Hoher Bedarf an Nierentransplantationen: Versorgungslage in Deutschland
Die terminale Niereninsuffizienz stellt weiterhin eine erhebliche Belastung für das Gesundheitswesen dar. Etwa 100.000 Menschen sind in Deutschland auf eine Dialyse angewiesen, doch für viele wäre eine Nierentransplantation medizinisch die bessere Therapie. Die Diskrepanz zwischen Bedarf und verfügbaren Spenderorganen bleibt hoch: Rund 8.200 Personen warten aktuell auf ein Spenderorgan, mehr als 60 % davon auf eine Niere. Trotz etablierter Dialyseverfahren ist für diese Patientengruppe eine Transplantation häufig die einzige Möglichkeit, Lebensqualität und Lebenserwartung deutlich zu verbessern.
Der Organmangel ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein strukturelles Versorgungsproblem. Obwohl das 2024 gestartete Organspende-Register grundsätzlich mehr Transparenz schaffen soll, haben bislang nur gut 474.000 Menschen eine Erklärung hinterlegt—zu wenig, um den Mangel nachhaltig zu reduzieren.
Dialyse rettet Leben – Transplantation verbessert es nachhaltig
Die DGfN betont, dass die Dialyse zwar eine essenzielle Ersatzmethode, jedoch kein vollständiger Ersatz für die natürliche Nierenfunktion ist. Professorin Sylvia Stracke, Pressesprecherin der DGfN und Leiterin Nephrologie, Dialyse und Hochdruckkrankheiten der Universitätsmedizin Greifswald, weist darauf hin, dass die chronische Dialysebehandlung langfristig mit einer Einschränkung von Lebensqualität und Lebenserwartung einhergeht. Eine Nierentransplantation bietet demgegenüber bessere klinische Ergebnisse, bleibt aber aufgrund der langen Wartezeiten oft schwer zugänglich.
Gleichzeitig zeigen die Daten der DSO, dass die Organspendezahlen 2025 zwar den höchsten Stand seit 2012 erreicht haben, der Bedarf jedoch weiterhin deutlich über dem Angebot liegt.
Forderung nach einem zweiten EU-Aktionsplan: EKHA und DGfN drängen auf europäische Maßnahmen
Ein zentrales Anliegen der DGfN ist die Stärkung europäischer Strukturen. Gemeinsam mit der European Kidney Health Alliance (EKHA) fordert die Fachgesellschaft die Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (DG SANTE) der Europäischen Kommission auf, einen zweiten EU-Aktionsplan zu Organspende und Transplantation zu initiieren.
Der geforderte Aktionsplan soll folgende Schwerpunkte adressieren:
- Koordination und Kapazitätsaufbau im Transplantationswesen.
- Harmonisierung europäischer Datenmodelle zur Verbesserung der Vergleichbarkeit und Outcome-Forschung.
- Aufklärung und Sensibilisierung zur Erhöhung der Spendenbereitschaft.
- Forschung und Innovation zu Organerhalt, regenerativer Medizin und Prävention von Organversagen.
Nach Angaben von DGfN-Generalsekretärin Dr. Nicole Helmbold will die Fachgesellschaft mit ihrer Beteiligung an der Initiative „ein klares Signal setzen“, dass eine europaweit koordinierte, wissenschaftlich fundierte Strategie erforderlich ist, um die Versorgung nachhaltig zu verbessern.
Nationale Forderung der DGfN: Einführung der Widerspruchslösung
Neben den europäischen Forderungen legt die DGfN einen deutlichen Schwerpunkt auf nationale Reformen. Sie spricht sich klar für die Einführung der Widerspruchslösung in Deutschland aus. Diese soll dazu beitragen, die Zahl der potenziellen Spender zu erhöhen und so die Wartezeiten, die zurzeit bis zu zehn Jahre betragen können, zu verkürzen. Der Bundesrat hat im November 2025 einen entsprechenden Gesetzentwurf in den Bundestag eingebracht, den die DGfN ausdrücklich begrüßt.
Die Fachgesellschaft stuft diese gesetzliche Änderung als entscheidend ein, um mehr Patienten rechtzeitig eine Nierentransplantation zu ermöglichen.
Prävention und Forschung: Strategie zur langfristigen Entlastung des Systems
Neben der Transplantationspolitik betont die DGfN, dass die Prävention von Nierenerkrankungen ebenso im Fokus stehen muss. Dazu gehören bessere Früherkennung, Aufklärung über Risikofaktoren und eine Verlangsamung des Fortschreitens chronischer Nierenerkrankungen.
Hierzu fordert die DGfN die Einrichtung eines Deutschen Zentrums für Nierengesundheit (DZNG). Dieses soll die Forschung zu Prävention, Organerhalt und regenerativen Verfahren stärken und ein vernetztes klinisches Forschungsumfeld schaffen. Ziel ist es, langfristig die Zahl der Patienten, die Dialyse oder Transplantation benötigen, deutlich zu reduzieren.
Fazit: Europäische und nationale Reformen als Schlüssel zur Verbesserung der Transplantationsmedizin
Die DGfN zeichnet ein klares Bild: Der Organmangel bleibt eines der größten Hindernisse für die Nierentransplantation. Die geforderte Kombination aus einem europaweiten Aktionsplan, nationaler Gesetzesreform, verbesserter Datenqualität und einem starken Fokus auf Prävention adressiert zentrale Schwachstellen des aktuellen Systems.
Für die klinische Praxis könnten die geforderten Maßnahmen bedeutende Fortschritte bringen: Verkürzte Wartezeiten, verbesserte Planungssicherheit, bessere Ergebnisdaten und eine nachhaltige Entlastung durch Prävention. Weiterer politischer Einsatz und kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung bleiben jedoch notwendig, um diese Potenziale zu realisieren.









