind. 12 Monate
Off-Label
- Methotrexat (MTX): 10–25 mg/Woche s.c. oder oral, alternativ bei Kontraindikation gegen TCZ oder fehlender Verfügbarkeit
Ein konsequentes kardiovaskuläres Risikomanagement und eine Verbesserung der Allgemeingesundheit der Patienten ist obligat. Wichtig sind regelmäßige augenärztliche Kontrollen, eine Patientenschulung und strukturierte Verlaufskontrollen.
Prognose
Die Prognose der Riesenzellarteriitis ist bei frühzeitiger Diagnose und adäquater Therapie insgesamt günstig. Die meisten Patienten sprechen gut auf Glukokortikoide an, insbesondere in der initialen Phase. Allerdings zeigt die Erkrankung eine hohe Rezidivneigung, sodass eine Langzeittherapie über mehrere Jahre häufig erforderlich ist.
Unbehandelt kann die RZA zu schwerwiegenden ischämischen Komplikationen führen, insbesondere zur arteriitischen anterioren ischämischen Optikusneuropathie (AAION) mit dauerhaftem Visusverlust. Das Risiko einer irreversiblen Erblindung betrifft in der Regel etwa 15–20 % der unbehandelten Fälle, kann aber durch raschen Therapiebeginn deutlich reduziert werden.
Die Gesamtmortalität ist bei den meisten Patienten nicht wesentlich erhöht, mit Ausnahme bestimmter Subgruppen. Ein erhöhtes Sterberisiko besteht bei Befall der Aorta, insbesondere im Zusammenhang mit thorakalen Aneurysmen oder Aortendissektionen, die langfristig zu einer gesteigerten Mortalität führen können. Auch kardiovaskuläre Ereignisse und Infektionen unter immunsuppressiver Therapie tragen zur Prognose bei.
Langfristig kann bei einem Teil der Patienten eine Remission erreicht werden. Eine echte Heilung ist selten, da die Erkrankung meist chronisch-rezidivierend verläuft. Der Einsatz glukokortikoidsparender Substanzen wie Tocilizumab verbessert die Chance auf eine stabile Remission und reduziert steroidassoziierte Komplikationen.
Hinweise
Okkulter Verlauf
Die Riesenzellarteriitis kann in seltenen Fällen okkult verlaufen, also symptomlos. In solchen Fällen äußert sich die Erkrankung oft erst durch plötzlich auftretende Visusverluste oder andere ischämische Komplikationen.
Asymptomatischer Großgefäßbefall
Eine Beteiligung der Aorta oder extrakranieller Gefäße wie der A. subclavia oder A. axillaris ist bei der RZA häufig, verläuft jedoch in vielen Fällen klinisch stumm. Ohne bildgebende Diagnostik bleibt diese Manifestation oft unentdeckt, birgt jedoch ein erhöhtes Risiko für Aneurysmen und dissezierende Verläufe.
Gültigkeit der aktuellen S2k-Leitlinie bis zum 05.07.2025.